Werden und vergehen

Tulpendasein
Tulpendasein

Ein Kehrreim meines Lebens ist das Nachdenken über unseren Platz in dieser Welt. Der Wunsch, der mich dabei durchdringt, ist, dass jede und jeder da sein sollte, wo sie oder er am besten gedeihen kann. Mensch, Tier, Pflanze, Mineral … alles.

Zu wissen oder zumindest zu ahnen, wozu ich da bin – und dies dann auch zu sein, zu tun, zu leben – ist Teil der Basis eines zufriedenen Lebens.

Immer wieder dieses Ahnen in mir, dass es nicht keinen Sinn in allem gibt.

Das Ahnen aber auch, dass die Blüte der Tulpe nicht zur Erquickung menschlicher Augen stattfindet. Und ihr Zerfall auch nicht deshalb so schön ist, weil er uns würdevolles Loslassen lehren will. Und dass die Schönheit auch im Sterben wohnt. Wohnen kann.

Geheimnisse.

Vielleicht liegt eines dieser vielen Geheimnisse des Lebens ja in der Zwiebel verborgen, diesem Ding, das in der Erde überwintert – scheinbar tot. Jeden Frühling neu geboren werdend. Vielleicht kann ja die Zwiebel uns ein wenig mehr Geduld lehren, doch nicht dazu ist sie da.

Nicht sind die Dinge, die Pflanzen, die Steine, die Tiere, die Menschen dazu, das Dasein aller anderer Wesen und Dinge zu erklären – und dennoch ist da diese Verbindung in allem.

Und Erde, Luft, Wasser und Feuer, die alles erst ermöglichen. Vielleicht ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen des Lebens ja in der Vielfalt verborgen und in all den Möglichkeiten, in dieser Vielfalt miteinander zu sein – statt gegeneinander.

Mit- und nebeneinander. Inspiration.

Biene und Blüte lehren sie uns. Zeigen uns, wie teilen geht. Wie Hingabe ans Leben geht. Und wie Loslassen.

Tulpenalter
Tulpenalter

Während andere ihre verblühenden Blumen längst weggeworfen haben, lasse ich sie sehr oft sehr lange auf dem Tisch stehen. Nennt mich faul, nennt mich meinetwegen sogar nekrophil, aber ich mag es einfach. Ich mag das Welken. Und wie würdevoll Blumen Abschied nehmen. Wie sich ihre Schönheit offenbaren, indem sie sich ein letztes Mal ganz öffnen. Alles gebend. Alles loslassend.

Und dann träume ich immer mal wieder von einer neuen Alterskultur. Von einer Gesellschaft in der das Lebensalter keine Rolle mehr spielt. Ich träume von einer Gesellschaft in der Altersweisheit eine Gabe ist und in der Augen- und Stirnfalten sowie weiße Haare willkommen sind. Weil wir wissen, dass wir einander brauchen. Und weil wir wissen, dass wir voneinander lernen können. Von alten Menschen zum Beispiel Verantworung füreinander zu tragen. Auf dass diese Qualität niemals aussterbe.

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20 Kommentare zu „Werden und vergehen“

    1. Danke für diese Ergänzung, ja. So funktionieren im Grunde alle OpenSource-Projekte, Genossenschaften, Non-Profit-Projekte … so könnte es gehen. Könnte. Wenn.

      Willkommen hier und schön, dass du hier mitliest und mitdenkst!

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  1. Die „neue“ Alterskultur? Gab es die nicht schoneinmal — vor dem zweiten und dem ersten Weltkrieg, als die Alten auf dem Hof, auf dem Altenteil blieben, bleiben durften, und ihre Weisheit und Güte weitergeben durften an die Enkel? Als der Tod aus den Familien noch nicht „outgesourced“ war in die Alten- und Pflegeheime, die Krankenhäuser und Hospize?

    Es ist und bleibt die Aufgabe jedes einzelnen Menschen, seinen rechten Platz für sein Leben zu finden (das kann auch die Landstraße sein), und es sollte vornehmste Pflicht des Staates (also der Gemeinschaft der Menschen) sein, ihn dabei nach Kräften zu unterstützen und zu fördern (BGE u.a.).

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  2. „Und dann träume ich immer mal wieder von einer neuen Alterskultur. Von einer Gesellschaft in der das Lebensalter keine Rolle mehr spielt.“
    Liebe SoSo, träum weiter … fällt mir dazu leider ein. Achtung vor dem Alter und angesammeltem Wissen findet man bei Naturvölkern oder in Ländern ohne staatliche Sozialsysteme, die auf Familienzusammenhalt angewiesen sind und in denen es vielleicht auch keinen grenzenlosen Zugang zu Wissen gibt. Zum Glück haben wir hier aber ein System, in dem alte Menschen trotzdem einen Platz haben, obwohl unser Familiensinn nicht mehr die oberste Rolle spielt und Wissen auch aus anderen Quellen zugänglich ist.

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    1. Ich träume gerne weiter und hoffe, dass ich niemals zu hoffen aufhören werde. Ich meine hier nicht unbedingt die rein familiären AhnInnen, sondern der Respekt jedem Menschen und jeder Altersgruppe gegenüber. Die alten Weisen eben nicht ausgeschloßen, wie es leider oft der Fall ist in unserer Gesellschaft.

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    2. Ich verstehe, wovon du träumst, auch ich habe Respekt vor allen – auch alten – Menschen. Das zeige ich auch, Im Moment hab ich ja häufig Gelegenheit dazu. Ja, alte Menschen sind meist ausgeschlossen, sie leben allein, in Senioren- oder Pflegeheimen abgetrennt von ihren Familien, viele bekommen nur selten Besuch. So ist es nun mal. Es sind auch nicht alle weise, in unserer schnelllebigen Zeit vielleicht weniger denn je. Ich persönlich habe auch nicht vor allen Ehrfurcht. Es gibt solche und solche, wie in jedem Lebensalter.

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    3. Liebe Anhora, ich meine ja auch nicht, dass alle alten Menschen weise sind. Sind ja auch nicht alles Kinder clever, kreativ und schlau. Was ich mir aber erträume, ist das Klima, die innere und äußere Haltung in der Gesellschaft, dass wir diese Möglichkeiten sehen: die der Altersweisheit zum Beispiel. Dass wir sie sehen und nicht die Gleichung alt gleich nutzlos machen. Die Schnelllebigkeit fördert genau diese Gleichung, diese ungesunde Haltung. Und dieser will ich entgegenträumen und -handeln. Inklusion eben nicht nur bei Menschen mit originellem Verhalten oder Behinderungen, sondern auch bei älter werdenden Menschen. Mehr Menschlichkeit. Mehr Respekt voreinander, vor dem Wert jeden Alters. Das ist es, was ich meine. Und eben: Toleranz statt Ausgrenzung.
      Ehrfurcht ist vielleicht nicht das wirklich passendste Wort in diesem Zusammenhang, eben eher Respekt – auch vor einem dementen Menschen. Aber ich glaube, wir meinen da im Grunde schon was ähnliches.
      Danke sehr für deine Impulse!

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  3. Ich habe eigentlich nie recht verstanden, warum Schnittblumen so attraktiv sind. Heute scheint es mir, als seien sie ein Spiegel unseres eigenen Welkens. Wenn ich sie liebe, wird man auch mich lieben, vielleicht meinen Blick in die Tiefe der Existenz teilen und später mein Röcheln als Inspiration nehmen für ein fröhliches Lied?

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    1. Mir sind Blumen draußen auch lieber, aber wenn ich mal welche bekomme, freu ich mich schon. Vielleicht wegen dieses Prozesses, den ich hier beschrieben habe. Um ein fröhliches Lied röcheln zu üben vielleicht?
      Danke für deine Zeilen und Willkommen hier!

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  4. Ich möchte nur mal kurz etwas zu der Diskussion hier anmerken, denn die Zahlen sprechen eine andere Sprache, es lebt tatsächlich nur ein sehr geringer Prozentsatz von alten Menschen in Pflegeheimen, die überwiegende Mehrheit lebt weiterhin in ihren eigenen Wohnungen, oder wird von Familienmitgliedern gepflegt. Die Solidarität innerhalb der Familien ist viel höher als das wahrgenommen wird. Was ja auch seltsam ist, da kann man sich auch fragen, woran das liegt.

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    1. Ja, das wusste ich nun wirklich nicht. Danke, dass du das anmerkst. Die Freiwilligenarbeit – insbesondere in der Betreuung – wird tatsächlich nur dort wahrgenommen, wo sie sichtbar gemacht wird, in Blogs zuweilen, manchmal in Interviews … Betreuungsarbeit sowieso – ob nun bei Kindern, Behinderten, Betagten oder im Krankenhaus – wird unterschätzt. Und unterbezahlt sowieso.
      Das ist ein weiteres Thema, worüber ich oft nachdenke. Es gehört in die gleiche Themenfamilie.
      Ich bin froh, dass du das hier beiträgst und ergänzest. Danke dir!

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  5. Ich muss jetzt was anderes sagen, ich sehe die tollen Blütenbilder und sehe nur… Phallus! Schrecklich, dabei bin ich nicht besonders verdorben… Aber wieder interessant zu sehen, dass dieses bestimmte Konzept in der Natur immer wieder zu finden ist. 😉
    Und ob Frauenarbeit wie betreuen, pflegen, putzen etc. dann mal noch besser bezahlt wird… Hoffentlich. Immerhin scheint ein Umdenken in Ansätzen erkennbar… Herzlichst, LaRa

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    1. Ja, der Phallus, klar, er gehört dazu. Das ist Natur und hat doch nichts mit Verdorbenheit zu tun. Ohne Stempel keine Frucht und keine Blüte – oder so irgendwie. Lernt man doch schon die Kinder … 🙂
      Klassische Frauenarbeit … hm, das Wort fühlt sich seltsam an. Leider ist es ja oft so, dass sie an Frauen hängenbleibt, weil wir Frauen gewohnt sind, Mitverantwortung für die Mitwelt zu tragen. Leider gehört dazu oft die Geringschätzung der eigenen Arbeit. Und dass sich das hoffentlich ändert, kann ich nicht genug betonen.
      Ich danke dir für deinen Impuls!
      Herzlichst, Soso

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