Weiterleben irgendwie

Ich habe ständig Kopfweh und bin erschöpft. Bin zerstreut und vergesslich. Ferienreif. Und ich fühle mich immer ein bisschen neben der Spur. Gut, das mag wohl alles auch damit zusammen hängen, dass der Liebste ans Nordkap radelt und alles so spannend ist, aber ich glaube, da steckt mehr dahiner.

Ich ahne, dass da noch ein weiterer Abschied dahinter steckt.

Tage, nachdem ich die letzten Sätze meines Manuskripts (Teil eins, autobiografische Essays) geschrieben habe, stelle ich fest, dass mir etwas Essentielles fehlt. Der tägliche Schreibflow.

Vielleicht wird darum das hier mein neues letztes Buchkapitel?

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Und wenn sie nicht gestorben ist, schreibt sie heute noch? Heute, ein paar Tage nach der Vollendung des letzten Kapitels, begreife ich, wie schwer mir der Abschied fällt. Von diesem intensiven Schreibprozess ebenso wie von alldem, was er bei mir ausgelöst hat. Das Schreiben an sich, vor allem aber dieser liebevolle regelmäßige und sehr dichte Hinblick, die Konzentration auf meine Erfahrungen und mit ihr dieses Innehalten. All das beeinflusste meinen Alltag, meine Befindlichkeit, sogar meine Kommunikation. Es floss in meine Mails hinein. Und jetzt – wie soll ich sagen? – jetzt fehlt es mir. Ähnlich wohl, wie mir Irgendlink fehlt, der heute Halle an der Saale erreichen und dort den lieben Emil besuchen wird.

Das biografische Schreiben ist mir eine liebevolle Freundin geworden. Eine, die mir täglich den Spiegel hingehalten hat.

Jetzt, in dieser postscriptalen Phase, werde ich vermutlich wieder mehr zur Tagebuch- und Mailschreiberin. Und zur Bloggerin. Was ich alles vorher schon war, aber in den letzten schreibintensiven Monaten vernachlässigt habe.

Und jetzt … jetzt, stelle ich fest, dass mein vielgerühmter Synchronisationsprozess, über den ich ja immer wieder geschrieben habe, bei mir definitiv ans Schreiben, ans biografische Schreiben gekoppelt ist. Ich verstehe endlich, wie sehr ich mich schreibend synchronisiere, wie sehr mich Schreiben erdet und zentriert. Schreiben ist mir Atmen, ist mir Denken, ist mir Ruhen geworden. Je länger je mehr.

Da ist nun diese unangenehme Leere, die an Abschied erinnert. Die sich wie jenes Fremdsein in der alten, nun leeren Wohnung nach einem Umzug anfühlt, ein klein bisschen sogar wie das Ende einer Freundschaft.

Anders gesagt: Ich bin auf Entzug.
Und noch anders gesagt: Ohne Schreiben kann ich nicht leben.

Wie ich nun mit dieser Leere umgehen werde, mit dieser ganz konkreten? Ich weiß es noch nicht. Zumal das Buch ja noch nicht fertig ist. Es folgt ja noch Teil zwei. Das erste der drei bis vier geplanten Gespräche mit anderen Gewaltbetroffenen ist aufgezeichnet; ein Tondokument, das ich aufschreiben werde – und als Gespräch ins Buch integrieren. Das zweite Gespräch ist bereits geplant. Ich wünsche mir drei bis vier Gespräche als Ergänzung zu meiner Geschichte, damit „Weiterleben“ noch mehr zu dem Mutmach-Buch werden kann, das ich mir vorstelle. Und damit Menschen, die es lesen – ob sie nun ähnliche Dramen wie ich erlebt haben oder andere – ahnen, dass es manchmal zwar lange dauern kann, bis ein Leben vom „Status: Überleben“ zum „Status: Weiterleben“ wechselt. Aber, und das ist wichtig, dass es möglich ist. Bei mir, bei andern. Und bestimmt auch bei meinen zukünftigen Buchleserinnen und -lesern.

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14 Kommentare zu „Weiterleben irgendwie“

    1. Ähm, was meinst du mit: hoffentlich nicht?
      Das ist nur das letzte Kapitel im Buch, das ich schreibe, nicht in diesem Blog hier. Falls du das gemeint haben solltest.
      🙂
      Die guten Wünsche nehme ich gerne an. Ich hoffe, mein Kopf wird wieder ein wenig ruhiger und das Viele, was ist, kann sich setzen.
      Herzliche Grüsse und ein liebes Willkommen zu dir
      SoSo

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    1. Eher das Gegenteil – bei mir. Aber das ist bestimmt davon abhängig, wo man steht. Der richtige Zeitpunkt bei mir war gekommen. Wie lernt man wohl, solches zu wissen/spüren?
      Liebäugelst du auch mit diesem Prozess?

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  1. Aufschreiben kommt nicht mehr in Frage, habe ja „extra“ all meine Tagebücher entsorgt, aber so im Stillen eine Art Lebensbilanz ziehen, das ist derzeit in progress bei mir! Tut auch gut! Zum Glück kann ich mit meiner Schwester viel drüber reden, mit einer Freundin seit Kindheitstagen ebenso.
    Gruß zu Dir!

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    1. Sag niemals nie. Ich dachte zuerst auch, dass ich mich aus Tagebüchern bedienen werde, doch es kam anders: Ich schrieb nur, was ich wahrnahm und woran ich mich erinnerte. Was geschrieben und ausgesprochen werden wollte.
      Auch reden ist natürlich gut und wichtig, aber mein Werkzeug war definitiv hier das Schreiben.
      Liebgrüß zu dir ❤

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  2. Und immer wieder das Loch danach … ja, das kennen wohl viele, die lange an einem Projekt gesessen haben und es dann abschliessen- nun folgt noch die Überarbeitung, was für mich immer eine Herausforderung ist, lieber schreibe ich drauf los ;o)
    Du Liebe … es wächst und wird und wandelt sich immerfort, ich bin sehr gespannt auf dein Buch und wünsche dir weiterhin einen guten Flow, vielleicht sind gerade Bilder dran? So mache ich es immer, wenn die Worte in ein Loch gefallen sind-
    herzliche und sonnige Grüsse
    Ulli

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    1. Oh, die Wörter sind schon da, aber sie wollen nun ein anderes Gefäss. Oder sollten wohl wollen oder so. Irgendwie.

      Ja, ich freue mich sogar auch auf die Überarbeitung. Oder zuerst mal die Enttippfehlerung. Dann braucht der Text eine Pause und ich von ihm. Aus Abstand wird es anders.

      Danke für dein Mutmachen. Was wären wir, denke ich grad, ohne einander. Wir alle. Ich wäre nicht mehr da. *frohbindazusein*

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  3. Du Liebe, eben erst habe ich deinen Eintrag vom 3. November gelesen. Seit wir uns in den Appenzeller Hügeln das erste Mal begegnet sind, war mir bewusst, dass dir etwas schreckliches zugestossen sein muss. Du schriebst im November, du wollest kein Mit-leid, doch tut es mir im Herzen und in der Seele weh. Mein Mitgefühl im Schmerz wie im Weitergehen und glücklich sein ist dir sicher.

    Bitte fühle dich warm umärmelt.
    Herzlich grüsst dich
    Ainca

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    1. Merkt man mir das noch immer an? Hm.
      Danke für dein Mitgefühl. Luisa war übrigens damals auch eine meiner Unterstützerinnen. Per Mail.
      Herzliche Grüsse zu dir & lieben Dank!

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  4. Salü Sophia,
    Meine „Erlebnisse“ sind weniger tragisch als deine; sie sind mir aber wieder in den Sinn gekommen, als ich deinen Blog las. Dass Du deinen Sohn verloren hast, wusste ich schon länger; aber auf diese Art. . .. Erschreckend! Mein Sohn hatte mit 7 Jahren Krebs; wir mussten uns also damit auseinandersetzen, dass wir ihn verlieren könnten; er hat die Krankheit überwunden. Ich hatte mal eine Identitätskrise und dachte an Suizid. . .. Ein Kollege, den ich als letzter lebend gesehen hatte, hatte ich dann Tod gefunden, Suizid. . ..
    Tschüss.

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