Begegnungen

Dass ich über die Menschen am Weg schreiben könnte, ist mir erst gestern zum ersten Mal eingefallen. Seltsam eigentlich, wo ich doch ständig am Beobachten bin. Ziemlich wertfrei meistens, manchmal mit Unverständnis, manchmal mit Staunen. 

Gestern aber war so ein Tag, an dem wir noch und nöcher über Lebensgeschichten, über Ausschnitte von Lebensgeschichten, gestolpert sind.

Nach unserer Rückkehr vom Einkauf und unserer schon beinahe rituellen Teatime im Zeltplatz-Café fahren wir mit unseren Rädern zum Zelt. Oh, wie leer er ist! Nur noch die Familiengruppe ganz hinten (die im Vorvorartikel vermuteten acht Zelte sind übrigens nur drei) und am zweiten Tisch ein Wanderzelt, das etwas größer ist als unseres. Vorne, gleich nach dem Eingang der Zeltwiese, mühen sich zwei junge Menschen, ein Mann und eine Frau, erfolglos mit dem Aufbau eines kleinen Zeltes ab. Mühen im doppelten Sinn: Der Wind spielt ihnen ganz schön mit und die Technik, die Handhabung des Zeltbaus, scheint ihnen wenig vertraut. Wir grüßen im Vorübergehen freundlich, stellen unsere Räder ab und schielen zurück. Irgendlink hat kaum den Fahrradständer aufgeklappt, als er sich auch schon auf dem Absatz dreht und auf die beiden zugeht. 

Ob sie Hilfe brauchen, fragt er. Sie nicken erleichtert. Ich habe meine Sachen vom Rad genommen und gehe nun auch hinüber zu der kleinen Gruppe, denn ein Zelt hat ja vier Stangenenden, die in  vier Ecken müssen. Ergo braucht es vier Menschen für den Aufbau. Wir lächeln uns an und bauen nun zu viert das Zelt ruckzuck fertig auf. Ein kleines, einfaches Zelt aus dem Supermarkt – ohne Überzelt. Hoffentlich regnet es nicht, sag ich noch. Wir reden ein wenig, bekommen von den beiden jungen in Schweden aufgewachsenen Iranern – die Frau ist seit einjährig im Land, der junge Mann seit zweijährig – Nougatgoodies mit auf den Weg. Und viele Dankesworte. 

Solange die Sonne scheint, ist der Wind erträglich, und die Temperatur ebenfalls. Irgendlink überlegt sich sein zweites Seebad heute. Held spielen heißt das bei uns beiden. Er verzichtet. Zugunsten einer heißen Dusche, diesem Heldentum des kleinen Mannes. Ich setze mich derweil ins gemütliche Wohnzimmer, denn es ist kühl geworden und ich tauge wenig zur Heldin und masochistisch veranlagt bin ich ja auch nicht wirklich, obwohl man sich – so von außen betrachtet – ja fragen kann, ob Menschen, die sich Wander- und Radtouren antun, ein bisschen selbstquälerisch veranlagt sein müssten. Von außen betrachtet natürlich nur.

Außen- und Innensichten weichen oft sehr voneinander ab. Im warmen Wohnzimmer setze ich mich an „unsern“ Tisch, wo wir schon am Vorabend gemütlich gehockt und unsere Telefone an den Steckdosen aufgefüllt haben. 

Am Nebentisch sitzen die Kinder der Nachbarszeltsippe und spielen ein Kartenspiel – mit ganz normalen Jasskarten. Ganz normale gesunde Kinder zwischen neun und vielleicht fünfzehn Jahren. Die beiden Elternpaare wuseln unaufgeregt zwischen Küche und Wohnzimmer herum, decken Tisch, kochen für alle und es fühlt sich ein bisschen an wie in einem Schullager. Die beiden Wanderer-Nachbarn sind ebenfalls da, sitzen am Tisch vor der Küche und studieren Wanderkarten, derweil ich den gestrigen Blogartikel fertig schreibe.

Als Irgendlink, frisch geduscht, zu uns allen stößt, entspinnt sich ein Gespräch mit der einen der beiden Mütter, die sich nun zu den spielenden Kindern gesetzt hat und mitspielt. Aus Leipzig seien sie und kennen sich aus Kindergartenzeiten der Kinder. Sie machen oft zusammen Urlaub. Mit Zelten auf günstigen Plätzen wie dem hier. Norwegen schon paarmal. Nun eben Schweden. 

Als das Essen der Famiilien fertig ist – und mein Blogartikel ebenfalls – überlegen wir beide hin und her. Am Zelt kochen (bei Wind und Kälte) oder unsere Sachen holen und hier in der Campingküche kochen … Irgendlink geht schon mal vor. Als ich ebenfalls zum Platz komme, steht er mit den beiden jungen Iranern, die ihr Zelt soeben wieder abgebaut haben, zusammen. Sie werden zurückfahren, nach Ludvika, wo sie wohnen. Das Zelt ist ihnen doch ein wenig zu witterungsunsicher. Der kurze Platzregen von vorhin hat sie ernüchtert. Wir tauschen Nummern, denn sie möchten uns unbedingt zum Essen bei sich einladen, wenn wir ab Montag für zwei Tage in Ludvika sein werden. Wir sind gerührt und freuen uns. Verabschieden uns herzlich. Bis bald!

Irgendlink hat die fürs Kochen und Essen notwendigen Sachen in die Packrolle geladen und wir gehen rüber in die Campingplatz-Küche. Gemüseschnippeln, Reiskochen, Tischdecken … ja, wirklich, es ist gemütlich hier. 

Während wir die Dinge vor sich hin kochen lassen, erfahren wir mehr vom Wanderpaar, das ich so auf Mitte fünzig schätze. Sie wandern seit fast drei Wochen den Bergslagsleden, sind hier nun auf der zweitletzten Etappe angelangt und tragen 24 resp. 28 kg auf den Rücken. Mindestens je acht Kilo sind dabei gefriergetrocknete Lebensmittel und andere Survivals, denn auf diesem 280 km langen Wanderweg gibt es kaum Einkaufs- und Verpflegungsmöglichkeiten. 

Sie kommen ursprünglich aus Magdeburg, aus der Jerichower Gegend, leben nun aber, der Arbeit wegen, die ihnen dort abhanden gekommen ist, in Bayern. In Augsburg.   Warum sie so schwer tragen, wird mir später bewusst, als ich sie nach einer Webadresse frage: Resrobot.se ist DIE Adresse, wenn man in Schweden mit ÖV unterwegs ist. Gibt auch einf tolle App!

Die Adresse hat die Frau in ihrem Leerbuch, das mindestens ein halbes Kilo wiegt, notiert. Er liest einen dicken, kiloschweren Wälzer. Das Kartenmaterial wiegt sicher ebenfalls zweihundert Gramm. All das habe ich, wird mir bewusst, in meinem smarten Telefon: Karten, Bücher und Notizbuch.

Irgendlink schenkt ihnen seine angebrochene Schokolade. Meine schwarze Bitterschokolade mögen sie nicht (zum Glück, ähm ja …).

Wir sitzen noch eine Weile da, surfen Infos über den Camping von Ludvika, dessen Standort nicht ganz klar ist – gibt es einen oder zwei?  – und gehen schließlich ins Zelt. 

Dort ist es, wie immer, schnell kuschelig warm, sobald wir drin sind. Wie es jedoch bei zehn Grad oder weniger sein wird, will ich lieber nicht wissen. 

Nun ist es früher Morgen. Irgendlink ist rausgekrochen und hat Kaffee und Tee gekocht und nun sind wir wieder im Zelt. Der Wind, nun schon über vierundzwanzig Stunden sehr stark, geht an die Nerven. Nicht nur, weil er am Zelt rüttelt, er ist auch laut und – wenn man draußen ist – auskühlend. Ich würde ihn gerne in den Süden schicken, wo er bestimmt willkommen ist, falls es dort noch immer so heiß ist wie in den letzten Tagen. Könnte man doch das Wetter ausgleichen. Gewichte und Lasten gehen bedingt, aber Wetterverhältnisse?

Da gibt es nur das Ja. Ein Nein zum jeweils herrschenden Wetter macht krank. Dinge, die sich nicht ändern lassen, zu akzeptieren, gehört zu meiner Lebensaufgabe mit dazu. Ich übe noch.

Panorama Zeltwiese Uskavigården
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20 Kommentare zu „Begegnungen“

    1. Liebe Kerstin, der Wind und der Regen sind auf dem Berg angekommen, herzlichen Dank- seit gestern hat es immer mal wieder ein bisschen geschauert, der Wind dazu sorgte für eine Abkühlung, aber es ist immer noch warm, ca. 24°- für mich genau richtig …
      liebe Grüsse an dich und auch an Soso
      Ulli

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  1. Je mehr ich daheim still mit viel Lesen lebe, umso gerner folge ich Euren Reisebeschreibungen! Das mit dem Zeltaufbauhelfen, fein; was die für ein Glück hatten, dass Ihr gerade…
    Weiter so genau beobachten und aufschreiben- Ihr wirkt nicht nur an meiner durch Euers gestiegene Lebensqualität mit! Ehrlich jetzt 🙂

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  2. zwei wanderer aus magdeburg?! 🙂 wink ihnen grüße aus der heimat hinterher!
    deine innen- außenschau ist balsam in meinen alltag hinen! :-*
    der regen ist hier angekommen. etwas wind auch. abkühlung auf 14 grad. seifensiederwetter!
    liebgrüß!

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    1. Du Liebe, ich hab ihnen gestern kurz von unsren lieben Freunden im Jerichower Land erzählt – Punkt 10:00 sind sie losmarschiert.
      Schön, wenn ich dir eine Freude machen durfte.
      Hier ist es wärmer als bei euch. Zaghafte Sonne, nachlassender Wind .
      ❤️lichst Winkewinke!

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  3. ja, den Wind könnt ihr gerne runter schicken, es ist immernoch drückend heiss und schwül.
    Verfolge gerne eure Berichte, so macht Reisen Freude…ich meine jetzt nicht lesend, sondern in der Wirklichkeit. Bin auch ein Fan davon. Und jedes „schlechte“ Wetter ändert sich wieder zum Positiven – oder besondere Erlebnisse gleichen das weniger Schöne aus ! 🙂

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  4. Wind ist ja einer meiner Themen Zurzeit, und ich gestehe … ich mag die Windchen, die lauen Lüftchen, Wind vielleicht auch noch, aber wenn er dann beginnt zu heulen und an allem herumzuzerren, dann zerrt er auch recht schnell an meinen Nerven …

    soeben habe ich deine letzten zwei Artikel hier und den Plan drüben gelesen- ich mag deine Reiseberichte sehr- interessant finde ich noch, dass Irgendlink gerade so stumm ist- hast du übernommen?

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    1. Frag ihn – vielleicht eine Art (Kunst-)Pause? 😉 Er kunstet zurzeit exzessiv iDogma-Karten. Eine temporäre Verlagerung des Fokus?
      Es geschieht alles absichtslos irgendwie.

      Danke, dass du hier lesen magst.

      Ja, der Wind, der Wind – grad auf unserer Waldwanderung fast windstill, zurück am See wieder mehr. Nicht mehr so arg wie gestern und heute früh. Tolle Stimmung jetzt, mit Sonne.

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Kommentare sind geschlossen.