Ungeöffnet und geheim

Da ist noch so vieles nicht geschrieben, was geschrieben werden kann. Könnte. Vielleicht. Darüber beispielsweise, wie ich meine heimlichen Flaschen langsam öffne. Bisher noch ohne über sie zu schreiben. Weder für mich, noch öffentlich. Sichten will ich sie. Will ich? Einen Schluck davon trinken und mich an den Geschmack erinnern. Will ich? Dabei begreifen, wissen, dass das ich bin. Auch ich. Und dass meine heimlichen Flaschen weder besser noch schlechter als jene anderer sind. Hier versagt Wertung. Sie ist wertlos, wo es darum geht, zu sein. Denn Sein an sich schließt Wertung aus. Ist neutrales Land ohne Grenzen.

Heimliche Flaschen also. Meine riechen nach Gefühlen, ja, und nach Gedanken. Nach Geheimnissen riechen sie ganz besonders. nach ungeteilten. Alten. Neuen.

Wie ich damals über mich dachte, steht auf der Etikette dieser Flasche hier. Und wie ich über mich denke, heute, auf der Etikette jener daneben. Und wie ich mich fühle, steht auf dieser. So banal. So banal!

Auf weiteren Flaschen, kleinen, großen, schmalhalsigen, ausladenden Flaschen kleben Etiketten mit nur einem einzigen Wort darauf. Körpergefühl. Selbstwertgefühl. Selbstbewusstsein. Selbstliebe. Ablehnung. Selbsthass. Wo bin ich den hier gelandet? Ich trete zur Seite und gehe zum nächsten Regal. Hier stehen weitere gläserne Gefäße. Manche sind verstaubt. Manche ganz neu. Auf einer steht Was ich auf dem WC denke. Die daneben trägt den Titel Was ich vor dem Einschlafen denke. Wieder andere sind angeschrieben mit Was ich über andere Menschen denke und Was ich beim Sex fühle.

Nun ja, die Etiketten sind ja erst der Anfang. Der Inhalt ist es, der mich interessiert. Der Inhalt meiner Flaschen. Knausgård hat mich angefixt. In STERBEN, dem ersten Band seiner Autobiografie, schreibt er so akribisch, brutal ehrlich, banal, bis zur Langweiligkeit exakt, was er damals gedacht und gefühlt hat, als er zum Beispiel die versiffte Alkoholikerwohnung seines toten Vaters entrümpelt hatte, dass es beim Lesen schmerzt. Und doch: In dieser Banalität liegt ein Zauber, dem ich mich nicht entziehen kann. Ein Zauber, eine Genialität, und ja auch eine Art Sehnsucht liegt in Knausgårds Worten. Eine Sehnsucht danach, genauso mutig wie er sich, mir mit ganz viel Liebe und Geduld in die Augen schauen zu können. Hinzuschauen. Ja zu sagen, ja zu allem, was ich sehe, zu allem, was ich bin.

Was ich heute fühle, denke, wahrnehme, mag und ablehne und das, was ich damals fühlte, dachte, wahrnahm, mochte und ablehnte, ist so banal gar nicht. Oder jedenfalls nicht banaler als das, was alle anderen fühlen, denken, wahrnehmen, mögen und ablehnen. All das zusammen bestimmt nämlich heute meine Handlungen. Es bestimmt, wie ich auf Menschen zugehe, wie ich mit mir und andern umgehe. Ob ich mir und andern gut und Gutes tue.

Der Inhalt jeder meiner Flaschen wurde im Laufe der Zeit unzählige Male ergänzt. So manche Korrektur habe ich vorgenommen. Befreiung da und dort erlebt. Mehr Struktur ist geworden. Mehr Selbstliebe und Selbstakzeptanz vor allem.

Immer ein Stück näher bin ich zu meiner Wahrheit hin unterwegs, zum dem, was für mich wirklich zählt. Was wirklich wirkt in meinem Leben. Stille zum Beispiel. Und damit rücke ich immer ein bisschen weiter weg von Effekt und Schein, von Lärm und So-tun-als-ob.

Oh, wie schön still wäre es auf der Welt, würden wir nur noch über jene Dinge sprechen und schreiben, die wirklich zählen und die jetzt für mich wahr sind.

Aber was wäre denn mit meinen heimlichen Flaschen von früher? Würden sie mir denn für immer verschlossen bleiben? Und wäre das schlimm?

Ja, ich habe, wie alle andern, meine ganz persönliche Art zu denken, zu fühlen, wahrzunehmen, zu mögen und abzulehnen, doch im Grunde fühle, denke und mag ich nicht sehr anders wie alle andern. Und deshalb ist es wohl tatsächlich egal, was ich mit meinen Flaschen anstelle. Egal, ob ich meine Flaschen öffne, teile oder für mich behalte. Wenn nur ich selbst mir gegenüber nichts vormache. Wenn nur ich selbst mir gegenüber bereit bin, hinzuschauen.

aus: Karl Ove Knausgård: Sterben

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