richtig sterben?

Ich weiß, ein heikles Thema. Je nachdem, was wir erlebt haben, tut es weh, über Selbstbestimmung bis zuletzt, nachzudenken, doch ich kann grad nicht anders. In letzter Zeit habe ich mich so intensiv mit Tod und Sterben auseinandergesetzt, bei anderen darüber gelesen (bei Larapalara über das ewige Leben und warum es keine Option ist, zum Beispiel, oder bei Luisa Francia, die ihre betagte Mutter pflegt) sowie selbst darüber geschrieben.

Gerne teile ich hier ein paar meiner Gedanken.

#Triggerwarnung: Sterben, Tod, Sterbehilfe

+++

Den richtigen Tod. Ja, ich wünsche ihn mir. Das für mich richtige Sterben. Dass ich den Zeitpunkt spüre, wenn es für mich zu gehen heißt.

Wir alle haben wohl schon von jenen Natives gehört, Ureinwohnerinnen und Ureinwohnern, die – wenn ihre Zeit gekommen ist – in die Wüste gehen und auf den Tod warten.

Wie könnte die Alternative, die Analogie dieses weisen Umgangs mit dem Tod in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft aussehen? In der Schweiz ist die aktive Sterbehilfe zum Glück weniger tabuisiert als in vielen anderen Ländern. Die passive Sterbehilfe gehört hier sogar längst zum Pflegealltag. Und dennoch haftet dem Thema – und wie ich meine zu Unrecht – etwas unmoralisches an. Menschen sollen sich nicht zu Gott machen und über Leben und Tod bestimmen, sagen die Gegnerinnen und Gegner unter anderem. Und dass mit solchen Möglichkeiten Druck auf alte Menschen ausgeübt werde. Mag sein, aber, ist es denn nicht auch ein Eingreifen ins göttliche Drehbuch, wenn jemand nur dank eines fremden Herzens, fremden Blutes oder dank eines Antibiotikums weiterlebt, wo er doch natürlicherweise (= gottgewollt) gestorben wäre? Was wissen wir schon wirklich über diese letzten Dinge?

Ich stelle es mir schön vor, eines Tages Abschied von meinen mir lieben Menschen zu nehmen, weil ich bewusst entschieden habe, dass ich genug gelebt habe. Bevor alle Gebrechen, die das Altwerden mit sich bringt, meine Lebensfreude und Lebenslust niederdrücken können. Frieden machen mit dem Leben, Frieden machen mit dem Tod. Und dann den Cocktail trinken. So stelle ich ihn mir vor, meinen richtigen Tod.

Ich kenne Menschen, deren Meinung mir lieb und teuer ist, die dennoch mit meinen Gedanken sehr hadern. Und ja, ich verstehe ihre Argumente. Wird meine Vision vom „richtigen Tod für alle“ legalisiert, werden viele alte Menschen, die (böse ausgedrückt) nur Kosten verursachen, aber keine Leistungen mehr erbringen, nur noch mit einem schlechten Gewissen leben. Ganz besonders dann, wenn sie – anders als ich – keine selbstbestimmte Sterbeabsicht haben. Es könnte sie möglicherweise moralischer Druck einholen, ihnen oder ihren Nächsten und womöglich werden sie glauben, keine Daseinsberechtigung mehr zu haben. Ja, mag sein. Dennoch sollten wir als Gesellschaft lernen, über diese Thematik freier zu sprechen. Und vor allem soll der Wert jeden einzelnen Lebens nie in Frage gestellt werden. Ich spreche von wahrer Selbstbestimmung. Dazu gehört dann eben, dass jene, die den Cocktail wollen, ihn bekommen und jene, die ihn nicht wollen, keinerlei Druck haben dürften.

Schwierig, ich weiß, und ich habe nicht wirklich eine Ahnung davon, wie das gemacht werden kann.

Aber ich wünsche mir nicht nur für mich den richtigen Tod. Ich wünsche ihn mir für alle. Dazu gehört, dass wir das Tabu, das dem Tod anhaftet, überdenken. Unsere Angst vor der anderen Seite, die wir nicht kennen, ist natürlich und natürlich zutiefst menschlich. Immerhin geht es um die Endgültigkeit des Endes unseres irdischen Lebens. Da wir, im Gegensatz zu früheren Generationen, nicht mehr von einer in der Gesellschaft verankerten Religion aufgefangen werden, wird alles noch unfassbarer. Endloser, abgründiger. Da wartet auf die meisten von uns kein Himmel.

Nun ja, an den biblischen Himmel habe ich schon lange zu glauben aufgehört, nicht aber an etwas anderes, etwas Ewiges, Verbindendes, Inneres. Ich weiß nicht, ob es ist. Ob da etwas kommt. Ich weiß nur, dass ich in mir eine Ahnung habe, die alle meine Versuche, an nichts mehr glauben zu wollen, überlebt hat. Eine Ahnung, die von Ewigkeit und Liebe spricht.

Der Himmel und die Hölle sind in uns. Glaube ich. Alles ist in uns. Wieso sollte dann, wenn doch in allem, das ist, in allem das lebt, nicht – wie es uns das Wasser mit seinem Kreislauf und die Natur mit ihren Jahreszeiten lehren – etwas sein, das immer weiter geht? Über die Form, über die Gestalt mache ich mir keine Gedanken. Nicht mehr. Weil ich die Antwort nie kennen werde. Und weil es gut ist, nicht alles zu wissen.

Zu meiner Ahnung gehört auch, dass dasjenige, was dieses Alles ausmacht, viel größer ist, als das was wir sehen, glauben, erkennen, verstehen. Einfach deshalb, weil uns dazu die Sinne, die Rezeptoren fehlen, die verstehen könnten. Wir haben in uns (noch) keine Programme, die diese Wunder lesen und entschlüsseln können.

Könnten wir sie lesen, könnten wir sie entschlüsseln, wären es keine Wunder mehr, wäre alles klar. Und genau darum, so vermute ich, haben wir diese Programme nicht mitbekommen, vom Leben, von Wem-auch-immer. Um das Staunen nicht zu verlernen und die Demut. Möglicherweise werden diese uns fehlenden Rezeptoren im Laufe der Evolution des Menschengeschlechtes nach und nach entstehen? Möglicherweise.

Und möglicherweise ist alles ganz anderes als es je eine Prophetin, ein Lehrer, eine Spinnerin, ein Visionär, eine Magierin vorausgesagt hat?

Möglicherweise ist sogar der Tod etwas ganz anderes als wir denken.

Möglicherweise besteht der einzige Schreck des Todes darin, dass die Menschen, die weiterleben, es ohne den verstorbenen Menschen tun müssen.
Mit dieser Lücke.
Mit dem großen Fehlen.
Erfüllt von Leere bis zum Rand.

Das ist für mich der Fluch des Todes.
Das ist für mich das schier Unerträgliche.
Das, was ich nicht begreifen will.
Das, was mich immer wieder leiden lässt: Dass ich den geliebten Menschen nicht mehr berühren kann.

Verlust.
Für immer verloren.
Eine Amputation, die weit über Körperliches hinausgeht.
Die Seele wird angestochen.
Die Seele verliert ihren Halt.
Die Seele sackt in sich zusammen.

Leere, die bodenlos ist.
Schmerz, für den es nie Worte geben wird.
Ein Jetzt, das nie aufhört.
Eine Ewigkeit voll Nie.

Advertisements

30 Kommentare zu „richtig sterben?“

  1. Liebe Soso, gratuliere für diesen schönen und wichtigen Text! (Einmal mehr frage ich mich: Wie kriegt ihr das hin, so schnell so viel so gut zu schreiben??) Jedenfalls finde ich auch, der selbstbetimmte Tod darf nicht tabusiert werden. Er ist eine wichtige Errungenschaft und gehört meiner Meinung nach zur Freiheit des (nicht-religiösen) Menschen. Andererseits ist es aber auch der moderne Kontrollzwang, der uns denken lässt, wir könnten auch den Tod beherrschen, nicht? Er ist sovieles, hat so viele Gesichter… Und du hast recht, der Tod ist für die Zurückbleibenden unerträglich. Dein Schlusssatz macht mir richtig Gänsehaut, er drückt dieses Leiden perfekt aus…
    Wer weiss, vielleicht müssen wir uns irgendwann noch mehr darum sorgen, überhaupt sterben zu dürfen. Die Technolgie wird ja immer besser, sie rast nur so dahin. Wie gesagt, Kurzweil ist bei google ganz oben mit dabei. Das macht mir Angst. Ich glaube, es ist wichtig, seine Sterbewünsche testamentarisch aufzuschreiben und verbindlich zu machen.
    Bis dahin sollten wir vor allem jeden Tag geniessen, als ob es der letzte wäre. Versuchen, ein gutes Leen zu führen. Klingt sehr altmodisch, ist aber schwierig genug, finde ich. Ich muss es mir selber immer wieder sagen, dass nichts für immer ist, ausser die Sehnsucht nach dem Verlorenen vielleicht…
    Die Sendung Sternstunde Philosophie befasst sich übrigens immer mal wieder mit dem Thema Tod: http://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/der-geplante-tod?id=270f6223-dbbf-4a17-ae79-9f14dd4c24cc
    Wir müssen am Thema dranbleiben! Viel Kraft und herzliche Grüsse in den Schweiz, LaRa

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Lara, ich danke dir für deinen ausführlichen Kommentar. Ich freue mich immer, wenn ich feststellen darf, dass ich mit meiner Sehnsucht nach dieser letzten Auotnomie nicht alleine bin. Ich ecke mit meinen Gedanken ja oft an, werde auch von lieben, nahen Menschen manchmal als Nekrologin wahrgenommen (meine ich wahrzunehmen). Ist mir eigentlich egal, da ich weiß, wie wichtig das Thema für mich ist. Ich bin schon viele Jahre bei EXIT und lese im Magazin von ihnen oft über die Debatten, die in der Politik geführt werden. Aber, besonders berührend, auch immer Erfahrungsberichte.
      Es geht einiges und ich hoffe wirklich sehr, dass wenn es bei mir so weit ist, dass ich so viel Vorarbeit geleistet habe, dass ich diesen Wunsch vom richtigen Sterben ausführen kann.
      Ich danke dir für dein liebes Kompliment zu meinem Artikel. Das ist sehr ermutigend für mich!

      Gefällt mir

  2. Hm. Wir denken sehr ähnlich. Zur Freiheit des Lebens gehört für mich auch, daß ich sein Ende (nach Möglichkeit) selbst bestimmen kann …

    Und passend zu Deinem Text, nein, zu dem einen Satz „Möglicherweise ist sogar der Tod etwas ganz anderes als wir denken.“ kommt in der Nacht — ach, Du wirst sehen …

    Gefällt 1 Person

    1. Guck ich gleich. Oder hab ich schon? Es war ja spät bei uns … bin grad ein wenig noch neben der Spur. Danke für deine Zeilen und dieses virtuelle Sich-Inspirieren, das ich sehr schätze!

      Gefällt mir

  3. Dass selbstbestimmtes Sterben das „richtige“ Sterben ist, dachte ich bis vor kurzem auch. Inzwischen erlebe ich meine Mutter, die meist „nur noch“ daliegt und rund um die Uhr gepflegt werden muss, was Unsummen verschlingt. Wenn es jetzt die Möglichkeit des Suizids gäbe – wäre es ihre freie Entscheidung, oder würde sie sich unter Druck gesetzt fühlen, weil das Erbe aufgebraucht wird? Noch schlimmer wäre es, wenn sie dement wäre und ich diese Entscheidung treffen müsste. Ich bin ich froh, dass das von niemandem verlangt wird.
    Meine Mutter hat heute übrigens übers ganze Gesicht gelächelt, als ich kam. Und zwar schon, bevor sie mich überhaupt gesehen hatte. Wir wissen nicht, wie die letzte Phase erlebt wird. Deshalb kann man eine solche Entscheidung auch nicht im Vorfeld festlegen.

    Dem zweiten Teil deines Artikels stimme ich dir ganz und gar zu. Vor allem ein unerwarteter Tod muss furchtbar sein für die Angehörigen, auch weil der frühere Glaube an Auferstehung und Wiedersehen nicht mehr trösten kann. Aber vielleicht gibt es das Himmelsparadies doch, und zwar in einem liebenden Herz, wo die Seele des Verstorbenen weiterleben, lieben und lachen kann.

    Gefällt 3 Personen

    1. Richtig ist natürlich immer sehr relativ und natürlich kann im Grunde nur die Person selbst für sich sagen, was richtig für sie ist. Von außen sieht manches ganz anders aus als von innen.
      Nur noch daliegen ist für mich kein Urteil über Lebenswürde und Daseinsberechtigung. Auch nicht, ob jemand krank oder gesund ist. Es ist wohl eher dieses Selbstverständnis im Umgang mit dem eigenen Tod, das ich hier meine.
      Ich finde sehr wohl, dass man eine solche Entscheidung im Voraus treffen kann, doch ist es natürlich nie garantiert, wie es dann in echt sein wird.
      Tod wird immer unfassbar sein, und in unserer Wahrnehmung unfair. Wie Krankheit. Wie Schicksal.
      Ich danke dir herzlich für deine Gedanken zu dieser Diskussion hier!

      Gefällt 1 Person

    2. Noch vor einem Jahr hätte ich sofort unterschrieben, dass ich nicht am Leben gehalten werden will, wenn ich ein Vollpflegefall würde ohne Möglichkeit zu kommunizieren. Heute würde ich es nicht mehr tun. Wenn meine Mutter so kämpft, dann muss noch etwas da sein, das es wert ist.

      Gefällt 1 Person

    3. Oder es ist einfach der Urinstinkt, der Reflex. Oder die Angst?
      Wenn wir das wüssten?
      Ich danke dir, dass du da so genau hinspürst. Letztlich werden wir auf diese Fragen vermutlich keine Antowrten finden.

      Gefällt 1 Person

    4. Ja, vielleicht ist es „nur“ der Überlebensinstinkt. Aber wenn der nun mal da ist, würde ich nicht wollen, dass jemand anders entscheidet, dass es nun mal gut ist, wenn ich mich selbst nicht mehr mitteilen kann. Stelle ich mir jedenfalls so vor. Am allerbesten ist es, ich krieg eines Tages einen Herzkasper und fall tot um. Natürlich erst wenn ich 101 bin und bis dahin gut gelebt hab. 😉

      Gefällt 1 Person

  4. Schöner Text, spannendes, geliebtes Thema. Da juckt es mich glatt, auch mal wieder was zu dem Thema zu schreiben. Der Pragmatiker in mir stört sich zwar dran, dass aus der Entscheidung ohne Zwänge nichts werden wird, aber dennoch. Die Frage, die nach der Lektüre für mich aber offen bleibt: Gibt es so etwas wie den richtigen Tod überhaupt? Ist das ein guter Tod? Oder ist „der Tod“ undenkbar und in dieser Weise gar nicht beschreibbar? Und, haben die Antworten irgendwelche Konsequenzen auf die Frage nach dem bewusst entschiedenen Sterben?

    Gefällt 1 Person

    1. Richtig ist, wie ich eben bei Anhora schrieb, ebenso relativ wie subjektiv und von außen nie bestimmbar. Einzig die betroffene Person kann, wenn überhaupt, den Tod als richtig empfinden. Vermutlich ist es da am meisten der persönlich richtige Tod, wo sich Menschen, die z.B. unheilbar krank sind und bei einer Sterbehilfeorganisation (gibts ja in der Schweiz) den Cocktail trinken. Ich habe dazu schon Dokus gesehen und war sehr berührt.
      Richtig und gut im Zusammenhang mit Tod? Schwierige Wörter. Und doch, wo der Tod doch letztlich zum Leben gehört, wieso soll da Tod nicht richtig sein dürfen, oder gut, oder was auch immer?
      Ob unsere (vorläufigen) Antworten eine Auswirkung auf unser eigenes Sterben haben werden? Vermutlich schon, weil wir uns mit unserer Angst auseinandersetzen. Und das kann der Angst ganz schön entgegenwirken.
      Und doch: Letztlich haben wir ja den Tod (das Leben auch nicht) niemamls in der Hand. NIcht wirklich.
      Ich danke dir für deinen Beitrag und heiße dich hier herzlich Willkommen.
      Auf Wiederlesen?!

      Gefällt 1 Person

    2. Sicherlich auf Wiederlesen und danke fürs Willkommen, aber erst einmal guten Morgen. 🙂 Ich bezweifle ja, dass es den allein eigenen Tod gibt, weil er auch andere betrifft, und wir uns elegant aus der Affaire ziehen, indem wir nicht mehr existent sind. Bei der Angst hast du einen wichtigen Punkt gemacht, die wird sicherlich gedämpft.
      Spannend finde ich, dass du den Tod zum Leben rechnest. Ist er nicht das Gegenteil des Lebens? So wie das Ende eines Films, der Moment wenn sich der Kinoprojektor abschaltet, auch nicht mehr zum Film gehört?

      Gefällt 1 Person

    3. Hm, ja, Angst haben wir ja meist vor jenen Dingen, die wir entweder schon mal ähnlich erlebt und als schrecklich abgespeichert haben oder die wir nicht kennen und dank unserer Phantasie als schlimm vermuten … Wenn wir dem Tod aber Raum geben, ihn bei Sterbeden miterleben können, wird es wohl anders mit unserer Angst …

      „Spannend finde ich, dass du den Tod zum Leben rechnest. Ist er nicht das Gegenteil des Lebens? So wie das Ende eines Films, der Moment wenn sich der Kinoprojektor abschaltet, auch nicht mehr zum Film gehört?“
      Das ist allerdings die Frage. Meine ist, ob sich die beiden Bilder entsprechen. Kinoanfang und -ende sind für mich etwas materiell fassbares, etwas chronologisch nachvollziehbares.
      Das aber sind Leben und Tod für mich definitiv nicht. Da ist mehr Metaphorik drin als in der nur rein materiellen Welt. Wenn ich eine materielle Metapher beiziehen würde, die dem „Gegenteil“, das du ansprichst, einigermaßen gerecht würde, dann vielleicht das Bild von Vorder- und Rückseite eines beliebigen Gegenstandes. Und so meine ich es eben: Tod und Leben sind für mich aus dem gleichen Stoff. Etwas Ganzes, das je nachdem wie wir es betrachten, schrecklich oder wunderbar sein kann.

      Ich danke dir für deine anregenden Gedanken!

      Gefällt 2 Personen

  5. Liebe Soso,
    hier ist dir eine wunderbare Zusammenfassung gelungen, die die Seiten von Leben, Sterben und Tod wunderbar beleuchten. Ja, auch ich bin für selbstbestimmtes Sterben, wenn es unaushaltsam wird, wenn die Demenz diagnostiziert ist und voran schreitet. Auch ich wünsche mir zu spüren, wenn es soweit ist, möchte mich verabschieden dürfen, von den Liebsten und dem Leben, von mir … Dahinter aber lauert für mich noch die Frage: sind wir modernen Menschen dabei den Tod zu romantisieren?
    Die andere Seite ist der Verlust eines geliebten Menschen, dieses „nie mehr wieder“, das hat mich seit meinem 5. Lebensjahr begleitet und hat mich, so klein und ohne Trost, in so manche Hölle gestossen. Heute bin ich dankbar, denn heute weiss ich, dass ich deshalb den Tod als gegeben zu akzeptieren gelernt habe, wenn auch nicht schon während meines 5. Lebensjahres …
    Himmel und Hölle, die haben wir auf Erden, was später kommt, weiss niemand genau zu sagen, aber es gibt die einen und anderen Wegweiser … aber auch sie bleiben ungewiss. Mir gefällt, dass du schreibst, so bleiben uns Demut vor dem Leben und allem was grösser ist erhalten …

    danke dir für diesen Artikel und grüsse dich herzlich
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich danke dir herzlich für deine Gedanken hierzu.

      „Dahinter aber lauert für mich noch die Frage: sind wir modernen Menschen dabei den Tod zu romantisieren?“ – Das habe ich mich in der Tat noch nicht gefragt.
      Was ich aber immer wieder beobachte in der Menschheitsgeschichte: Das Pendel schlägt immer zuerst vom einen Extrem ins andere, bevor es sich beruhigt.
      Womöglich müssen wir den Tod, um ihm irgendwann einen angemessenen Platz in unserem Leben geben zu können, zuerst den Weg über die Extreme, hier übers Romantisieren, gehen? Vielleicht. Ich muss da noch drüber nachdenken.

      Herzlich, Soso

      Gefällt 1 Person

  6. deine ahnung von liebe und ewigkeit teile ich außnahmslos. das große, welches wir nicht erfassen, gibt es.
    ich denke allerdings, dass die rezeptoren für das erkennen des großen-ganzen nicht erst kommen müssen. vielmehr meine ich, dass es sie bereits gab. (in der menschheitsgeschichte sowie auch bei kindern meine ich).
    wir haben sie verloren und müssen sie wiederfinden.
    es ist da, wir haben verlernt, es zu sehen, zu erspühren. zurückgebildet.

    das nachdenken über die selbstbestimmung im leben wie im tod wird in meinen augen bewußt unterdrückt. es steht immerhin auch eine industrie hinter dem ‚am-leben-halten‘ …

    „Tod und Leben sind für mich aus dem gleichen Stoff. Etwas Ganzes, das je nachdem wie wir es betrachten, schrecklich oder wunderbar sein kann.“
    eine großartige essenz.

    liebe soso, ich danke dir (schon wieder 😉 ) aus ganz tiefem herzen für deinen wunderbaren text. er ist so schlüssig und für mich schon wieder so tröstlich.
    großartig, dein immer wieder denkanstoßen!
    wir bräuchten so viel mehr davon in unserer gesellschaft.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich danke dir sehr für diesen Kommentar. Ich nenne diese Art Rückmeldung gerne das Perpetuum mobile der Ermutigung. Schön, wenn ich mit meinen Gedanken andern gut tun kann.
      Und schön, dass du meine Wahrnehmung in Bezug auf Leben und Sterben teilst – inklusive des Nichtwissens, das damit einher geht.

      Herzlichst, Soso, die jetzt ins Büro radelt

      Gefällt 1 Person

  7. Ich habe Deine Blog erst jetzt entdeckt, über HausHundHirsch und Pixartix – und lese hier bei Deinen Texten fest.
    Besonders dieser hier über das richtige Sterben, das es, glaube ich, nur im Individuellen und nicht im Allgemeinen gibt, hat mich sehr berührt.
    Für mich ist das seit langer Zeit ein Thema und für mich steht fest, dass ich ein selbstbestimmtes Ende möchte.

    Der Grund dafür ist eine lange Krankengeschichte, die hier viel zu langweilig wäre, ausgebreitet zu werden. In Kürze habe ich in den letzten 28 Jahren ein paar mal fast den Löffel abgegeben – und war hinterher immer, immer froh, überlebt zu haben.
    Aber in letzter Zeit merke ich, dass mir immer öfter der Gedanke kommt, so nicht noch einmal. Wenn es so absehbar ist, dass mir keinerlei Selbstbestimmtheit mehr bleibt – und das wird kommen dann möchte ich das hier beenden. Ich lebe wirklich gerne. Das, was ich unter Leben verstehe.

    Im letzten Jahr habe ich in unserer näheren Umgebung zuletzt den richtigen Tod miterlebt. Einer, dem es mit 75 noch richtig gut ging, ist morgens einfach nicht mehr aufgewacht. Das wäre es. Aber wem ist das schon vergönnt.

    Das glatte Gegenteil gibt es viel öfter, auch das habe ich erlebt, habe meine Mutter Ende 2013 in den Tod begleitet. Und Sterben ist grausam. Ich weiss nicht, ob meine Mutter das so wollte. Diese Schmerzen, diese Ohnmacht, diese hilflosen, wütenden Blicke, dieses nicht mehr sagen können, was man will, ob es hier ein Ende haben darf.

    Immer ist der Tod grausam – auf jeden Fall für die Weiterlebenden, die den Tod des geliebten Menschen als riesigen Verlust erleben. Das bringst Du grossartig am Ende Deines Textes auf den Punkt. Aber das ist der Punkt, wo der Tod in meinen Augen eben doch zum Leben gehört.

    Ich glaube nicht an einen Gott, dennoch sind drei Dinge, die Du in Deinem wunderbaren Text genannt hast so existenziell: Die Demut, das Staunen und, wie Du schreibst „…weil es gut ist, nicht alles zu wissen.“
    Am Ende also das Leben lieben und leben, immer genau jetzt. Und dann ist es vorbei und alles andere kann sich jeder für sich selbst ausdenken.

    Dein Text hat mich sehr angestossen und es tut mir leid, dass ich hier so ausführlich war, falls Du das belästigend fandest, lösche es einfach.

    Übrigens: es gibt nicht wirklich vieles, um dass ich die Schweiz als Staat beneide, aber den deutlich tabufreieren Umgang mit Tod und Sterben, allein dadurch ausgedrückt, dass es so etwas wie Exil geben darf, das ist schon eine Qualität.

    Liebe Grüsse
    Kai

    Gefällt 1 Person

  8. Lieber Kai

    Wo denkst du hin? Keine Belästigung. Im Gegenteil, dein Text berührt mich sehr. Es ist wohl etwas vom schönsten und kostbarsten beim Bloggen, wenn solche Gespräche entstehen können wie dieses hier. .

    Ich bin übrigens schon sehr lange EXIT-Mitglied und ich hoffe, dass es bei mir dann so sein darf, wie ich es mir jetzt theoretisch vorstelle. Dir wünsche ich das auch. Und ich hoffe, dass Deutschland diesbezüglich ein paar Weichen umstellen kann. Obwohl ich ja die Gefahren des Ganzen schon auch sehe.
    Nur: Für mich ist eben die Freie Wahl (auch wenn sie schlussendlich vielleicht nicht wirklich so frei ist, wie wir meinen, denn auf sehr vieles können wir keinen Einfluss nehmen) eines der höchsten menschlichen Güter. Und sie funktioniert nur, wenn wir einander in unseren Entscheidungen respektieren.

    Ich danke dir herzlich für deine ausführlichen Gedanken!

    Willkommen hier und gerne auf Wiederlesen!
    Liebe Grüsse Sofasophia

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.