Über das zLeidwerchen

Letzte Gedanken vor dem Einschlafen haben bei mir oft was Unzähmbares. Sie kommen und gehen, wann und wie sie wollen und fragen nicht, ob ich Zeit und ob ich Lust habe, ob ich mit ihnen am gleichen Tisch, im gleichen Bett liegen will.

Gestern, nachdem ich zuerst auf arte Die Eisläuferin und später auf ARD einen alten Borowski-Tatort geguckt hatte, stellten sich, als ich so in der Stille und Dunkelheit meines Schlafzimmers lag, Gedanken über das subtile zLeidwerche ein. Leider kenne ich, trotz guter Kenntnisse, kein deutsches Wort, das diesem schweizerdeutschen Ausdruck gerecht wird. Tipps willkommen. Wörtlich übersetzt heißt es zu Leide werken, zu Leide wirken, meint also dass wir beim zLeidwerche vorsätzlich Dinge tun, die einem anderen Menschen Leid zufügen. Sabotage en miniature sozusagen.

Wer von euch noch nie, muss nicht weiterlesen.
Alle andern dürfen. Willkommen in der Runde derer, die …

Neulich, es muss am letzten Sonntagnachmittag gewesen sein, habe ich auf dem Dachboden, der hierzulande Estrich heißt, für den internen Büro-Umzug ein paar Umzugkartons geholt. Drei sperrige Dinger. Unser Treppenhaus ist wendelrund und die Treppe relativ schmal. So stieß ich also immer mal wieder seitlich an Mauer oder Treppengeländer, was im Resonanzkörper des Treppenhauses ganz schön lärmte. Zu sagen ist, dass ich Lärm nicht mag. Und dass ich Lärm, wann immer möglich, vermeide. Zu hörenden ebenso wie selbstgemachten. Und nun machte ich also, noch immer unabsichtlich, Lärm.

Zu sagen ist auch, dass der Nachbar über mir, im ersten Stock, ein junges Männlein ist, das sehr oft sehr laut ist. Nicht mehr so oft wie früher und auch kaum mehr zu Unzeiten, nachdem wir das zum Glück im Gespräch klären konnten. Dennoch. Laut ist das Männlein, wie gesagt, immer noch oft. Heute aber, heute ist es still. Aber es ist da, wie das Auto vor dem Haus verrät. Vermutlich schläft es seinen Rausch aus, so es denn einen hatte?

Und ich? Ich lärme durch das Treppenhaus! Unabsichtlich noch. Statt nun aber aus Rücksicht, wie ich das immer von andern mir gegenüber unausgesprochen erwarte, leiser zu sein, lärme ich gleich noch ein bisschen lauter. Ich kann ja nichts dafür, dass das Treppenhaus so eng ist. Ich lärme an seiner Wohnung vorbei, schramme gar ein bisschen gegen seine Tür – ooops, sorry! – und als ich unten angelangt bin, wäre ich vor Scham im Boden am liebsten im Boden versunken. Scham vor mir selbst.

Gut, das mag harmlos klingen. Aber … nein, ich will nicht moralisieren. Doch, ich will moralisieren. Weil es so unkuhl ist. Und weil sich kaum jemand traut, es hin und wieder zu tun.

Nach den beiden Filmen gestern  – in denen der Zufall eine entscheidende Rolle gespielt und ungeahnte Kräfte in Bewegung gesetzt hatte –, grübelte ich im Bett liegend über Kollateralschäden, Zufälle und Zusammenhänge nach, darüber, wie eins nach dem anderen ruft. Und warum – warum das so ist.

Wir Menschen. Was steht hinter dem zLeidwerche? Ohnmacht vermutlich. Die Erkenntnis eigener Kleinheit und einer Art Mangel? Ich weiß es nicht wirklich – schon gar nicht für andere. Ich weiß nur, dass es immer eine Sackgasse ist.

Wie viele Momente meines bewussten und unbewussten Lebens verbringe ich mit überflüssigem Ärger auf Dinge und Menschen, die und denen ich am liebsten …

Gift.

Wie die Welt wohl aussehen würde, wenn wir unseren Impulsen des zLeidwerchens nicht nachgehen und stattdessen zLiebwerchen würden?

Anders handeln ist eine Frage des Bewusstseins. Der Selbsterkenntnis. Reflexion ja gerne – aber liebevoll.
Mir zLiebwerche? Das wäre doch schon mal ein guter Anfang.

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4 Kommentare zu „Über das zLeidwerchen“

    1. Hm, jein, kommt ihm nahe, ist aber für mein Verständnis noch zu milde. Aber vielleicht passt es auch?
      Liebgrüß vom
      Busbahnhof Örebro. Jürgen radelt und ich busfahre via Nora nach Uskavik.

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