Wirkt Wahres wirklich?

Wie wahrhaftig können wir uns selbst sehen und beschreiben?

Sehen wir uns nicht immer durch irgendwelche Filter? Und was ist mit all den nicht erzählten Dingen? Opfere ich die Reste meiner kleinen Privatsphäre, wenn ich hier über meine Alltagsgewohnheiten schreibe, wie es Knausgård getan hat? Verrate ich mich sogar ein wenig, wenn ich zu viel schreibe? Was soll mein Maßstab sein?

Nun ja, wenn ich über mich schreibe, ist es immer eine Form der Selbstdarstellung. Im Zeitalter von Selfies ist das Selbstbildnis aus dem Ruder gelaufen.

Wie bewundere ich die alten Meister, die in stunden- was sage ich da? in tagelanger Konzentration vor dem Spiegel saßen und nicht nur ihr Äußeres wiederzugeben versuchten, sondern auch ihr Innen unter die Lupe nahmen.

Ein Bild ohne Schatten nennen wir überbelichtet. Wo die Schatten fehlen, werden die Falten geglättet und zeigen eine nicht wirkliche, eine nicht wahre Wirklichkeit, eine wirkungslose Wirklichkeit. Wird sie damit unwahr? So unwahr wie eine Mathematik ohne den Einbezug von Minuszahlen.

Voyeurismus beobachte ich bei mir, ein klein wenig zumindest, wenn ich Bücher wie jene von Knausgård lese. Biografien. Anders als bei fiktiven Lebensgeschichten gehe ich bei einer Biografie davon aus, dass der Blick, der mir schreibend vermittelt wird, der Wahrheit nahe ist. Der Wahrnehmung zumindest. Und das interessiert mich. Ich möchte wissen, was andere Menschen denken, sagen, machen, fühlen, wie sie dies und jenes tun, worüber sie sich nerven und was ihren Alltag versüßt. Nicht geschönt, nicht selektiert. Vielleicht lese ich deshalb auch so gerne in Blogs. Sie sind noch unzensierter als Bücher, roher, näher dran an den Menschen.

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17 Kommentare zu „Wirkt Wahres wirklich?“

  1. Bloglesen als voyeuristisches Vergnügen — neuer Blickwinkel. Damit aber auch Blogschreiben exhihbitionistisch intendiert?! Huch!

    Klar, es ist ja wirklich so. Doch noch exhibition- und voyeuristischer (darf ich das -istischer so abtrennen?) ist fakebock mir erschienen, da kommt nix wirklich ran 😉

    Und last but not least: Oh, heute Nacht dann in meinem Blog (der Kommentar uferte gerad aus).

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  2. Ich glaube, so wie ich die beiden Begriffe (Voyeurismus und Exhibitionismus) im Kontext mit Bloglesen verstehe, ist es nicht allzu „huch“. Nur eben dieses menschliche Interesse am Leben anderer.
    Und sogar noch exhibition- und voyeuristischer mehr als FB finde ich Hochglanzmagazine … Schall und Rauch.
    Und ja, ich bin gespannt auf deinen Artikel. Nenn es Voyeurismus. Aber mich interessieren andere Menschen vor allem, wenn und weil ich sie mag …

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  3. Die Frage ist doch, wer sieht mich am unzensiertesten? Bin das wirklich ich? Kenne ich mich am besten und sollte das der Fall sein, wie viel geht verloren auf dem Weg zwischen Selbsterkenntnis und dem Niederschreiben eben dieser?

    (Danke für den abendlichen Brainteaser.)

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  4. Voyeurismus und Exhibitionismus – so kann man es auch nennen. Aber in dem Maß, wie es in unserem Bloghütten-Kreis zugeht, nenne ich es: am Leben teilhaben. Gedanken miteinander teilen und etwas über andere und uns selbst erfahren. Es wird nie alles sein, weder über andere noch über uns selbst, wir bleiben uns ja selbst oft verrätselt. Menschen sind von äußeren Wahrnehmungen abhängig. Wie soll man denn wissen, wer man ist, solange man andere nicht darüber befragt hat? Bei jedem Menschen, den man zum ersten Mal trifft, entdeckt man auch wieder etwas Neues an sich selbst, nämlich die Facette, die der andere sieht. Und die man vielleicht selbst noch nicht wahrgenommen hat.

    (Gott was bin ich philosophisch heut.) 😉

    Ein spannender Gedanke ist es jedenfalls in deinem Beitrag! 🙂

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    1. Ja, das ist auch meine Interpretation und drum finde ich Voyeurismus/Exhibitionismus in diesem Kontext nichts schlimmes. Neben der Neugier und Lernbereitschaft ist es bei mir vor allem genau das: Ich möchte teilhaben am Leben jener Menschen, die mir in der virtuellen Welt liebgeworden sind. Bloghüttenkreis – ein Gutwort, das ich grad in meinen Wortschatz importiere.
      Danke herzlichst für dein Mitdenken und Mitlesen und Dasein.

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  5. dazu fällt mir der polemische titel ein „wie wirklich ist die wirklichkeit“. war es watzlawick? oder fromm? oder? ich hab es mir nicht gemerkt. schöner text über die selbsterkenntnis der selbstdarstellung und ein exkurs in den voyeurismus. ein sehr vielschichtiges phänomen, wie mir scheint.

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    1. Und wie! Zumal der Begriff ja bei uns definitiv negativ konnotiert ist.
      Aber steckt dahinter eben nicht auch eine Form von Empathie oder Lernbegierde?
      Ich denke zurzei grad viel drüber nacht …
      Danke für deinen Input und willkommem hier!

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    2. das stimmt. weil es halt oft als fetisch verstanden wird und nicht als eigenschaft, die dem menschen (in gewissen grenzen) einfach innewohnt. und die, wie du ansprichst, auch positive effekte haben kann. mich hat das auch schonmal beschäftigt. es ist schwierig, über dinge nachzudenken, wenn sie von der gesellschaft (und mitunter auch dem eigenen denken) so wertend gefärbt sind!

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    3. Ich frage mich, warum wir immer so schnell werten. Zumal wir ja oft, meistens wohl sogar, keine Ahnung von den Beweggründen anderer Menschen haben. Dieses Richten, Moralisieren und Werten bringt nichts.
      Ich lerne durch Blogs zum Beispiel viel über anders Denkende. Und das ist eine Bereicherung. Voyeurismus hin oder her …

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    4. Ich glaube, Dinge zu bewerten ist in vielerlei Hinsicht wichtig um mit den ganzen außeneinflüssen klarzukommen. Man muss dinge schnell und effektiv ‚einordnen‘ können, früher wohl um zu überleben und heute hält auch um zu funktionieren. Blöd ist nur, dass man den Mechanismus nicht ausschalten kann, wenn man ihn nicht benötigt…

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  6. oh nein, jetzt ist mein ganzer langer Kommentar futsch, herrjeh, also noch einmal.

    Fange ich nun dort an, was gerade als letztes kam, ich fühle mich nicht wirklich als Voyeurin beim Bloglesen und als Exhibitionistin beim schreiben. Ich lese Blogs weil mich interessiert was und worüber und wie andere schreiben, wie sie die Welt sehen, sie verdauen. Und so schaue ich mir auch die Bilder von anderen an, manchmal ist es Inspiration oder es sind Gedankenanstupser, manchmal Gemeinsamkeit, manchmal wende ich mich ab, manchmal verstehe ich es nicht.

    Zurzeit aber habe ich es mit dem Thema Reibung. Es ist einfach ein harmonisches Miteinander zu erleben, solange ich mich mit den Gemeinsamkeiten aufhalte, diese suche und finden will, was für mich gleichbedeutend mit Bestätigung für mein Sein, mein Fühlen und Denken ist- ich habe im Laufe meines Lebens viel davon gefunden, vielleicht geht es jetzt deswegen um die Reibung. herausfinden zu wollen wie ich/wir andere Meinungen, andere Lebensentwürfe aushalten, wie tolerant ich wirklich bin …

    Und Knausgard … ich schrieb es letztens schon bei Mützenfalterin: je mehr ich von ihm lese, umso häufiger frage ich mich, wie authentisch denn seine Bücher wirklich sind … ja, er besticht dadurch, dass er Themen aufgreift, in denen es um Scham geht (andere würden sich nicht trauen DARÜBER zu schreiben), dass er seine „Arschlochseiten“ nicht verschweigt, nicht seine fehler, sein Nichtkönnen, nicht seinen Kampf. Und doch bezweifel ich, dass all das hundertprozentig authentisch ist, dass nicht auch er auslässt, dass auch er nur zeigt, was er zeigen will und das ist jetzt keine Kritik, sondern halte ich für legitim. Ich selbst mag an manchen Stellen gerne Verkleidungen und Leerstellen, Räume für meine LeserInnen und dann mag ich das Schnörkellose, Unverblümte, Provozierende, aber es gibt immer auch etwas, das nur bei mir bleibt, es würde mich wundern, wenn es bei Knausgard anders wäre …

    danke, liebe Soso, für diesen anregenden Text
    herzlichst Ulli

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  7. Und wieder die Frage, was authentisch wirklich meint.

    Ist es, dass wir eins-zu-eins wiedergeben, was geschehen ist? Und ist nicht diese Wiedergabe eine erste Ver“fälschung“, weil es eine Interpretation ist, eine Beschreibung aus einer persönlich gefärbten Perspektive? Ich glaube, die wirkliche Wiedergabe geht gar nicht. So wie wir andere Menschen nur erahnen können, also wie sie denken, wie sie fühlen, so ist es auch mit uns selbst und unseren Erlebnissen. Das merke ich aktuell beim Schreiben meiner Erlebnisse zum Stichwort „Weiterleben“. Wie das mit den Erinnerungen wirklich funktioniert, ist mir immer wieder ein Rätsel. Und wieso manches noch so glasklar vor Augen ist, anderes aber längst vergessen oder so tief abgelegt, dass ich mich nicht mehr an Einzelheiten erinnern kann.

    Und ich bin gewiss, dass auch Knausgard nicht alles erzählt. Das geht ja gar nicht. Nie und nimmer. Vielleicht ist der Erzählfluss die erste Zensur. Schreiben, was gerade jetzt da ist, scheint mir da ein guter Impuls und Ratgeber zu sein.

    Danke fürs Mitdenken und gute Besserung. Mail folgt die Tage!

    ❤ lichst, Soso

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