Mein Leben in der Blase

Ich switche von Ausnahmezustand zu Ausnahmezustand. War ich vor paar Wochen im Neue Patent Ochsner-CD-Rausch, ist es nun eine Art Reiserausch. Nein, falsch. Anders. Rausch ist das falsche Wort. Blase? Ja, das trifft es wohl besser. Ich halte mich derzeit in Räumen auf, die sich wie Blasen anfühlen. Paralleluniversen. Dazu das ganz normale Alltagsleben mit Büro, Sitzungen, Präsentationen, Problemlösungen, Elternkontakte, Gespräche und Mails allüberall.

Ich reagiere. Ich kommuniziere. Ich denke. Ich sehe hin. Ich rede. Ich höre zu. Ich verstehe. Ich agiere.

Overflow. Ja. Schon. Aber.

Denn meistens fühle ich mich dabei gut, richtig gut sogar. Nun ja, meistens. Gestern jedoch war auf einmal alles zu viel. Schlecht geschlafen wegen zu langer Zu-tun-Listen im Kopf war ich nach einer Sitzung mit den Lehrpersonen, endlich allein in meinem Büro, froh darüber, meine Ruhe zu haben. Beinahe war mir schlecht, aber da war noch so viel zu tun. Dazu noch ein oder zwei letzte ‚Könntest du bitte noch, bevor du ins Wochenende gehst …?‘-Bitten meines Chefs. Schließlich, gestern um halb zwei, endlich Feierabend. Wochenende.

Wieder Freiraum, mein Leben zu leben. Ähm. Wie genau sieht das denn zurzeit aus?
Zuerst waren da einfach mal Kopfweh, Nickerchen und Ruhe.

Overflow, wie gesagt … Und doch – ich lebe gerne. Trotz allem.

  • Als Homebase meines geliebten Artist in Motion betreue ich von zuhause aus auch diesmal wieder, und auch diesmal – trotz weniger Zeit als vor drei Jahren – wieder sehr gerne, Irgendlinks Blog, während dieser langsam aber stetig – in Eile mit Weile sozusagen – Richtung Nordkap kurbelt (mitlesen kann man hier – Blog – und hier – Twitter).
  • Als Selbständige sollte ich endlich mal wieder ein paar Aufträge akquirieren (für deren Erledigung ich zwar aktuell kaum Zeit noch Muße habe).
  • Als Schriftstellerin will ich mein Buchprojekt endlich weiterbringen, es bis Ende Jahr abschließen (und danach verlegen lassen).
  • Als Künstlerin habe ich wie immer zig Ideen, für die mir an allen Enden und Ecken die Zeit fehlt.
  • Als Bloggerin, die einfach nur ein bisschen drauflosschreiben möchte und als Twitterin ebenso. Dort ein bisschen verspielter noch als hier.
  • Als Freundin, als Mitmensch, als Schwester und Tante, habe ich so viele liebe Menschen in Herznähe, mit denen ich Zeit, ganz viel Zeit verbringen möchte – in echt und virtuell.
  • Als die, die ich bin, eben auch bin, außerhalb all dieser Irgendwie-Rollen, sehne ich mich oft einfach nach Alleinsein, nach Ruhe, nach Buchlesen, nach Seelebaumelnlassen, nach Ferien, nach Zeit.

Zeit? Eigentlich bin ich ja auch darum ganz schön froh, dass es Bücher, Blogs und Briefe gibt, denn für alles, was ich je leben wollen würde, fehlt mir die Zeit nämlich. Außerdem tun es ja andere. Ich nenne dieses Phänomen das Stellvertreter-Ding. Ich kann andere jene Dinge tun lassen, die ich nicht tun kann.

Beispiele gefällig?

  • Irgendlink radelt ans Nordkap. Etwas, das ich so nicht könnte. Er geht an meiner Stelle dahin und ich darf teilhaben, lesend und schauend. Er ist mein Stellvertreter.
  • Freundinnen mit Kindern teilen mit mir ihren Mutteralltag. Etwas, das ich so nicht erleben kann und konnte, darf ich über sie miterleben. Ich freue mich (ja, heute kann ich das) über diesen Austausch. Sie sind sozusagen Stellvertreterinnen.
  • Mir fallen so viele Menschen ein, die etwas leben, dass ich so nicht kann: MusikerInnen, politisch engagierte Menschen, Ärzte in Krise- und Notgebieten etc.

Tun? Lassen. Loslassen. Sein lassen. Die Dinge entschleunigen. Das Tempo drosseln. Ja, das übe ich.

Vermutlich ist das einer der Gründe, warum so viele Menschen sich zurzeit mit uns über Irgendlinks Reise mitfreuen. Ist es die Langsamkeit sogar? Die Art und Weise, wie er sich auf Begegnungen einlässt und das Leben auf sich zukommen lässt? Diese temporäre Freiheit, die er an unserer Stelle praktiziert?

Doch auch wir haben ja die Wahl. Wir können – statt uns täglich von schlimmen Nachrichten aus Tageschau und Zeitungen überfluten lassen – uns auf seine täglichen Inputs mitten aus dem Radleralltagsleben heraus berühren lassen. Good News statt Bad News sozusagen. Ohne dass man dazu den Rest des Weltgeschehens ausblenden müsste.

Botschafter der lobbyfreien Kunst nannte ich ihn heute Morgen am Telefon, auf den Text von Fulbert Steffensky anspielend, der oben auf seiner Fundraising-Seite steht.

Advertisements

12 Kommentare zu „Mein Leben in der Blase“

    1. Die ist wieder zurück im Laden. Ich konnte kein deutsches Layout, geschweige denn das auf der Tastatur vorhandene einstellen. Damit ließ sich nicht schreiben.

      Die nächste wird mit dem nächsten Telefon gekauft.

      Gefällt 1 Person

    2. Ich habe die dem Smartphone eigene Tastatur gemeint, die eingebaute. Das waren doch solche Tippfehler, oderrr?
      Ich habe eine App beim Androidtablet geladen, die Tastatur synchronisieren kann, also deutsches Layout. Weil ich am Anfang keine Umlaute hatte (obwohl sie auf der Tastatur drauf sind).

      Ich habe eine HP. Es liegt wohl weniger an der Tastatur, vermute ich, als an den Einstellungen. Aber ich bin da auch nicht ganz sicher.

      (Gleich kommt Mail mit Archivzöix) 🙂

      Gefällt mir

    3. Ein Leben wie viele – ja, und doch immer wieder ist jedes Leben anders. Ob ich für ein solch schnelles Leben (langfristig) gemacht bin, bezweifle ich. Ich arbeite dran, die Stressfaktoren zu minimieren. Ein bisschen schraube ich dazu an den (oft unerreichbar hohen) Ansprüchen an mich selbst. Dieser vermaledeite Perfektionismus! Ich erlaube mir Fehler und so langsam zu sein, wie ich eben manchmal bin. Das heißt: Ich übe es.

      Darum bin ich ja froh, dass mich andere Menschen immer wieder zu anderen Wegen inspirieren.

      Gefällt mir

  1. Freiheit ist tun und vor allem auch LASSEN können, was man will. Sich nicht auffressen lassen, ist die Kunst, die es zu lernen gilt.
    In der Ruhe liegt die Kraft.
    Plattitüden? … Möglich, aber mit einem wahren Kern!
    Beat

    Gefällt 1 Person

    1. Das mit der Kraft und der Ruhe mag eine Plattitüde sein, mir egal, eine die wirklich aus meiner Erfahrung kommt.
      Ich glaube, diesbezüglich ist das Radreisetempo genau das Richtige für Irgendlink. Wandern auch, aber Radfahren passt besser zum Nordkap. 🙂

      Danke dir, euch.

      Gefällt 1 Person

  2. Das mit dem Stellvertreterleben kenne ich zu gut, und ich finde es super, dazu stehen zu können. Ich lebe auch stellvertretend durch die Filme und Serien, die ich schaue, die ganzen Heldenmythen und Geschichten, die ich lese. Ich wünschte auch, ich könnte viel mehr sein, als ich bin. Aber mir fehlt die Zeit. Ich hatte in der Kindheit/Jugend kritische Phasen, in denen ich von allen Seiten gehört habe, ich solle etwas aus diesem Talent machen „Du solltest schreiben“, sagte meine Deutschlehrerin. „Du solltest Malen“, sagte meine Kunstlehrerin, „Du solltst unbedingt Klavierunterricht nehmen“, sagten Papa und meine Musiklehrer. „Du hast das Zeug zum Fußballprofi“, „Du solltest Wissenschaftlerin werden“, hörte ich von meinem Bio-LK-Lehrer „Du hast ein Gefühl dafür.“ Ich selbst dachte „Ich sollte Menschen helfen, das tut mir gut.“ … Das waren einige Dinge, ich wollte alles, hab‘ am Ende aber nichts richtig geschafft. Also habe ich eine Ausbildung und 2 Studiengänge abgeschlossen; hab aber erst im Psychologiestudium etwas gefunden, in dem zumindest viele meiner Wünsche ansatzweise erfüllt bekam, aber immer noch nicht alle, noch längst nicht. Deshalb denke ich immer wieder an ein mögliches Medizinstudium, aber dazu fehlt mir jetzt echt die Energie. Den künstlerischen Bereich (also Schreiben, Musizieren, Malen) habe ich entweder komplett vernachlässigt oder irgendwann in die Hobbyecke geschoben. Ich hätte wohl wirklich mit jedem einzelnen ein ganzes Leben aufbauen können, und manchmal zieht in mir das Gefühl von Verlust. Ich wollte früher einmal ein Buch schreiben, das Bedürfnis ist komplett verflogen. Mich hat die Wissenschaft jetzt; aber ich weiß, es wird der Tag kommen, an dem ich denke „Hätte ich es nicht umgekehrt machen sollen? Mich irgendeiner Kunstform widmen und die Wissenschaft als Hobby betrieben?“ Aber die Antwort wird mir klar, wenn ich an mein starkes Bedürfnis denke, direkt einzuwirken und zu „heilen/helfen“. Das hätte ich mit der Kunst auf einer weitaus abstrakteren Ebene tun können, aber gerade hier brauche ich das Greifbare.

    Ach, hab‘ ich jetzt viel geschrieben. Ich verstehe das so gut, wollte ich sagen. Ich lasse auch stellvertretend leben. Meistens fühlt sich das gut an. Ich frage mich nur manchmal, wie das in 30 oder 40 Jahren sein wird (sollte ich da noch leben).

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Sherry, ja, genau. Dieses Hätte-ich-damals-doch-anders. Bei mir ist das – Altersweisheitseidank – nun allmählich fast ganz verflogen. Ohne Resignation schreibe ich das. Ich weiss jetzt, wo ich an meinem biografischen Buch arbeite, dass es das ist, was mir hilft. Und wie du will ich heilen und helfen – bei mir ist das Medium das Schreiben. Drum auch die Workshops, die wir anbieten. Für Gewalttraumatisierte.
      Letztendlich ist es, so denke ich jetzt und heute, entscheidend, in welcher Haltung wir leben.
      Oder vielleicht besser so formuliert: Es ist entscheidend, in welcher Haltung wir die Dinge tun, die uns unter den Nägeln brennen. Für uns jedenfalls.
      Heilen und helfen – das unterschreibe ich sehr.
      Ich danke dir herzlich für deinen ausführlichen Kommentar!

      Gefällt mir

    2. Ich hab‘ mal eine Nebenbeifrage, liebe Soso: Bei deinen Schreibworkshops für Gewalttraumatisierte, gibt’s da auch Psychologen, die unterstützend und für den Notfall dabei sind? Das kann nämlich ganz schön ins Auge gehen. Schreiben kann ziemlich Triggern (bzw. das Geschriebene); vorallem in einer Atmosphäre, in der man empfänglicher für seine inneren Bilder ist als sonst im Alltag.

      Ich wünsche euch ein schönes Wochenende! ❤

      Gefällt 1 Person

    3. Die zweite Frau an Bord ist Profi. Diese Frage haben wir uns natürlich auch gestellt. Und natürlich sollte jede Person, die teilnimmt, eine begleitende Therapie machen und im Hintergrund Ansprechpersonen haben.

      Die Gruppengröße (max 6 P.) soll ebenfalls helfen, dass es nicht eskaliert.

      Danke fürs Mitdenken und auch dir ein gutes Wochenende! ❤

      Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.