Heimliche Flaschen

Ja, mich hat die Art und Weise auch gepackt, wie Karl Ove Knausgård schreibt. Und was und worüber er schreibt. Wie er hinschaut. Wie er Worte findet für Phänomene, die ich auch kenne. Ja, auch ich habe solche Gedanken in mir. So viel Ungesagtes, Ungeschriebenes, Unformatiertes, auch Hässliches, Verrücktes, Undenkbares, Unsägliches … Dinge womöglich, von denen ich noch nicht einmal weiß.

Hellsicht 1 Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 1
Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 2 Karl Ove Knausgård in STERBEN
Hellsicht 2
Karl Ove Knausgård in STERBEN

Zuweilen überlege ich deshalb, ob ich nicht ein neues anonymes Blog öffnen sollte, wo ich mit der gleichen mutigen Kompromisslosigkeit wie Knausgård über mein Leben schreiben kann. Schonungsloser und offener noch als hier.

Obwohl … im Grunde brauche ich dazu kein Publikum. Nur den Raum, diese Texte freizulassen. Manchmal ahne ich, dass da – wie der Korken in einer Schampus-Flasche – nur noch ganz wenig fehlt.  Dass ich den Deckel einfach mal wegmachen sollte und ausprobieren, was da, in dieser heimlichen Flasche, alles drin steckt.

Ich vermute, wir alle haben solche heimlichen Flaschen. Knausgård, über den Ulli und die Mützenfalterin schon oft geschrieben haben, schreibt mir in seiner Heimliche Flaschen-Sprache mitten aus dem Herzen. Und was dabei herauskommt, ist gar nicht so schlimm, so schrecklich, so obszön, wie man vielleicht glauben würde, es ist einfach echtes Leben. Ungeschönt. Ach, wie viele meiner heimlichen Gedanken finde ich – in anderen Worten – auch bei Knausgård!

Wie es bei mir wäre, bei andern, weiß ich natürlich nicht. Aber ich ahne, dass wir uns die eigene Dunkelheit, solange sie verborgen ist, viel dunkler denken als sie ist. Wenn wir ihr die Türen öffnen, unsere Flasche entkorken, kommen möglicherweise unerwartete Schätze zum Vorschein.

Wir meinen ja gerne, so was-auch-immer wie man selbst, sei bestimmt sonst niemand. Doch wir sind es alle. Das ist es übrigens, was mich an Twitter fasziniert und heilsam berührt: ich bin nicht verrückter als der ganze Rest. *lach*

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Wikipedia über Karl Ove Knausgård

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14 Kommentare zu „Heimliche Flaschen“

  1. oh, das nehme ich mit in die nacht – möchte ich meine flasche öffnen? bisher denke ich, das würde keiner verstehen! muss das verstanden werden? wozu dann aber öffnen? wird es mir dann klarer? möchte ich dass es klarer wird?

    hm … vielleicht sollte ich mal bei karl ove lesen.

    hab einen schönen abend! 🙂

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  2. Hm…öffnet man die Flasche Wein oder lässt man den Inhalt noch reifen? Eine schwierige Frage, aber ich bin immer eher dafür, sie zu öffnen, wer weiß schon, ob sich später noch eine Gelegenheit ergibt, den Korken zu ziehen?

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  3. Ich denke, dass man Flaschen öffnen sollte, wenn man das Bedürfnis oder den Wunsch hat. Ich sehe die Gefahr aber darin, dass zu viele geöffnete Flaschen nicht er“füll“ter“ sondern „leer“er machen.
    Um beim Bild zu bleiben: Ein Weinkeller voller leerer Flaschen interessiert mich wenig. Da gibt es nichts mehr zum erforschen, entdecken und geniessen!
    Beat

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    1. Ob hier das Flaschenbild so langsam zu hinken anfängt?
      Oder ist es wie bei allem: Die Dosis macht das Gift?
      Ich vermute, dass wir beim Öffnen unserer Flaschen mit viel Wachheit und Achtsamkeit vorgehen sollten – und zuliebe.
      Danke, lieber Beat, für deine Ergänzungen!

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  4. ja exakt, liebe Soso, das ist das, was ich mich seit Knausgard auch immer wieder frage, was denn bitte so wichtig oder so arg oder so gross gewesen sein soll, dass ich noch immer meine ein geheimnis daraus machen zu müssen- und gebe ich dadurch nicht mir und meinen Schattenseiten ein unnötiges Gewicht?! Dieses schnörkellose Schreiben von ihm ist einfach nur inspirierend!
    schön, wie du es ausdrückst, wie du deine Worte zu seinem findest-
    liebe Grüsse zum guten Abend
    Ulli

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    1. Ja, und dass wir uns so genieren mit unserem So-sein-wie-wir-sind ist doch eigentlich doof, weil alle ja irgendwie was haben, was nicht perfekt ist. Knausgards Mut tut gut.
      Oft muss ich an die Wölfe denken, die man füttert. Ich nenne sie für mich Monster, weil ich Wölfe nicht für sowas missbrauchen will. Danke für dein Kompliment zu meinem Ausdruck.
      Wir gehen unsern Weg.

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