Von Möchtegern-Wahrheiten

Er will bestimmt zum Wehr spazieren, zur Brücke bei der alten Spinnerei. So notiere ich es mir ins Handy. Keine fünf Minuten nachdem wir das Haus verlassen haben. Ziel: unbekannt. Einzig haben wir abgemacht war, dass er heute sagen würde, wohin wir wandern. Tags zuvor hatte ich nämlich die Route unseres Spaziergangs gewählt. So machen wir es zuweilen, wenn beiden egal ist, wo wir hin gehen, Hauptsache, ein bisschen raus. Hauptsache, ein bisschen die Füße vertreten.

Hätte ich nicht gesagt, dass ich wisse, wo es ihn hinziehe, als er die erste Richtungswahl vor dem Haus getroffen hat – ganz rechts, den Rain abwärts – wären wir ziemlich sicher genau dort gelandet. Beim Wehr. Bei der alten Spinnerei. Wie von mir vorausgesagt. Vielleicht ziemlich sicher.

Hätte ich nichts gesagt, hätte er nicht geantwortet. Hätte er nicht gesagt: Bin ich so leicht vorhersehbar? Und ich hätte wohl auch nicht lachend mit: Nicht immer, nur heute! geantwortet.

Wären wir woanders hin als da, wo wir hin sind, wenn ich nichts gesagt hätte? Und wenn ich nichts gedacht hätte? Oder wären wir doch genau dort, wo er – auf einer Metaebene, die ich nicht erahnen kann – im Grunde der Dinge die ganze Zeit schon hingewollt hatte?

So wandern wir also quer durchs Dorf, über eine Aarebrücke in die kleine Nachbarstadt, queren auch diese nur am Rand und sind schon bald am Fuß des Stadtberges. (Dass das ein Berg ist, wenn auch nur ein kleiner, merkt man erst, wenn man ihn ersteigt. Ansonsten würde ich Schweizerin ihn ja eher Hügel nennen. Schweizerische Bescheidenheit? Vergiss es. Oder gab es sie damals, als man den Hügel Berg nannte, vielleicht noch gar nicht?)

Am Fuße des Berges erneut die Diskussion, ob wir hier gelandet wären, wenn ich nicht gesagt hätte, dass ich weiß, wo es hingeht.
Ja, wir wären trotzdem hier gelandet. Weil selbst deine Aussage, du wüsstest, wohin es geht, meine Wahl im Voraus beeinflusst hat, Oder auch nicht, und ich einfach die ganze Zeit schon hier her wollte, sagt er.
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir hätten unterwegs zig Möglichkeiten für neue Entscheidungen gehabt. Aber sicher bin ich mir nicht. Vielleicht ist es so. Vielleicht war es einfach unser Schicksal, hierher zu kommen?, sage ich.

Schließlich steigen wir auf einem kleinen, sehr steilen, sehr rutschigen Weglein den Berg hoch. Was für ein Abenteuer! Den Weg haben wir nur zufällig gefunden. War auch er unser Schicksal oder war es nur der Baumstamm, unser vorläufiges Ziel, auf den wir uns – oben angekommen – setzen um durchzuatmen? Wir keuchen und fühlen uns so gut, wie Erstbesteiger es immer tun.

Und nun: Rechts oder links? Rechts wäre wohl eine recht weite Wanderung zurück nach Hause, zumal es bereits eindunkelt. Also links? War auch das der Weg, den wir zu gehen hatten? Und wer oder was ist es, der oder das diese Wege weiß. Gibt es, wäre es so, denn überhaupt Wege, die wir wirklich-wirklich frei wählen können?

Ach, dieser mein Was wäre wenn-Determinismus, an den ich mal glaube, mal nicht? Oder gibt es sie doch, die Selbstbestimmung? Ich kann darüber nachdenken, so oft ich will und weiß hinterher weder mehr noch weniger. Und schon gar nicht, was wirklich wahr ist. Weil es womögliich, so dünkt es mich heute, kein wirkliches Wahr gibt, kein letztes zumindest. Oder doch?

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Der Determinismus (lat. determinare „abgrenzen“, „bestimmen“) ist die Auffassung, dass alle – insbesondere auch zukünftige – Ereignisse durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt sind.[1] Die Gegenthese (Indeterminismus) vertritt, dass es überhaupt oder in einem bestimmten Bereich der Realität Ereignisse gibt, die auch hätten anders eintreten können.

In der heutigen Naturphilosophie wird üblicherweise „Determinismus“ spezifischer auf Ereignisse der Natur – oder einen bestimmten Bereich derselben – bezogen. Gestützt wird ein allgemeiner Determinismus zumeist durch die Annahme, dass strikte, nicht-probabilistische Naturgesetze über sämtliche natürlichen Prozesse regieren. Ob wiederum die besten physikalischen Theorien diese Annahme stützen, ist umstritten. Wenn geistige Zustände ebenfalls natürliche Zustände sind, scheint ein Determinismus Probleme für die Realität eines freien Willens zu erzeugen. Ob dieser Gegensatz besteht ist ebenso umstritten wie die jeweiligen Konsequenzen.

Quelle: Wikipedia

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18 Kommentare zu „Von Möchtegern-Wahrheiten“

  1. du kannst ja beim nächsten Mal das von dir „erahnte“ Ziel auf einen Zettel schreiben und daheim deponieren bis zu eurer Rückkehr 🙂
    ..aber vielleicht trifft es gerade deswegen nicht zu ?! oder doch ?!
    ..das sind Gedanken die auch oft in meinem Kopf herumspucken.. ähnlich wie wenn ich zugucke bei irgendetwas dann passiert es nicht so wie ich es gerne hätte, also weggucken ? 🙂

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    1. Ich habe das Ziel ja aufgeschrieben. Ins Handy 😉 Weil ich daheim noch gar nicht drüber nachdachte, wohin wir gehen.
      Nichts sagen hätte ich sollen. Oder doch? Wer weiß es schon? Tja.
      Sind wir da, wo wir sind, weil wir es so wollten? Und wer oder was steuert unsern Willen? Und unsere Vorlieben?
      Tja …

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  2. Interessante Gedanken hast du. Sowas beschäftigt mich oft in der umgekehrten Reihenfolge. Ich erspüre „irgendwie“, was jemand anders denkt, das ich jetzt tun werde. Und dann tue ich es. Ich tue es wegen dieser Person, hätte es aber auch ohne sie vielleicht getan. Oder nicht? Ich stelle eigene Absichten schnell zurück. Da denk ich manchmal darüber nach, was mich eigentlich ausmacht. Und ob das nur bei mir so ist.

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    1. Das kenne ich auch. Es spricht für Determinismus. Dass wir alles tun, weil, wegen und für …
      Irgendwie.
      Und doch will ich das eigentlich ja nicht. *grmpf*
      Danke für deine Anregung!

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  3. Erahnen, erspüren was andere vorhaben/wollen/wünschen, aber nicht zu sagen wagen, ist das eine. Es ihnen dann aber sozusagen vorzukauen (Ich weiß ja, was Du …), führt zu (durchaus auch unbewußter) Abelehnung/Umorientierung.

    Ein Teufelskreis. Den auch ich immer wieder durchrenne …

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    1. Wobei, es war ja in unserm Fall so, dass ich nur geraten habe, weil es zig Möglichkeiten gab (wobei ich an einen Platz dachte, den der Liebste besonders gerne mag) – für Trotz war nicht wirklich Grund, aber vermutlich für Umorientierung? Er gestand hinterher, dass er sowohlalsauch im Kopf hatte. Und nach meiner Mutmassung dann das von mir unwahrscheinlicher Vermutete gewählt habe. So wäre es halt wirklich spannend gewesen, wenn ich den Mund gehalten hätte. Tja. Womit wir wieder am Anfang wären. Und ist es nicht so, dass wir mit allem, was wir tun, denken, nicht tun, andere irgendwie beeinflussen? Ohne geht gar nicht. Überall … auch beim Bloggen, beim Kunsten (Musik, Bilder, Texte – alles ist inspiriert von anderem … bewusst zum Teil, mehr aber wohl unbewusst …). Und das ist ja auch so spannend.
      Ich empfinde das nicht unbedingt als Teufelskreis.
      Herausfordernd ist die Gratwanderung, wie ich mich entscheide, immer wieder neu.
      Ich danke dir für deine Zeilen.

      [Und für den Lobpudel. J. hat nämlich heute ein WP-Problem für mich gelöst und darum habe ich ihn gelobpudelt, leider ohne Quellenangabe (in der Mail), was zu Missverständnissen geführt hat … *grins* ]

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    2. Da Tun immer auch Nicht-Tun ist und umgekehrt, ist es wohl so, daß wir auch mit dem Nicht-Tun jemanden oder etwas beeinflussen können. Zwangsläufigkeit würde ich beim Beeinflussen allerdings nicht sehen wollen — sonst sind wir doch bei dem Flügelschlag des Schmetterlings und bei der Chaostheorie … (und da muß ich einfach passen).

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    3. Oooch, der Sack Reis in China, der umfällt, ist doch ein schönes Bild. Wobei, ich sehe es eher als Metapher – dass eben alles mit allem zusammenhängt.
      Dass das Nichttun andere beeinflusst, erlebe ich übrigens oft mit J., wenn er sagt: Ich kann mich heute nicht entscheiden, sag du, was wir tun könnten … so in der Art (und umgekehrt sage ich das natürlich auch zu ihm).

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  4. Das hier nennt sich wohl „geistige Onanie“.
    Hast du sonst nichts zu tun?
    Für so ein Gequake willst du dann ein Grundeinkommen, „Frau Künstlerin“?

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    1. Wer bist du?
      Was machst du hier?
      Was beschäftigt dich?
      Wohin bist du unterwegs?
      Was tust du in deiner freien Zeit?

      Menschen, die sich über solche Themen Gedanken machen und kritisch oder aufbauend hier mitdiskutieren, sind hier herzlich willkommen. Menschen, die hier nur dumme Sprüche klopfen und von einem Ausschnitt auf das Ganze schließen, sind hier definitiv an der falschen Adresse. Was wäre eine Welt, in der alles von vornherein klar ist, alles schon definiert, alles ohne Humor, alles begrenzt vom Denken engstirniger Menschen? In so einer Welt möchte ich nicht leben.

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