Camping-Impressionen

Nachts eine Stille, die von nichts außer meinem Tinitus gestört wird. Ich bin kurz erwacht, weil ich mich gedreht habe. Im Schlafsack, vor allem wenn er offen ist, muss beim Drehen ja immer das ganze Paket mitgedreht werden, weshalb das fast nicht ohne kurz zu erwachen geht. Im Winzig-Zelt muss zudem auch darauf geachtet werden, dass ich dem Liebsten nicht meine Füße und Arme in die Rippen stoße. In der richtigen Position angekommen, alle Beine und alle Arme wohlplatziert und der Kopf ebenfalls, wird mir bewusst, dass da draußen nicht das geringste Geräusch ist. Keins. 

Kein Vogel. Kein Auto. Kein Blätterrauschen. Keine Insekten. Nichts. Und wie immer in skandinavischen Sommer ist es nie wirklich total dunkel. Ich sehe einen winzigen Käfer an der Zeltwand und überlege mir, ob er sich der Endlichkeit und Sinnlosigkeit dieser Wanderung bewusst ist. Ob wir uns der Endlichkeit und Sinnloigkeit unserer Wanderungen bweusst sind. Der Müßigkeit aller Anstrengungen. Und ich frage mich, was unser Käfer wohl seinen Verwandten erzählen wird später. Wie der Ohrwurm gestern, der im Innenzelt von Örebro hierher mitgewandert ist. Er wird vermutlich nie mehr in Örebro sein. Ob Ohrwürmer Verwandtschaften pflegen? Ob sie Heimweh kennen? 

Sandmännchen kommt wieder vorbei und ich döse weg. Später muss Irgendlink mal kurz raus. Zurück kommt er mit ein paar Tweets auf der Zunge und er weckt darum sein Handy auf. Es ist halb fünf. Ich schlafe weiter. Der Schlaf und ich haben noch was vor miteinander, murmle ich. 

Diesmal träume ich von einer Klassenzusammenkunft, einer fiktiven, in meiner Heimat. Ich kann da genauso gut hin, sage ich mir, derweil Irgendlink in der Stadt ist und ich auf ihn warte. 

Da, schaut, sage ich später zu den Kolleginnen von einst, als der Liebste auftaucht. Er war beim Frisör, obwohl ich ihm doch normalerweise die Haare schneiden darf. Stolz erzähle ich den Kameradinnen, was er zurzeit so treibt. Dass er ans Kap radelt. 
Ich erwache mit einem Schmunzeln und betrachte den Schlafenden neben mir andächtig und staunend. Schlaf ist eine wunderbare Sache. Und obwohl das Zelt so klein ist und es gewiss komfortablere Unterkünfte gibt, möchte ich mit niemandem auf der Welt tauschen. Ich schlafe wunderbar in diesem portablen Zuhause.

Heute bleiben wir hier, in Uskavi, und werden eine Wanderung in den nächsten Ort mit Laden unternehmen. Eine gemütliche Zehn-Kilometer-Wanderung. Die Sonne scheint. 

Herz, was willst du mehr?

  

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13 Kommentare zu „Camping-Impressionen“

  1. Zelte sind wirklich sehr spezielle Heime, ich mag es auch. Schön, dass ihr euch einen Tag der Ruhe gönnt, ihr habt ja den richtigen Platz dafür gefunden!
    Hier wird es seit heute wieder richtig heiss … ich fand die letzten Tage mit um die 25° perfekt, aber nun tanzen wir eben mit der zunehmenden Hitze und hoffen auf Regen, den das Land dringend braucht!
    liebe Grüsse
    Ulli

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  2. Ich schaff es mal wieder nur, einen einzigen Aspekt Deines Textes herauszupicken:

    «Ob wir uns der Endlichkeit und Sinnloigkeit unserer Wanderungen bewusst sind. Der Müßigkeit aller Anstrengungen.»

    Der Endlichkeit unseres, meines Daseins ist mir bewußt, sogar sehr bewußt. Denn diese bemerke ich, wenn ich morgens hustend nach Luft schnappe, wenn mir dies und das wehtut oder wenn ich (keine Sorge, das bleibt hypothetisch) mal wieder vor der Mühsal dieses Daseins davonsterben möchte …

    Aber die Sinnlosigkeit? Nichts in meinem Leben macht Sinn; aber alles hat Sinn. So wie Deine Mitreise #ansKap einen Sinn hat. So wie meine Zeichnungsversuche Sinn haben. So wie der Schmerz einen Sinn hat (Warnsignal!) und die Trauer und die Freude …

    Das ist der Sinn meines Daseins: daß ich bin, ich bin!

    Und der Sinn Deines Daseins?

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    1. Genau das meinte ich, lieber Emil: dass sich der Sinn der Käferwanderung letztlich nur ihm selbst erschliesst – und für ihn und für jetzt Sinn ergibt. Danke, dass du genau diesen Aspekt herausgepickt hast!

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  3. Die Szene mit dem Käfer hat mich auch angesprungen. Warum sollte es keinen Sinn haben, wenn er an der Zeltwand entlangkrabbelt? Er sucht wahrscheinlich was zu Fressen oder einen guten Platz für sein Nest. Oder er genießt – wie ihr – die Nacht. Das alles macht Sinn. Dass er Familiensinn entwickelt und Verwandte vermisst, bezweifle ich indes. So gesehen habens Käfer einfacher. 😉
    Habt noch einen schönen Tag, ihr beide!

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    1. Schön, dass dich meine Käferprovokation angesprungen ist. Siehe Antwort bei Emil – danke dir!
      Wir waren wandern, trampen, Busfahren und einkaufen. Nun am sonneglitzernden See, der zum Bad lockt. 😉

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  4. … kopf, was willst du mehr? 😀
    und dass du vom friseurbesuch des liebsten träumst, ist schon sehr speziell *lach*
    dein text gibt mir ein paar minuten ruhe in einem sehr anstrengenden tag! danke 🙂

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    1. Dabei mag ich seine wachsenden Haare sehr. Und wenn er es will, schneide ich sie. Ich rede ihm kaum
      je rein, er mir auch nicht.
      Schön, wenn mein Text diese Stille ein bisschen zu teilen vermochte. Das freut mich sehr!

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