Der Apfel, du und ich

ApfelIch bin. Du bist. Warum auch immer. Oder vielleicht, weil einzig ich tun kann, was nur ich tun kann. Und einzig du kannst tun, was nur du tun kannst. Mithilfe des in dir installierten Betriebssystems sozsagen.

Ich sehe es so, dass unsere Aufgabe in uns angelegt ist. Ebenso wie in einer Blume. Oder wie in einem Apfelbaum, dessen Aufgabe es ist, zu wachsen und eines Tages Äpfel zu tragen.

Ich muss deine Aufgabe nicht kennen, nur wissen, dass du wächst, weil es in deiner Natur liegt. Und ich weiß auch, dass du so wichtig bist wie alle andern. Ich auch. Und dass wir, wie alle andern, dennoch nur ein Pünktchen auf dieser Welt, in dieser Zeit sind. Vielleicht sind wir Doppelpunkte für die, die nach uns kommen? Wer weißt das schon.

Größe und Nichtigkeit schließen sich für mich nicht aus. Sie helfen uns dabei, uns in einer angemessenen Relation im großen Ganzen zu sehen und zu verstehen – oder auch nicht. Es geht darum, uns nicht zu wichtig zu nehmen aber wichtig genug. Verrückt eigentlich, dass wir, die wir Menschen, die wir schon so vieles erforscht und verstanden und erkannt haben, noch immer das Meiste nicht verstehen. Nicht im mindesten, wage ich sogar zu behaupten. Wir alle kratzen nur an der Oberfläche. Da wo der Schmerz, der menschliche Schmerz liegt. Da, wo das Herz klopft und das Blut fließt. Da wo wir materiell sind, körperlich. Da kratzen wir und da trauern wir und da leben wir. Und da hoffen und lieben wir.

Ich ahne, dass alles viel größer und unbegreiflicher ist, und dass das hier, das sogenannte Leben, möglicherweise nur eine Art Versuch oder Vorbereitung darauf ist, uns dem große Geheimnis des wirklichen Lebens anzunähern. In diesem großen Geheimnis drin (nein, ich werde es nicht göttlich und nicht Gott oder Göttin nennen) schläft und wacht die Liebe. Das ist ihr Raum, ein Raum allerdings, der durch nichts begrenzt ist.

Das mag jetzt alles womöglich ziemlich abgehoben klingen. Egal. Ich sehe und spüre dies alles ganz losgelöst von religiösen Dogmen, größer und ganzer. Ganz im Sinne von unbeschädigt und für immer unkaputtbar. Ohne Löcher. Wie eine unzerstörbare Atmosphäre. Wie Luft, die nicht verschmutzbar ist. Es ist all das, was zwischen allen Zeilen Platz hat. Und noch viel mehr. Es ist größer als alle Zerstörung und aller Hass, größer und heiler als aller Schmerz und jede Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Tiefer als jede Schlaflosigkeit und weiter als jede Sehnsucht.

Ich suche in mir nach Worten, stoße an Grenzen, stelle fest, wie wenig ich ausdrücken kann, was ich ahne, wahrnehme und erlebe, in mir trage. Tief in mir drin, wo ich kaum hinkomme. In den Räumen, die ich gut hüte vor jenen, die spotten und nicht verstehen können. Vor den Zynikerinnen und Hasspredigern. Vor den Menschen, die sich mit Oberflächen zufrieden geben. Und ich gestehe: ich lasse das, was ich ahne, meistens innen vor – nein, nicht außen vor –, weil es sehr anstrengend ist, mit diesen Ahnungen zu leben.

Was genau es ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht schlicht und einfach meine einzig wirkliche Wirklichkeit. Und dahinter, wenn es denn ein Dahinter gibt – eher wohl ist es wohl ein Darin? –, da gibt es die Wahrheit über den Tod und das Leben. Eine Ahnung wie eine Art Traumerinnerung. Paradies würde ich es nicht nennen, nein, bestenfalls ein anderes Paradies, anders als jenes, das uns Bibel, Koran und Co. beschreiben, denn mein geahntes Paradies ist nicht als Trost gedacht und ist weder Pokal noch Lohn für ein gescheitertes oder zerstörtes Leben. Nichts was sich verdienen ließe. Es ist das Leben an sich. Das, was Leben wirklich ist.

Ich sehe das alles heute aus einer andere Art Perspektive als bis anhin. Wie oft habe ich das Leben kaum ausgehalten. Ich spreche hier nicht explizit von persönlichem Leid. Mehr noch erschütterte und erschüttert mich immer wieder das Leid, das Unschuldigen angetan wird. Am allermeisten das Leid von Kindern und von jenen Menschen, die stellvertretend für Ängste oder im Zusammenhang mit von Menschen gemachten Dogmen gequält, gefoltert, ausgepeitscht werden. Krieg, Verfolgung, Naturkatastrophen, Hunger, Korruption, Machtmissbrauch, Gewalt, sexuellen Übergriffen … und ja, auch seelische Grenzüberschreitungen haben viele Gesichter. Wenn ich das alles aufzähle, verschwindet dieses Ahnen um das große Ganze, das ich oben beschrieben habe, beinahe; es wird blass und zieht sich zurück. Allerdings, und das ist der alles entscheidende Punkt, es zieht sich nur aus meinem Blickfeld zurück. Es bleibt da. Es ist stärker. Es durchdringt alles und verbindet alle und alles mit allem. Unabhängig von mir und meinem Blick und meiner Wahrnehmung. Glaube ich. Ahne ich.

Da wo einst keine Hoffnung mehr in mir war, ist wieder Hoffnung entstanden. Vielleicht darauf, dass das hier – gemeinhin Leben genannt – wie gesagt, nur eine Art Vorspann ist. Oder ist das alles nur eine Art tröstliche Illusion, die ich mir geschustert habe, um leben zu können? Und wenn?

Die Liebe, diese Hauptenergie meines Ahnens, ist auf alle Fälle real. Vielleicht die einzige Realität überhaupt. Größer als jeder Hass ist sie. Und als jede Wut und sogar als jede Trauer.

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12 Kommentare zu „Der Apfel, du und ich“

  1. oh soso…ich habe es jetzt mehrfach gelesen und unzählig vorher so oder ähnlich gedacht. gespürt geahnt. nein.
    ich weiß es!
    und weil du und ich und andere, die ich kenne, es wissen, spüren, ahnen – wird es eine Wahrheit sein.

    kennst du ‚ sophies welt‘ ? ( just eben fällt mir die parallele auf 😀 )
    darin das weiße Kaninchen? und wir, die einzelnen, die an den haaren aus dem fell nach oben steigen?

    dieses bild hab ich im kopf, wenn ich dich hier lese. und wie du mir zuwinkst von haarspitze zu haarspitze.

    was soll ich sagen? du weißt es!

    und danke für diese betrachtung!

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    1. liebe Kerstin
      Sophies Welt habe ich vor zwanzig Jahren oder so gelesen. Ich weiß nur noch, dass es mir gefallen hat. Die Geschichte lese ich nachher mal nach. Danke dafür.
      Und auch für deine Rückmeldung und auch dafür, dass ich dir aus dem Herz mit schreiben durfte. Gerne.

      Ich habe das Wort Wissen vermieden, obwohl es sich natürlich so anfühlt. Ahnen empfinde ich weniger „dogmatisch“, obwohl … eigentlich ist es ja in mir drin ein Wissen.
      liebste Grüße, Soso

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  2. Das Paradies oder das Leben als eine Art Vorspann ist – von Kirchenleuten vorgetragen – immer ein wenig gefährlich, denn es sorgt dafür, dass wir nicht aufstehen für das, was wir wirklich wollen. Deinen Ansatz finde ich dagegen interessant. Ich verstehe dich so, dass eine von Liebe durchdrungene Ahnung dessen, was uns alle zusammenhält, das Leben ausmacht.

    Auch ich sehe die Liebe als stärkstes Lebenselement, sie macht uns groß und sie macht uns klein, alles dreht sich auf die eine oder andere Art um sie oder die Sehnsucht nach ihr. Manchmal spüre ich das auch – dass hinter all dem etwas ist, dass Sinn macht. Vielleicht ist es einfach ein Urinstinkt, der eine sichere Fortpflanzung sicherstellt. Vielleicht ist es etwas anderes. Egal was es ist – es ist schön, dass es da ist.

    Du hast einen spannenden Beitrag geschrieben! 🙂

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    1. Meine Idee von Vorspann bezieht sich nicht ausschließlich auf das, was nach dem Tod kommt, sondern es ist hier auch wirksam, auf einer tieferen, anderen als der rein materiellen Ebene. Klingt ziemlich abgefahren, gell? Aber irgendwie lässt es sich mit dem umfassendsten Wortsinn von Liebe wohl am ehesten „fassen“, dieses Unfassbare, das ich meine. Sichere Fortpflanzung? Naaa ja, ich denke, dass hinter den Gesetzen und Mutmaßungen im Bereich Evolution eben noch etwas weiteres steckt. Etwas Verbindendes.
      Danke dir für deine Zeilen!

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    2. Das mit dem Urinstinkt Fortpflanzungstrieb meinte ich so, dass Menschen, die lieben können, sich wahrscheinlich besser fortpflanzen, da sie eher in einer Gemeinschaft leben und geschützt sind. Eine arg rationale Sichtweise, aber ich würde es nicht ausschließen, dass da ein Zusammenhang besteht.

      Wie auch immer – es ist interessant, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind. Ich sehe Liebe als etwas aus dem Inneren Strömendes, das sich dann von Außen als Klammer manifestiert und alles zusammenhält. Die Klammer kann einschränken, aber auch sehr viel Geborgenheit bieten.

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    3. Ah, ja, das kann ich nun besser nachvollziehen. Und ja, das mit der Liebe als Klammer (als schützendes Gewand) stelle ich mir ähnlich vor. Verbindlichkeit kann einschränken, aber dahinter eben auch viel Raum schaffen, weil durch die Verbindlichkeit viel Sorge um Sicherheit wegfällt.
      Ein riesiges, komplexes Thema!
      Danke für deine Ergänzungen.

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  3. Es ist ein schweben, treiben (wie im Wasser… auf dem Rücken, die Ohren unter der Oberfläche, Geräusche und Leben von weit her wahrnehmend) und dieses Erfassen von Unendlichkeit und Nichtigkeit gleichzeitig. Ein Erleben, das flüstert „alles ist gut“ und eine Freiheit, die viel mehr frei bedeutet, als wir im Wort erfassen können.
    Das sagt es mir so manches Mal.

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  4. Danke für deinen anregenden Beitrag. Ich denke, dass alles in uns in gleichem Mass vorhanden und angelegt ist. Das Schlechte genauso wie das Gute. Die Liebe wie auch der Hass. Wir haben aus Erfahrung gelernt, dass wir anderen, aber in erster Linie auch uns selbst schaden, wenn wir uns bei unseren schlechten Eigenschaften bedienen. Mich fasziniert es zu sehen, dass die Natur ihre Aufgaben kennt und alles einem Zyklus unterliegt. Der Apfel käme nie auf die Idee zu versuchen, eine Birne zu werden, auch weil er es vermutlich nicht kann. Der Mensch hat es schwerer, seinen Plan zu erkennen und sein Ich zu definieren. Ich glaube, dass sich unsere Aufgaben situativ ändern können, je nach gemachten Erfahrungen, aber auch aus einem Instinkt heraus oder weil wir unseren Blickwinkel ändern und versuchen unsere Talente mit einer sinnvollen Tätigkeit zu verbinden. Das Danach ist ein grosses Mysterium. Aber wahrscheinlich kennt unsere Seele auch diesen Weg und die Antwort ist ebenso in uns verankert und angelegt und wir können es vage erspüren oder erahnen.

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    1. Die verborgenen Dateien im Großen Betriebssystem.
      Ich danke dir für deine Zeilen – ja, so sehe ich es auch.
      Alle haben wir vermutlich die für uns relevanten Informationen in uns drin. Und sie formen unser Leben mit. Und unsere Entscheidungen. Alles da. 😄

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