Neue Bilder braucht die Welt

Gleich vorweg: Ja, ich betrachte mich als emanzipierte Frau, was nach Wikipedia eine Frau ist, die aus der väterlichen Gewalt entlassen worden ist. Wäre ich je eine Sklavin gewesen, wäre ich (sagt ebenfalls Wiki) emanzipierterweise eine freigelassene Sklavin. [Nun ja, über die väterliche Gewalt – oder auch über die mütterliche – diskutieren wir vielleicht ein andermal.] Heute liegt mir jedoch ein anderer Schwerpunkt auf dem Herzen.

Emanzipation ist für viele – Männer wie Frauen – längst ein Reizwort, ausgelutscht und unattraktiv, sexy schon gar, und wird oft mit einer männerfeindlichen und radikalen Ablehnung klassischer Rollenbilder à la Frauen zurück an den Herd, Frauen sind Mütter, Frauen als Dienende gleichgesetzt. Nach Wortbedeutung (siehe oben) und auch in meinem Verständnis, meint Emanzipation aber, dass der emanzipierte Mensch – Frau oder Mann – in seinem Denken und Handeln unabhängig von der Macht anderer ist. Dass dieser Mensch eigenständig, aus freiem Willen und ohne Hörigkeiten von Eltern oder Partner für sich entscheidet, was er tut. Und dass dieser Mensch die Konsequenzen seines Tuns auch selbst trägt. So weit einverstanden?

Vor diesem Hintergrund also ein paar Gedanken über den Wert unserer täglichen Arbeit …

  • Viele von uns gehen täglich wohin, wo sie für Geld eine bestimmte Arbeit tun. Idealerweise eine, die sie mögen. Dann sind sie ein bisschen glücklicher, als jene, die für Geld Dinge tun, die sie nicht mögen.
  • Viele von uns sind Freischaffende, die teils zu Hause und teils bei ihren Kundinnen und Kunden für Geld eine bestimmte Arbeit tun – oft sogar eine, die sie besonders gut können und mögen.
  • Viele von uns sind alleinerziehende Frauen oder Männer, die ihre Arbeitszeit zu Hause und außerhalb leisten und so, mit der Betreuung ihrer Kinder, des Haushaltes und eines Jobs für Geld quasi rund um die Uhr arbeiten. (Nachtrag. Über diese Menschengruppe folgt ein zweiter Artikel in den nächsten Tagen.)
  • Viele von uns sind Frauen oder Männer, die ihre ganze oder Teile ihrer Arbeitszeit zu Hause leisten, mit der Betreuung ihrer Kinder und ihres Haushaltes.

Hast du es gemerkt: Im letzten Satz fehlt der Hinweis für Geld.

Und Geld, ihr wisst es alle, ist die Währung in der wir unseren Wert definieren und mit dem wir unseren Status finanzieren. Mein Haus, mein Auto, mein Boot. (Sorry, das war jetzt ironisch gemeint …)

Die Konsequenzen unbezahlter Familienarbeit liegen auf der Hand: Diese Arbeit ist gesellschaftlich betrachtet jene mit dem tiefsten Status.
Ach, du arbeitest nichts?, ist noch eine der harmlosesten Bemerkungen, die nette Zeitgenossen für Nur-Hausfrauen und -männer übrig haben. Hand hoch: Wer von euch (von denen, die keine Kinder haben) hat das noch nie gesagt, gedacht oder gefühlt?

Kein Wunder also, wenn sich viele Familienfrauen und -männer minderwertig fühlen. Und das oft sogar auf zwei Ebenen: Das eine ist, dass sie die Arbeit, die sie täglich tun, nicht wirklich von Berufs wegen gewählt haben oder hätten.
Das zweite nenne ich eine Art Scham. Eine Scham, die es vermutlich erst so in den letzten dreißig Jahren entstanden ist. Heute ist nicht die Frau, die arbeiten geht die Böse Mutter, sondern jene, die daheim bei den Kindern bleibt. Der arme Mann muss alles alleine stemmen, wird da schon mal gemunkelt. Von netten Frauen ebenso wie von andern Männern.

Die Frau daheim arbeitet derweil schließlich nichts. Sie sitzt nur rum, malt sich die Nägel an und geht jeden Tag zur Kosmetikerin. So will es das Klischee.

Wir alle, ob wir es nun schon am eigenen Leib erfahren haben oder nicht, wir alle wissen, dass es nicht so ist, sondern dass die Familienfrau/der Familienmann verdammt viel schuftet und im Grunde nie Feierabend hat. Dennoch lässt sich der tiefe Status der Familienfrau und des Familienmannes nur schwer mit dem wirklichen Wert dieser Arbeit in Verbindung bringen.

Solange eine Gesellschaft diese unbezahlten und unbezahlbaren Aufgaben nicht mehr wertschätzt, wird sie sich nicht gesund entwickeln können, behaupte ich. Wenn alle nur noch Fast- und Convenience Food aus der Mikrowelle kaufen und essen, weil sie sich schämen, für ihre Kinder, für ihre Partnerin, für ihren Partner etwas Gesundes zu kochen (kochen zu können), wie sollen da Kinder lernen, was Wertschätzung für gesunde Ernährung, für liebevoll zubereitetes nährendes Essen bedeutet? Wo sollen Kinder Werte wie Verlässlichkeit und Geborgenheit kennenlernen und erleben, wenn beide Eltern immer nur am Arbeiten außer Haus sind? Wer, wenn nicht pirmär einmal Mutter und Vater, soll den Kindern denn zeigen, was Leben heißt? Die Aufgabe (und das sage ich jetzt als wirklich-wirklich emanzipierte Frau!), die Aufgabe, die eine Familienfrau oder ein Familienmann tagtäglich für das Wohlergehen seiner kleinen aber gesellschaftlich für die Gegenwart und Zukunft relevanten Zelle tut, ist im Grunde die wichtigste und am meisten unterschätzte Arbeit auf der Welt. Diese Menschen, Mütter und Väter, formen immerhin die Gesellschaft der Zukunft!

Es macht mich immer wieder verdammt wütend, dass diese Aufgaben gesellschaftlich nicht anerkannt und mit einer Art Familienrente oder einem Bedingungslosen Grundeinkommen honoriert werden und diesen Tatsachen, dass sie eben nicht finanziell entschädigt werden, verdanken sie ihren tiefen Status – was für ein kranker Teufelskreis. Aber so läuft das leider in einer Gesellschaft, in der Aufgaben und Werte primär mit Geld aufgewogen werden. Bringen wir doch mit unserer Haltung den Menschen, die diese so wertvolle Arbeiten tun, ab sofort mehr Wertschätzung entgegenbringen. Bedingungslos.

Change dolls
Change dolls

Eine emanzipierte, unabhängig denkende Frau oder ein emanzipierter, unabhängig denkender Mann kann sich bewusst dafür entscheiden, nicht in der Berufswelt draußen Karriere zu machen, sondern zu Hause an der Welt der Zukunft mitzubauen, in dem sie/er ihren/seinen Kindern gibt, was nur Eltern so ihren Kindern geben können: Liebe. Boden unter den Füßen, Geborgenheit, Anerkennung. Und vieles mehr.
Neue Frauenbilder braucht die Welt. Und neue Männerbilder auch.

Dazu fällt mir ein feines Schlusswort ein. Etwa zum optischen Frauenbild, das ebenfalls erneuerungsbedürftig ist: Neue Puppen braucht die Kinderwelt nämlich auch, und zwar solche, die wieder wie richtige Kinder aussehen dürfen.
treechangedolls.tumblr.com

[Ein Teil 2 über alleinerziehende Mütter und Väter folgt demnächst]

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15 Kommentare zu „Neue Bilder braucht die Welt“

  1. im grunde stimme ich dir da voll und ganz zu. nur eine seite wird hier nicht beleuchtet. nämlich die, der familienmenschen, die ihre kinder alleine erziehen. und das gut. mit werten und normen und so. und die trotzdem eine 40 stunden ( oder mehr ) woche in die arbeit gehen. sicher, weil sie es müssen, weil es ja für die arbeit in der familie kein geld gibt, weil die gesellschaft sie dazu zwingt. aber sie erziehen ihre kinder eben trotzdem zu guten menschen, mit liebe und verantwortung.

    was och sagen will, es geht auch beides. 🙂

    für neue puppenbilder bin ich übrigens auch!

    liebe grüße vom sofa!

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  2. Gerburg Jahnke zeigt in „Ladies Night“ immer wieder Fernsehreklame aus den 50er und 60er Jahren. Da weißt du, wo die Misere herkommt. Beispiel:

    Ob das ein Abbild unserer Gesellschaft war oder unsere Gesellschaft geformt hat, weiß ich nicht. Nur dass es noch länger dauert, bis Frauen und Männer auf Augenhöhe stehen. Aber wir sind auf einem guten Weg, glaube ich.

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    1. Ich kenne zum Glück keine solchen jungen Frauen. Allerdings kenn ich auch mehr junge Männer als Frauen, die allerdings wünschen sich/haben alle Partnerinnen, denen sie in die Augen schauen.

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  3. Ein wahrhaft emanzipierter Artikel. Und ich stimme zu; neue Bilder braucht das Land. Vor allem solche, die absehen können von einem schnell Nutzen, von einem kurzsichtigen Ursache- Wirkungs – Prinzip. Und vielleicht mehr noch solche, die auf ein Miteinander abzielen, statt weiterhin, in nahezu allen Lebensbereichen immer noch Abgrenzung und Konkurrenz zu steigern. Einfach mal zurücktreten und überlegen, was wirklich wichtig ist; der Zweitwagen im Carport des eigenen Hauses (mit der Hypothek bis 2065) oder ganz viel normaler, langweiliger Alltag mit den Kindern… Und wenn das dann noch jeder für sich entscheiden kann, ohne mit den Fingern auf den anderen zu zeigen, der sich nun einmal für das andere Modell entschieden hat, dann wären wir schon einen Riesenschritt weiter, dann könnte wirklich etwas umstürzlerisch Gutes beginnen…

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    1. Hach, du sprichst mir einmal mehr aus der Seele. Das Umstürzlerischste, das mir am meisten vorschwebt, ist ein tiefes, nachhaltiges Umdenken. Wie viele Verletzungen könnten vermieden werden, wenn wir statt Konkurrenz zu leben, das Miteinander praktizierten. Und das fängt ja eben auch bei den Kindern an. Schon im Kindergarten fängt der Vergleich ja an: Wer hat die schöneren Spielsachen? Etc. Dinge sollten nicht mehr über den Wert von Menschen entscheiden.
      Ich wünsche mir noch immer, nicht weniger als in meiner Pubertät, dass die Welt eine lebenswertere wird.
      Und ich versuche, so zu leben, dass sie es sein und werden kann. Heute ist mir so mutig zu Mute.

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