Warum ich lese

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Tweet von ScharfesF | Twitterspruch von @ScharfesF

Ich scrolle durch die Followerliste einer neu entdeckten Tweetse. Ein bisschen voyeuristisch ist es schon, sich all diese kleinen Profilchen anzuschauen und hinzuspüren, wessen Gedanken mich interessieren könnten.

Vor meinen geistigen Augen entsteht ein weltumspannendes friedliches Netzwerk all der twitternden, bloggenden, fb-nutzenden Menschen, mit denen ich direkt und direkt verbunden bin. Ein Netz, in dem ich auch mit drin hänge. Wie ein Spinnennetz sieht es aus in meinem Kopfkino. Viele miteinander verbundene Menschen, verbunden mit Brücken aus Wörtern, Gedanken, Erkenntnissen. Bei den Twitternden mag ich jene Menschen am liebsten, die eine Mischung aus heiligem Ernst und intelligentem Bullshit zuwege bringen. Ohne dabei doof oder dumm zu sein. Philosophisches mit Humor, mit einer Prise Ironie und Satire, die dem allzu Ernsthaften liebevoll auf die Schulter klopft: Hallo, lach mal, die Welt ist nicht nur grau.

Ich sehe dieses Netz vor mir und fühle dabei die Macht, die wir haben, wir, die wir die Welt lieben und mit unseren Texten und Gedanken dazu beitragen, dass sie nicht in Tristesse versinkt. Die Macht der Schönheit. Die Macht der Phantasie. Die Macht der Freundschaft. Die Macht der Wörter.

Gestern sagte ich zum Liebsten, wie sehr ich am liebsten all die Dinge, die ich liebe, für andere und für mich täte. Kurse geben. Andern Sachen beibringen. Andern Bilder und Geschichten schenken. Andern zeigen, wie man besser schreiben kann. Alles ohne Geld zu nehmen zu müssen. Ohne Rechnungen schreiben zu müssen. Stattdessen hätte ich Ende Monat auf meinem Konto das monatliche Bedingungslose Grundeinkommen. Und sie auch. Er ebenfalls. Wir alle. Was für eine Welt!

Jetzt werde ich doch bald fünfzig und habe noch immer die Idee, das Ideal, die Hoffnung, dass die Welt eine bessere werden kann. Und die Hoffnung ebenfalls, dass ich mit dem, was ich bin und mit dem, was ich kann und habe, eben genau dazu beitragen kann.

Jetzt würde ich gerne als Abschluss einen dieser schlauen Sätze sagen, wie das meine Lieblingstwitternde so gut können. Nein, ich muss zum Glück nicht alles können.

Schließlich braucht es auch das Publikum. Die Lesenden. Mich und dich. Heute habe ich begriffen, dass es eine dumme Ausrede ist, wenn ich sage: Ich verbringe viel zu viel Zeit mit Blogs, Twitter und fb lesen und kommentieren. Im Grunde liebe ich es nämlich, zu lesen, was andere tun, denken, erleben, erkennen, teilen, versuchen, wagen. Und da ich ja nur jenen Menschen folge, die mich ansprechen, schreibt niemand hin, wenn er aufs WC geht. Oder gefurzt hat.

Ich lese von echten Menschen, die in ihren echten Leben etwas erlebt, etwas gelesen, etwas verstanden, gedacht, gefühlt haben. Und darum teilen sie es. [Und wenn ich es nicht lese, liest es vielleicht niemand.] Darum lese ich. Ich lese, weil ich lesen will. Weil es mich interessiert. Weil es mir wichtig ist, zu verstehen, wie andere Menschen ticken. Wie andere Menschen leben und fühlen.

Und noch immer fällt mir kein kluger Schlusssatz ein. So what.

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22 Kommentare zu „Warum ich lese“

  1. Yep – man lässt sich irgendwie ein bisschen ins Wohnzimmer schauen und schaut auch bei den anderen ab und zu rein. Wer das nicht mag, ist kaum Blogger/in….nehme ich mal an. Und diejenigen, welche tatsächlich jeden „Furz“ mitteilen möchten, machen das wohl eher auf Facebook, oder nicht?! Thx 🙂

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    1. Meine Fb-FreundInnen furzen nicht öffentlich, nein, dort erlebe ich eher politisch-kulturellen Austausch, bei Twitter eher philosophisch-humorigen und in der Blogosphäre eher philosophisch-literarischen Umgang. Ich mag das alles sehr. Zum Teil sind es die gleichen Menschen. Ohne Wohlwollen und Empathie wäre es Voyeurismus. So ist es Interesse. 😀

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  2. Du veränderst die Welt täglich, wenn du die ausgewählten Texte liest. Weil sie dich mitnehmen in eine andere Welt. Wie du schon beschrieben hast.
    Früher traf man sich bei der alten Linde oder am Brunnen, wenn Waschtag war. Da erzählte man sich von erlebtem oder von den Ängsten. Heute geht es via Internet schneller, man muss dazu das Haus nicht mal verlassen.

    Es ist nicht besser oder schlechter, sondern einfach nur anders. Wir sind vernetzt. Alle. Entgegen der Meinung von vielen ist das Netz überraschend tragfähig. Es kommt immer darauf an, wie stark das Seil ist, das du in die Welt wirfst, um dich zu verankern.

    Einen ganz schönen Tag wünsche ich dir 🙂

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    1. Das hier ist meine Linde, nimm Platz, Madame. Ja, das stimmt, es ist nicht bsser oder schlecht, einfach anders. Und ich mag dieses Netzwerk, und ja, der Anker ist wichtig. Und noch wichtiger, das Seil, das ich spinne. Hm, das sind schon wieder neue Inspirationen für neue Texte. Dankeschön und auch dir einen tollen Tag! 🙂

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  3. Nur mal so … – muss es immer kluge Schlusssätze haben?
    Regen Texte ohne eine gesetzten Schlussgedanken nicht eher zum Weiterspinnen an?

    Ob mit oder ohne klugen Schlusssatz, deine Texte wirken immer nach – bei mir jedenfalls. 🙂

    Liebe Grüße,
    Szintilla

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    1. Also ähm, das mit den klugen Schlusssätzen war natürlich ironisch gemeint … eben genau deshalb, weil … ich mag halt dieses Unfertige …
      Dankeschön, liebe Szintilla, für dein wirklich großes Kompliment. Das ist wohltuend.
      Herzlich, Soso

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  4. ich würde so gern lesen und lesen und lesen! 🙂
    seit ich blogge, bin ich noch mehr mit dem smartphone anzutreffen als vorher schon. es fühlt sich an, als wäre ich ein schwamm und würde begierig alles aufsaugen! und mir kommen dabei eben auch nur texte unter die augen, die mich interessieren und bereichern.
    deine auch! danke für diesen hier.

    manchmal muss ich nun aber bewußt internetfreie zeit einschieben.
    ein stopp setzen, sonst leidet das reale leben.

    herzlich liebe grüße von mir zu dir! 🙂 (und darüber bin ich glücklich!)

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    1. Ha, wem sagst du das? Aber wundern tut es mich ja gar nicht …
      Und ich danke dir fürs Mitlesen, Teilgeben, Dasein … und ja, internetfrei ist auch immer notwendig und heilsam.
      ❤ – liche Grüße in den Norden

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    1. Oh, da hab ich deinen Kommentar doch erst jetzt gesehen. Sorry.
      Ja, Träumen ist wie Salz im Leben. Ohne wäre das Leben ziemlich fade. Andererseits ist nur immer Träumen auch nicht so das Wahre … 🙂
      Danke!

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    1. Willommen hier, Fiona, und Dankeschön! Ob gutes oder schlechtes Gewissen: Ja, man muss auswählen, sonst geht es nicht. Aber ich stell mir ja auch vor wie Netzwerke einzelner mit Netzwerken anderer vernetzt sind. Auch sehr romantisch. 😉

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  5. Ich hab’s mit Twitter nur sehr kurz versucht, liebe Soso. Aber irgendwie bin ich nicht dran geblieben. Was gefällt dir denn besser? Facebook oder Twitter? Ich finde Facebook irgendwie heimischer. Twitter ist manchmal so chaotisch. Hm, was soll ich da vor allem sagen? Auch so sinnlose Dinge wie bei Facebook? Haha. 🙂

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    1. Wie gesagt: Es kommt auf das Bedürfnis an. Wenn ich lieber ein wenig schlaufrechweises lesen will, gehe ich zu Twitter. Zu Fb um mich zu informieren und zu teilen. Und auf dem Blog bin ich daheim. So irgendwie. Ich sehe es eher als Sowohlalsauch. 🙂

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    2. Ich muss es auch einmal versuchen. Am Besten folge ich einfach jenen, denen du auch folgst. Aber Twitter hat so eine Unordnung, die mich irgendwie kirre macht. Da muss ich mich einfach daran gewöhnen, weil ich Facebook anfangs auch furchtbar unordentlich fand und es jetzt auch ertrage. 🙂

      Soso, danke für deine wunderbare Email. Sobald ich etwas Ruhe habe, schreibe ich dir.

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    3. Na ja, twittern ist sicher kein Muss. Und ein ziemlicher Zeitfresser. Aber eben auch inspirierend. Wenn du allen folgen würdest, denen ich folge, wäre es wohl too much. Das muss langsam wachsen, finde ich. Und manche findet man über die Retweets und so.
      Zeig mir, wen/wem du followst, und ich sage dir, wer du bist. *lach*

      Lass dir Zeit mit mailen. Easy.

      Danke! ❤

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