Banalitäten?

Jeder Tag ist anders. In etwa gleichen sie sich allerdings in der Zeit des Aufstehens und des Zubettgehens. Und dass ich irgendwann im Laufe des Vormittags dusche und davor eine Weile Yoga übe.

Banalitäten.

Mal gehe ich spazieren zwischen der Arbeit, mal gehe ich einkaufen. Mal spüle ich Geschirr. Mal besuche ich jemanden oder habe Besuch. Mal arbeite ich für meine KundInnen. Mal gebe ich mir frei. Mal denke ich nach. Mal schreibe ich an meinen eigenen Projekten. Und es gibt Tage, wo ich wie Glas bin, bedacht darauf, mich nirgends zu stoßen. An anderen Tagen stoße ich mich ständig. Und die Reibung gibt mir heiß. Heute friere ich ständig ein wenig.

Banalitäten.

Gestern war ich stark. Heute juckt die Nase und schmerzt. Die Augen auch. Ein brennender Schmerz. Ein Druck. Der Körper als Seismograph. Immer ist da etwas. Immer wandelt sich etwas. Alles laufend, aber nicht alles gleichzeitig.

Banalitäten.

Veränderungen
Veränderungen

Am Dienstag war Freundin U. hier. Wir haben an ihrer neuen Webseite gearbeitet. Ich freue mich über solche Treffen. Über die Leidenschaft der gemeinsamen Bewegung in eine ähnliche, in eine seelenverwandte Richtung. Obwohl … Richtung? Wo will ich hin – und gehe ich?

Banalitäten.

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Meine Baumringe

Ist nicht Leben letztendlich eine Spirale? Das Mäandern durch das Leben? Natürlich bewege ich mich von A nach B. Von innen nach außen zum Beispiel. Aber selten nehme ich Schnellstraßen für mein Vorankommen. Ich folge den Serpentinen, die das Gebirge erträglich machen. Lege dabei meine eigenen Spuren, Baumringen gleich. Mein Lebensweg in diesem Dasein – angefangen bei meiner Geburt bis hin zu meinem Tod – fängt, um beim Baumring-Bild zu bleiben, in der Mitte an. Nach außen gehend folge ich dem, was in mir angelegt ist. Wie der Apfelbaum, der eines Tages zum ersten Mal blüht und sich auf den Besuch der Bienen freut. Ohne es zu wissen. Den Weg gehen. Meinen Weg. Kann ich nicht anders, als ihn so und nicht anders zu gehen? Ich glaube, ich kann wählen. Zwar nicht, ob ich doch lieber ein Birn- statt ein Apfelbaum wäre, wenn ich bereits in der Erde stecke, aber ich kann wählen, ob ich meine Krone der Sonne zuwenden will. Und sonst ein paar Dinge.

Banalitäten.

Mag sein, dass die Apfelbaum-Metapher auf beiden Ästen hinkt und sich gar nicht übertragen lässt auf uns Menschen. Mag sein.

Heute bin ich immer öfter dankbar über die von mir gelegten Spuren. Vielleicht bin ich auch bereits auf dem Rückweg, der Brotkrümelspur folgend.

Banalitäten.

Egal.

Ich bin auf meinem Weg. Und du auf deinem. Wir können das. Er auch, Herr Knausgård meine ich. Ich habe am Dienstagabend das erste Buch von Karl Ove Knausgård zu lesen angefangen. STERBEN. Vielleicht fängt damit ja wirklich alles an. Ich stoße auf Bilder und Gedanken, die auf eine Art in mir resonieren wie das schon lange kein Buch mehr geschafft hat. Nicht so. Nicht so unmittelbar.

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Ausschnitt aus dem Buch STERBEN von Karl Ove Knausgård

Bei Mützenfalterin und im blauen Café hatte ich schon über Knausgårds sechsbändige Autobiografie gelesen. Und eine ehemalige Arbeitskollegin hat ebenfalls davon geschwärmt. Nun habe ich den Autoren mal gesuchmaschinet und bin auf spannende Gedanken gestoßen.

Der Übersetzer Paul Berf zum Beispiel sagt über Karl Ove Knausgård:

In diesem Fall ist es so gewesen, dass er einfach den Gedanken an Fiktion aufgeben musste. Er schreibt sogar in einem Band, dass es ihn regelrecht geekelt hat, Sätze zu schreiben, die fiktiv sind, die nach einer Geschichte klingen. In dem Moment, wo er anfängt, über sich selbst, über seine Familie, vor allem über den Vater zu schreiben, ist dies für ihn wie ein Befreiungsprozess. Gleichzeitig aber auch der Versuch, zu etwas vorzudringen, das über sein Privates hinausgeht.

Quelle: www.srf.ch/kultur

Das kenne ich gut. Diese Sehnsucht nach authentischem Ausdruck. Auch mir tut fiktionales Schreiben manchmal weh. Wenn es nicht da hingehört, wo ich es hinschreiben will. Im Blog zum Beispiel. Und ich ahne, dass alle, die über ihre Leben bloggen, mit Knausgårds Motiven – ich nenne es mal Befreiungsprozess als Nebeneffekt – mitschwingen. Auch wir ringen und kämpfen mit unseren Monstern, mit der Sprache, mit den Ansprüchen an uns, authentisch zu sein und ebenso zu schreiben.

Wie er, schreibe auch ich in der Hoffnung, dass meine persönlichen Erfahrungen sozusagen den Modus von Allgemeingültigkeit betreten können. Und da und dort resonieren dürfen.

Und dass ich, um mit Knausgård zu sprechen, in mir drin – trotz fortschreitendem Alter – immer wieder neue, noch unetablierte Systeme finde, die noch nicht festgelegte Wege betreten und noch auf Widerstand stoßen können.

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Mehr darüber, warum es diesen Knausgård-Moment gibt: www.srf.ch/sendungen

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6 Kommentare zu „Banalitäten?“

  1. ich muss lachen: dass der Vergleich auf beiden Ästen hinkt, schön gesagt, wie mich überhaupt der ganze Artikel freut, auch dass du nun mit Kanusgard begonnen hast und was das Buch schon jetzt mit dir macht. Ich denke auch noch weiter und weiter über das authentische Schreiben nach, statt der Worteschänmalereien und so weiter-
    danke für deins und liebe Grüsse
    Ulli

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