Im Marathon geschrieben

Endlich mal wieder so ein richtig toller Schreibtag war das. Ich sag nur: Meine Schreibgruppe! Auch wenn ich nicht mehr regelmäßig dabei sein kann, ist gemeinsame Textarbeit mindestens so inspirierend, wie das Schreiben allein im stillen Kämmerchen.

Dieses Jahr hatten wir unsere alte Tradition wieder aufgenommen und den Pfingstmontag zum Schreibtag erkoren. Und geschrieben, was die Tasten hergaben.

Marathonschreiben … I love it!
Einfach schreiben, ohne Zensur, ohne Kritik. Vorher wird die Schreibdauer definiert, und ob man sich von Themen oder Bildern inspirieren lassen soll. Achtung, fertig, los … und dann wird geschrieben … ohne abzusetzen! Nachher lesen alle vor. Zur Inspiration … und so weiter und so fort.

Dazwischen Pausen, essen, trinken (, rauchen) und erzählen …

Eine Textkostprobe? Gerne. Hier …

2. Schreibphase [Schreibzeit: 15 Minuten, mit sechs zu verwendenden Wörtern, (die fettgedruckten Wörter)]

Am Falafel-Stand blieb sie stehen. Sie war außer sich. Sie war außer Atem. Sie konnte nicht mehr. Warum hatte er sie nicht gewarnt?

Die Kapuze, die sie sich über den Kopf gezogen hatte, schob sie zur Seite, um besser sehen zu können. Offenbar hatte sie Pete abgehängt. Und nun stand sie da. Ohne Plan. Wohin sollte sie?

Zu den Eltern zurück war eine Option, die keine mehr war. In ihrem Rucksack war nur das Allernötigste. Ein bisschen Geld. Ihr Handy. Ein paar Kleider. Sie würde sich jetzt erst einmal ein paar frittierte Kichererbsenbällchen gönnen, um wieder zu Kräften zu können. Hier, am Bahnhof, mitten in den vielen Menschen, fühlte sie sich sicher.

Sie zahlte den Falafel und setzte sich auf die Treppe der Heiliggeistkirche. Aber das war keine gute Idee. Kaum hatte sie sich gesetzt, wollte ein Mann, der ziemlich lange zottige Haare hatte, mit ihr Geschäfte machen. Roten Libanesen hätte er. Saubere Ware. Sie stand auf und ließ ihn stehen. Schlenderte über den Platz zum Loebegge. Knabberte an ihrer Brottasche. Versuchte, möglichst so auszusehen, wie alle hier. Wie eine Wartende. Was sie ja auch war. Immer wieder blickte sie auf ihr Handy. Die Ortungsfunktion hatte sie ausgeschaltet, Ob man sie trotzdem finden konnte? Konnten die das überhaupt? Aber wenn sie das Handy ausschaltete, würde sie Toms Anruf verpassen. Er war der einzige, dem sie noch vertraute.

An ihn zu denken, ließ ihr Herz vibrieren. Wie war das gewesen? Hatte nicht er ihr gesagt, dass sie Amir und Pete trauen könne? Und hatte nicht er ihr gesagt, dass sie in der Schweiz sicher wäre?

Konnte sie Tom wirklich trauen? Natürlich war sie illegal hier, spätestens, seit sie ihr die Papiere abgenommen hatten, aber das war doch kein Grund für …

Sie schlenderte so schnell, wie man es noch schlendern nennen konnte Richtung Altstadt. Auf dem Kirchturm jene Uhr, die immer nur die Stunden anzeigte. Doofe Kirchen hatte es hier, in diesem kalten Land.

In den Lauben fühlte sie sich einigermaßen unsichtbar. So unsichtbar, wie man sich mit eben mit der falschen Hautfarbe im falschen Land fühlen kann. Taxis hielten. Türen knallten. Besoffene verließen Bars. Setzten sich auf die Stufen und steckten sich Kippen an. Bis sie ganz unten in der Altstadt angelangt war, hatten sie fünf Typen angemacht, zweimal wollten man ihr Kiffe verkaufen, einer wollte ihr Geld geben, wenn sie ihm …

Was war das für ein Land? Sie ging und ging und ging weiter und wusste doch nicht wohin. Beim Bärenpark angelangt stellte sie fest, dass sie hier fast allein war. Sie bog ab und beschloss, irgendwohin zu gehen, wo es viele Menschen hatte. Die Altstadt war, wie immer an Samstagabenden, sehr belebt. Da, vor dieser Bar dort drüben, hatte sie Tom das erste Mal gesehen. Kreißsaal hieß sie. Was, wie ihr Tom erzählt hatte, mit Babys zu tun habe. Das hatte sie nicht verstanden. Nicht, was Babys und Bars gemeinsam hatten. Aber egal, sie würde dieses Land nicht verstehen. Nie.

Sie sehnte sich nach ihrer Heimat. Nach den Düften im Garten ihrer Eltern. Sie sehnte sich nach ihren Freundinnen. Sie sehnte sich nach einem Ort, an dem sie heute Abend sicher würde schlafen können. Sie schuldete dem Schlepper viel Geld. Er würde ihren Eltern etwas antun, wenn … Sie musste zurück. Aber sie konnte nicht.

Eine Fledermaus flatterte vorbei, da, noch eine. Das musste ein Zeichen sein. Als Kinder hatten sie immer aus dem Flug der Vögel und dem Gang von Tieren Botschaften gelesen, hatten einander erzählt, was es bedeute, wenn der Kranich so, wenn der Hund so und wenn die Ratten so gingen, so klangen, so pfiffen. Sie hatte die Welt verstanden. Alles war einfach gewesen.

Und hier, hier war alles so schlimm. Hier war alles kalt. Hier wollten alle, dass sie tat, was sie von ihr wollten. Am Anfang hatte sie mitgemacht. Doch nach diesem Freier, der ihr mit einer Flasche … nein, sie wollte nie mehr daran denken. Sie war davongelaufen. Einfach davon. Eigentlich war es gar nicht so schwer gewesen. Aber nun, nun wusste sie nicht wohin.

Es war kalt. Der Springbrunnen auf dem Bundesplatz verströmte eine seltsame Stimmung. Das Licht war falsch. Das Licht tat, als meine es sie. Aber dieses Licht hier, dieses Geld hier, diese Menschen hier, die meinten nicht sie. Die meinten ihren Körper. Diese Menschen hier kannten den Duft im Garten ihrer Eltern nicht und nicht das Lachen ihrer kleinen Schwester und auch nicht die Liebe und Zärtlichkeit ihrer Großmutter.

Advertisements

2 Kommentare zu „Im Marathon geschrieben“

Kommentare sind geschlossen.