Fasziniert

Ja, das Wort passt. Auch wenn es ein bisschen geschmacklos scheinen mag angesichts des Themas. Aber eigentlich. Warum nicht. Weil – es gehört dazu. Wie geboren zu werden. Nur dass wir es nicht werden, sondern tun. Oder eben nicht mehr tun?

Und ich gebe Karl Ove Knausgård so was von recht, wenn er in STERBEN, dem ersten Band seiner sechsbändigen Autobiografie, darüber schreibt, dass er es nicht versteht. Ich nämlich auch nicht. Ehrlich nicht. Nicht verstehen zumindest auf meiner ganz persönlichen Lebenswahrnehmung. Auf der gesellschaftlich-konventionnellen verstehe ich es natürlich irgendwie schon. So jedenfalls, wie ich alle andern gesellschaftlichen Codes und sozialen Gewohnheiten verstehe. Verstehen also eher gemeint im Sinne einer Verinnerlichung. Man denkt nicht darüber nach. Man macht es einfach so. Weil man es immer so gemacht hat.

Wenn jemand stirbt, deckt man ihn zu. Man schließt ihm die Augen. Man versteckt die Offensichtlichkeiten jeglicher Vergänglichkeit möglichst schnell. Möglichst unter Tüchern, in Kühlräumen, unter der Erde. Warum auch immer, ist uns die Vergänglichkeit im echten Leben beinahe unerträglich. In Büchern, im Fernsehen geht es. Da ist es ja nur eine Geschichte.

Schon als Kind habe ich viel darüber nachgedacht, warum das wohl so ist. Ich hatte immer ein ziemlich unverkrampftes Verhältnis zum Tod. So habe ich oft tote Tiere gefunden und sie genau betrachtet – mit einem leisen Grusel, zugegeben – bevor ich sie im Wald oder im Garten beerdigt habe. Mit einer Faszination, der aber, wenn ich mich heute an damals erinnere, nichts Morbides anhaftete. Eher eine Art Respekt vor den Geheimnissen des Lebens. Und ein tiefes Erkennen und Begreifen jeglicher Vergänglichkeit. Ja, fasziniert hat es mich wohl schon immer, dass alles eines Tages aufhört zu sein. Jedenfalls so, in dieser materiellen Form. Und natürlich habe ich mir auch die Fragen nach dem Danach immer wieder neu gestellt. Antworten gibt es, so meine Meinung, letztlich keine abschließenden. Hoffnungen, ja. Und viele übermittelte Erkenntnisse. Persönliche Glaubenssätze. Ja, das gibt es alles.

Darüber, darunter, dahinter immer meine Frage: Ja, aber wenn es nun ganz anders ist? Noch anders anders als alles andere, was je gedacht und erkannt wurde?

1000todecoverUnd darum lasse ich diese Fragen. Ich versuche, das Leben hier – ob nun das einzige oder eins in einer Abfolge vieler – so zu leben, dass ich eines Tages sagen kann well done!, bevor ich die Augen für immer schließe.

Vorerst öffne ich sie aber weit, denn ich will noch viele Texte lesen. Tausend Texte über den Tod zum Beispiel.

Tausend Tode schreiben, das eBook aus dem Frohmann Verlag, ist heute in einer zweiten Version erschienen. Nun umfasst es bereits 247 Texte. Noch weitere 753 werden folgen, so die Hoffnung der Verlegerin. Auch aus andere Sprachen und Traditionen. Texte, die sich auf vielerlei Wegen dem Mysterium Tod nähern. In ungefähr einer Woche gibts das neue Exposé, die Spielregeln für die Teilnahme am dritten Teil des Buches.

Christiane Frohmann folgen kann man auf Twitter (*klick*) oder auf ihrer Webseite (*klick*). Und ja, richtig. Bereits früher habe ich über dieses Buchprojekt, an dem ich beteiligt bin, berichtet. Nämlich hier (*klick).

Auch eure Erfahrungen mit dem Tod wollen möglicherweise aufgeschrieben werden. Und in diesem eBook Eingang finden. Die dritte Version erscheint in etwa einem Monat und die letzte, die vierte, wird zur Buchmesse in Leipzig erscheinen – idealerweise mit 1000 Texten. Das Buch kann man ab sofort bei minimore kaufen. Ab Montag auch in andere eBook-Shops. Einmal gekauft, wird das Buchupdate automatisch nachgeliefert. Für nur 4.99 € und einen guten Zweck.

Und wenn ich schon am Werben bin, dann aber richtig. Oder nein, eigentlich nicht werben, verschenken will ich. Denn wieder habe ich aus meinen letztjährigen Blogtexten ein eBook gemacht.

Gratis zu haben. Hier (*klick*).

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16 Kommentare zu „Fasziniert“

  1. Ich bin froh, dass in unserer Familie und im Freundeskreis sehr offen mit dem Thema umgegangen wird. Als unser frühgeborenes Baby starb durften wir ihn mit nach Hause nehmen. Am Tag darauf kamen so viele liebe Menschen, um ihn zu verabschieden , das hat uns sehr in der Trauer geholfen. Nichts kann in der Situation schlimmer sein, als zu Tabuisieren.
    LG Schnipseltippse

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    1. Den habe ich gelesen 🙂 Klingt sehr interessant, aber ich möchte das nicht so veröffentlichen. Meinen Blogartikel könnte ich löschen, wenn mir danach wäre, und das ist mir wichtig. Aber Danke für den Vorschlag. Schönen Sonntag noch 🙂

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  2. Das passt ganz seltsam auf das Buch, das ich gerade für eine Besprechung gelesen habe, Lilium Rubellum von Kathrin Schadt, darin geht es auch um sogenannte Sternenkinder und ich erinnere mich gut an ein Seminar vor vielen vielen Jahren in der Uni, wo über genau das Problem diskutiert wurde, dass Eltern, die ihr Kind so früh schon verlieren, die Möglichkeit es zu begraben und so einen Ort für ihre Trauer zu haben, verwehrt wurde. zum Glück ist das inzwischen anders.
    Was das Unsichtbarmachen des Todes betrifft, indem man z.B. die Leiche sofort bedeckt, indem die Toten möglichst schnell fortgeschafft werden, auch dazu fällt mir eine Geschichte ein, vor noch viel mehr Jahren, also noch lange vor dem Studium, habe ich als Schülerin im Altenheim gearbeitet und einmal habe ich mit einer der Schwestern eine Verstorbene in den Keller gefahren, während wir auf dem Weg zum Fahrstuhl waren, kamen Besucher, die beinahe schreiend wieder rückwärts aus der Tür rannten, als sie uns sahen, dabei war die Leiche selbstverständlich zugedeckt, nur die toten Füße guckten ein Stück heraus.
    Ich glaube, es hat viel damit zu tun, dass wir die Verdrängung so perfektioniert haben, aber irgendwo tief in uns dennoch wissen, dass Verdrängen nicht gilt.

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  3. Liebe Mützenfalterin, genau so sehe ich das auch. Den letzten Satz meine ich damit ganz speziell: Wir wissen eigentlich, dass wir uns selbst an der Nase herum führen. Darum gilt es nicht. Und darum macht es uns Angst. Da sitzt ein uralter Aberglaube irgendwo, ahne ich: Dass wir beim Anblick von Tod selbst sterben könnten. Oder jemanden verlieren. Oder zumindest der Tod in die Nähe rückt. Danke für diese Geschichte aus deinem Leben. Sie ist für mich sehr erhellend.
    Auf dem Friedhof meines Sohnes gibt es einen Platz für jene Kinder, die noch im Mutterleib gestorben sind und nicht beerdigt werden. Einen Gedenkplatz. Das ist der Platz auf dem ganzen Friedhof, wo sich am meisten verändert. Immer sind da wieder andere Erinnerungsstücke. Das bewegt mich immer sehr.
    Gut, dass solches heute anders geworden ist …

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  4. den Gedanken an den Tod habe ich lange verdrängt, als wäre er ein Ereignis, dem ich mich tatsächlich erst am Ende meines (hoffentlich) langen Lebens zuwenden würde. Erst als meine Großmutter vorletztes Jahr starb, bei der ich einen Großteil meiner Kindheit aufgewachsen war, ist mir die Unwiderruflichkeit und Endlichkeit dieses Lebens schockierend bewusst geworden. Dieser Schock hat sich mittlerweile gelöst und ich empfinde fast eine Dankbarkeit für diese Endlichkeit, weil sie mir unglaublich viel Energie und Kraft für dieses Leben gibt…Als würde ich meine Lebendigkeit stärker fühlen können durch das Wissen um den Tod…Wie du sagt, das Leben so leben, dass man am Ende sagen kann, well done…ein krasses Projekt, die 1000 Texte zum Tod, das ich gern weiterverfolge!

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    1. Wie wärs, wenn du über den Tod deiner Großmutter schreiben würdest. 3000 Zeichen für 1000 Tode? Die detaillierten Infos gibts nächste Woche auf Twitter oder im Frohmann-Blog (die LInks findest du oben).
      Danke für deine Gedanken und dass du sie hier teilst.

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    2. Das ist ein interessanter Gedanke…hmm…3000 Zeichen. Ich gehe mal in mich und wer weiß, wenn sich die kleine Seele noch ein paar Tage Zeit lässt, schreibe ich gern dazu. Spannend auch, wie eng Geburt und Tod miteinander verknüpft sind…auch darüber würde ich gern schreiben. Liebe Grüße!

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  5. Das, was am Tod so weh tut ist, dass er eben weh tut – und zwar allen Seiten. Der Sterbende macht häufig einen langen Leidensprozess durch, der, wenn nicht soviele sich bequem abwenden würden, für Angehörige oder Dabeiseiende das pure Trauma ist. Hilflosigkeit neben körperlichem und seelischem Verfall, neben bittenden Augen, dem allen doch bitte ein Ende setzen zu können, neben der Machtlosigkeit eines geliebten Menschen gegenüber seinem eigenen Körper. Entweder das, oder ein Mensch geht gewaltsam, was für die meisten noch weniger verständlich ist. Die unkontrollierbare Gewalt, die jeden treffen kann, die macht uns Menschen Angst, weil wir vor allem unseren Alltag so gut meistern, weil wir grundsätzlich der Illusion nachhängen, dass wir Dinge unter Kontrolle haben. Und der gewaltsame Tod oder der Tod an sich ist der lebende (!) Beweis dafür, dass wir diese Kontrolle eigentlich nicht wirklich haben.

    „Wenn jemand stirbt, deckt man ihn zu. Man schließt ihm die Augen. Man versteckt die Offensichtlichkeiten jeglicher Vergänglichkeit möglichst schnell. Möglichst unter Tüchern, in Kühlräumen, unter der Erde. Warum auch immer, ist uns die Vergänglichkeit im echten Leben beinahe unerträglich. In Büchern, im Fernsehen geht es. Da ist es ja nur eine Geschichte.“

    Ich glaube, dass es noch einen wichtigen Aspekt an diesem „Zudecken“ gibt, und das ist, dass man die Würde des Toten nicht verletzen möchte. Dieser Tote hat seinen Körper, seine Mimik, seine Ausscheidungen oder sein Verstecken oder Offenlegen nicht mehr unter Kontrolle. Er ist nicht dazu in der Lage, zu äußern oder zu verstecken, was nicht für alle gedacht war. Und da wir nicht wissen, ob es ihm in der Nachwelt völlig gleich ist, was mit diesem Körper geschieht, gibt man ihm zumindest die Möglichkeit, sich einzuhüllen.

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    1. Oh, das ist ein Aspekt, den ich bis jetzt noch nie überlegt habe: Zudecken, um die Würde des Verstorbenen zu wahren. Wie viel das wirklich derAusschlag gibt? Ich glaube, dass es doch vor allem unsere Angst ist, an die Vergänglichkeit erinnert zu werden, ihr in die Augen schauen zu müssen.

      Ja, sterben kann sehr traumatisch sein. Für den Sterbenden und für die Zurückbleibenden. Des Schmerzes wegen. Der Hilflosigkeiten wegen. Ich danke dir für deine kostbaren, ergänzenden Gedanken.
      Wie wahr!

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    2. Klar spielt Angst davor auch eine Rolle, aber diese Angst ist eine natürliche Angst, weil sie entgegen unseres Überlebensinstinktes eine Wahrheit offenbart, die wir im Alltag bis zu einem gewissen Maße unbewusst machen müssen, um uns überhaupt aus dem Haus zu trauen. Aber der Begriff „Leichenschändung“ weist auch darauf hin, dass es dabei auch um die Würde des Toten geht, vielleicht ist darin die Angst impliziert, dass unsere Körper eines Tages auch dort liegen und wir darauf hoffen, dass er nicht geschändet wird. Wir definieren uns heute, ob wir wollen oder nicht, zu einem großen Teil anhand unseres Körpers. Das kann man sogar bei hochspirituellen Menschen beobachten: sobald sich ihr Äußeres rapide verändert, sogar, wenn es zum „Besseren“ ist, kommen dissoziative Zustände zustande oder eine Art „Nicht-Akzeptanz“ und Verlorenheit, bis man sich wieder gewöhnt.

      In ganz langsamen Prozessen kann man das beim Altern beobachten. Ich glaube, es ist gut, dass wir altern, bevor wir sterben, weil Altern uns auf das Sterben und die Vergänglichkeit besser vorbereitet als jede noch so bewusste Auseinandersetzung mit dem Tod in sehr jungen Jahren.

      Gern, liebe Soso!

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    3. Wie ich es schätze, dass du meine Gedanken immer um noch andere Facetten ergänzst und bereicherst. Danke gleich nochmals. Besonders auch für diese Zeilen:
      „In ganz langsamen Prozessen kann man das beim Altern beobachten. Ich glaube, es ist gut, dass wir altern, bevor wir sterben, weil Altern uns auf das Sterben und die Vergänglichkeit besser vorbereitet als jede noch so bewusste Auseinandersetzung mit dem Tod in sehr jungen Jahren.“

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