Ausnahmezustand. Ausklaar?

Alle paar Jahre gibt es ihn, diesen Zustand. Diese Phase. Immer, wenn Patent Ochsner eine neue Platte releasen. Ausnahmezustand.

Schon gegen Ende meiner ersten Ehe, so Mitte-Ende Neunziger, habe ich diese Rockband, die Berndeutsch zelebriert wie keine zweite, für mich entdeckt. Damals hatten sie ihre ersten zwei oder drei Platten veröffentlicht und waren noch Insider-Tipps. Doch schon damals sah ich: Das hat etwas mit mir zu tun. Und schon damals erkannte ich mich in der Sprache, in den Melodien, in der Melancholie, im Überschwang und auch in der Opulenz dieser Band wieder. Keine andere Band hat es je geschafft, dieses Heimat-in-mir-Gefühl zu reanimieren, eine Reflexion, die ich bis dahin bei Musik weder gekannt noch bewusst vermisst hatte.

Doch als ich sie fand, wusste ich: Diese Musik ist mir ab jetzt Hafen. Einer, den ich vermisst hatte, ohne es zu wissen. Genau wie es in einem ihrer Lieder heißt.

Patent Ochsner also. Ja, ich habe alle Tonträger und ich habe auch jene Songs auf meiner Festplatte, die nur eine Zeitlang, kostenlos, im Netz gehangen haben. Dennoch bin ich keine Stalkerin und auch keine Groupie. Es sind nicht die Menschen als einzelne, sondern das Ganze, das, was diese Band zusammen mit mir teilt. Als ich jung war, gab es dieses eine Wort, Fan, das ich noch heute mag. Ein Wort, das heute wieder leer ist, weil heute wieder alles drin Platz hat.

Gestern ist die neue Platte, Finitolavoro, erschienen. Irgendlink hat sie mir zum Geburtstag bestellt – ein zu frühes Geschenk zwar – und das muss so, weil es gestern höchste Zeit für dieses Ohrenfutter war. Zwischen Bürokram, Steuererklärung und Einkauf habe ich sie gestern erst zweimal gehört.

Ja, es ist Liebe, Liebe auf den ersten Ohrenblick sozusagen. Eine Liebe, die noch wachsen wird … Patent Ochsner-Songs haben meistens einen doppelten Boden, ein Geheimnis, das sie mir erst nach und nach enthüllen, eine Geschichte hinter der Geschichte. Einen tieferen Sinn. Ob der so oder anders angedacht war, ist mir dabei egal. Ich erkenne diese Geschichten und ihren Bezug zu meinem Leben ganz unabhängig von der Absicht. Aber vielleicht ist ja genau das die Absicht?

So möchte ich auch schreiben können. So möchte ich vermutlich gelesen werden. Von Menschen, die den Vorhang zur Seite schieben können und dahinter blicken. Vermutlich schreibe ich für diese Menschen. Und vermutlich schreibe ich also in erster Linie doch nur für mich, die ich so ein Mensch bin, und die so etwas wie das hier lesen würde.

Ausnahmezustand ist bei mir also, wenn ich ein- bis zweimal im Jahr vielleicht, an ein Konzert gehe. Früher war es anders. Früher war es mehr. Heute ist es so. Aber Musik ist für mich noch immer lebensnotwendig. Klassische ab und zu, aber eigentlich ist meine Musik der Rock, Reggae auch, Punk hin und wieder, Indie, Singer-Songwriter …

Nun ja, eigentlich ist es egal was, Hauptsache ich mag die Stimmen, den Instrumentemix, die Melodien und Rhythmen. Hauptsache ich werde berührt – von Texten, von Inhalten, vom Ausdruck. Nicht anders eigentlich als bei Büchern, als bei Filmen. Der Ausdruck muss mich meinen. Es muss eine Resonanz in mir entstehen, eine Interaktion, ein Echo. Ich muss mich beim Hören in der Musik auflösen können.

Tanzen ist auch so etwas. Das freie Tanzen und dabei eins werden mit mir selbst und mit den Tönen, die mich in mich und aus mir raus bringen – weil ich es zulassen kann, weil ich mich loslassen kann.

AUSKLAAR?

Und heute, heute ist nun Konzert. Nicht irgendeins. Patent Ochsner eben. Eins, auf das ich mich seit vielen Wochen gefreut habe.

Quasi der Prolog der Tournee, den die Band unter einem Inkongnito-Bandnamen zeigt. Vielleicht wird es noch ein bisschen harzen, vielleicht wird es noch ein wenig holpern? Macht nichts. Wir sind ja unter uns. Auch das mag ich an dieser Band. Es ist ein bisschen wie Familie, wenn ich an einem Konzert bin – auch wenn alle Plätze meistens schon lange im Voraus ausverkauft sind.

Heute treffe ich Freundin T (2)., eine liebe Ex-Arbeitskollegin aus Bern, die meine Tochter sein könnte. Wir mögen uns sehr und wir lieben beide ähnliche Musik. Patent Ochsner unter anderem. Obwohl sie eine Generation jünger ist. Bei Patent Ochsner ist eben alles ein bisschen anders. Ausnahmezustand, wie gesagt.

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14 Kommentare zu „Ausnahmezustand. Ausklaar?“

    1. Man muss es fühlen – und dazu ist vielleicht Verstehen wichtig? Und es kommt auf Lieder und persönliche Stimmung an bei so einer „ersten Begegnung“! Danke, dass du es probiert hast, für dein Interesse und deine Ehrlichkeit. Geschmack ist schließlich Geschmackssache – und Musik auch. 😉

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    1. Habs gelesen (vor dir) … auf Youtube gibts aber noch andere Songs von ihnen – hiffentlich auch in Dtld laufende.
      Nächste Woche haben sie Tourneestart in Freiburg i. B. – Ganz untüpisch. 😉

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  1. Uns gefällt Patent Ochsner auch sehr gut; der gefühlvolle, eingängige Sound kombiniert mit tollen Texten.
    Sie verstehen die Kunst mit einfacher Sprache die ganze Welt einzufangen. Das hat bereits Mani Matter in Perfektion beherrscht.
    Die Kunst des Schreibens liegt im Weglassen und Nichtschreiben. Das lässt dem Leser den Raum, in den er sich einbringen kann.
    Klingt simpel, ist es aber nicht.

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    1. Und dazu dieser feine Humor, der auch an den Konzerten rüberkommt. Es ist so viel Raum für Phantasie, genau, und dazu einfach auch viel Empathie, Herzwärme, die Büne rüberbringt. Das mag ich auch immer sehr … 🙂

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  2. Pingback: fluss | glasgarage

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