Wenn eine eine Reise tut – oder so

Das erste Stück, die vier oder fünf Kilometer auf dem Bergslagsleden durch den Wald, waren echt Klasse. Trotz des Rucksacks, oder wegen ihm sogar? Pilgerflow. Mein Tempo. Dazu Sonne. 

Kaum war Irgendlink nämlich losgefahren und hatte ich meine Auslegeordnung, die ich auf einem Tisch im Trockenen fertig verpackt, als auch schon die Sonne wieder kam. Das Zelt indessen hat Irgendlink nass verpacken müssen.  

Mein Bus Richtung Norden würde erst 14:55 in Fanthyttan losfahren, ich konnte mir also Zeit lassen. Eine halbe Stunde zu früh war ich an der Kreuzung und überlegte mir sogar kurz, zu trampen. Was wäre wenn?

Ich setze mich an einen Platz aufs Gras und warte. Warten, dein Name sei heute Sofasophia. Um zehn vor drei stand ich bereit für den Bus. Der Himmel hatte sich bereits vor ein paar Minuten zu verdunkeln begonnen, ich ahnte den nahenden Regen. Wie bewusst ich mir als Wandernde werde, wie abhängig ich doch vom Wetter bin! Ein erster Regentropfen fällt. Warte noch, lieber Regen, biitteee!, murmle ich. Da, der zweite, der dritte. 14:56 bereits. Komm Bus! 

Es tropft ein bisschen mehr. Und noch mehr. 14.58. Mensch, habe ich den Fahrplan falsch gelesen? Es tropft immer dichter. Tropft mir auf den Rucksack. Ich stelle den Rucksack auf den Boden, ziehe mir die Jacke über und öffne die Pelerine. 15:00. Oh Mann, hätte ich doch bloß getrampt. Also wirklich!

Ich kauere mich mit der angezogenen Pelerine um den Rucksack und hoffe, dass der Bus doch noch kommt. Halbherzig strecke ich den Daumen raus, könnte ja sein, dass ein Auto anhält.

15:03 – Ich habe eben doch noch den Regenschutz des Rucksacks aufgemacht und um diesen gehüllt, als der Bus endlich kommt. Ich steige hastig ein, klitschnass wie ich bin, und will – wie schon die vorigen Male – meine Zeche mit der Bankkarte zahlen. Geht aber nicht. Bar geht auch nicht. Nun denn, ich darf bleiben. Eigenlich hätte ich bis Stora fahren sollen, wenn ich den Fahrplan richtig gelesen hätte, aber weil der Bus ja eh nach Kopparberg, wo ich ebenfalls hin muss, fährt, bleibe ich sitzen. Dort will ich nochmals zu zahlen versuchen, doch der Schofför winkt ab. Ich danke herzlich und stürze mich raus in die Regenfluten. Zum Glück gibt es ein Wartehäuschen. 

Ein junger Schwarzer erklärt mir die Weiterfahrt. Es gibt einen Ersatzbus nach Ställdalen, weil der Zug zurzeit (?) nicht fährt. So richtig kapiert habe ich das alles aber erst, als der Ersatzbus tatsächlich kommt, kurz nach halb fünf, und uns alle samt der Leute, die schon in Stora im Bus sitzen, nach Ställdalen bringt. Auf dieser kurzen Strecke – vielleicht zehn Kilometer – hört der Regen auf und auf dem winzigen Bahnhof, der nur aus einem Wartehäuschen besteht, scheint uns allen die Sonne wieder. Nun bin ich wieder im Plan, den ich mir heruntergeladen habe: 17:08 ab Ställdalen bis 17:31 in Ludvika. 

Auch nach Ludvika führen viele Wege!

Der Zug fährt ein und lädt seine vielleicht dreißig Fahrgäste ein. Die meisten sind arabischer oder afrikanischer Herkunft, sehr freundliche Menschen und sehr hilfsbereit. Ich steige hinten ein, weshalb die Billettkontrolle erst spät kommt. ‚Last Minute Ticket‘ bekommt hier eine ganz neue Dimension, denn erst eine Minute vor Ludvika kaufe ich meine Fahrkarte, und siehe da, meine Bankkarte funktioniert. Wusst‘ ich’s doch. Seltsam!

Ludvika hat einen mittelgroßen Bahnhof und ein sehr großes Busterminal. Hätte ich mir doch bloß die Zeit genommen, mir alles genau anzuschauen, doch ich habe Kopfweh, bin müde und sehne mich nach einer kleinen Siesta. Im Wartebereich des Bahnhofs kaufe ich eine heiße Schokolade und dem Liebsten eine Nussmilchschokolade – mit Schwizer Nöt drin -, wo er doch neulich seine Tafel an die Wandersleute verschenkt hat. 

Ich appe ein paar Bilder und gehe später zum Busterminal rüber, wo der Bus nach Räfnäs, wo unser Campingplatz liegt, fahren soll.

Nun ja, mein Fahrplandownload hatte recht. Der Bus heißt 293 und fährt um 18:15. Ich stand nur am falschen Gate. Weil dieses Gate mit Smedjebacken angeschrieben ist und auch hier ist ein 18:15-Bus ausgeschildert. 

So stehe ich also beim falschen Bus, der richtige fährt mir da drüben buchstäblich vor der Nase weg. 

Nun denn, sieben Kilometer bis zum Campingplatz, dann gehe ich die halt zu Fuss. Denke ich. Solange ich an der Hauptstraße gehe, versuche ich dennoch nochmals zu trampen. Keine Chance.

Ich quere die Straße und finde einen schönen Quartierweg. Dank meiner GPS-App kenne ich die Richtung. Gut. Schöner Weg. Schöner Abend. Das wird schon. Irgendlink ist auch schon in der Nähe, schrieb er, als ich Zug fuhr. Hier kann ich keine SMS schreiben. Geht nicht. Warum auch immer. 

Was für ein hübscher kleiner See hier – eine Art Déjà-vu überkommt mich. Waren wir nicht schon mal hier, der Liebste und ich? Vor vier oder vor fünf Jahren? 

Als ich einen kleinen verkehrsberuhigten Hang hinaufwandere, versuche ich nochmals mein Tramperinnenglück. ein kleiner weißer Lieferwagen hält. Der Fahrer, ein sympathisch aussehender älterer Mann, nimmt mich mit und fährt mich direkt zum Campingplatz. Wir unterhalten uns sehr angenehm und ich bin froh, dass er mich fährt, weil sich der Weg doch recht in die Länge zieht.

Nach einer kleinen Runde durch den Campingplatz sehe ich, dass Irgendlink noch nicht da ist. Einen möglichen Stellplatz habe ich bereits ausgemacht. Ich gehe zurück zur Rezeption, die nur morgens ein paar Stunden offen ist, schreibe uns ins Buch ein und schon kommt Irgendlink an. Wie schön, dass auch bei ihm alles geklappt hat. Die Regenschauer haben auch ihn nicht verschont, aber nun ist er da und alles ist gut. 

Er war einkaufen, der Gute. Brot und Milch und Bier und so. Schwarze Schokolade für mich. Wir tauschen unsere Goodies und grinsen darüber.
Das Zelt ist schnell aufgebaut. Den Türcode, den es hier für die Toiletten und Duschen braucht, erfrage ich bei einer Frau, die in der Nähe steht. Doofe Dinger, diese Tippschlüsseldinger. Ich übe lange, mit voller Blase, bis ich endlich den Trick kapiere. Nun denn …

Wir picknicken an einem Tisch unter den Linden, die hier überall wunderbar blühen. 

Köstlicher Tee gibt das heute Morgen. Frisch vom Liebsten gejagt. Und ans Zeltbett serviert. 

Ich bin auf die Stadt gespannt und ob wir unsere beiden iranischen Zeltnachbarn von Uskavi treffen werden.

 

Auf dem Bergslagsleden
  
Selfie
 

Advertisements

4 Kommentare zu „Wenn eine eine Reise tut – oder so“

  1. solch ähnliche Schilder sind mir in der bretagne begegnet, nur waren sie nicht blau angemalt, egal, diese, wie jene gafallen mir richtig gut und dein kleines Wander-Bus-Zug-Tramp-Abenteuer auch. Die Geschichte mit der Schoki rührt mich- hach … ihr Zwei! Nun hoffe ich, dass es euch gut geht in Ludvika und der Regen sich mal für eine Weile ganz verzieht … ich schicke euch Sonne pur und ihr uns Regen … das wäre noch gut 😉
    liebe Grüsse
    Ulli

    Gefällt mir

    1. Es regnete vorher mal kurz, wir haben in einer Kirche Siesta gemacht. Dann weiter Urban ArtWalk und jetzt bei Kaffee/Tee im Trockenen wieder aufwärmend, während es wieder regnet. Ein okayer grauer Bummeltag … Danke dir!
      Morgen dann nach Falun.

      Gefällt 1 Person

  2. Das Gefühl, die geliebte Person zu treffen, ganz wirklich, ist für mich immer wieder überwältigend schön, wie ein Endlichheimkommen…
    Eure Glanzpostkarte mit dem Eisbübli drauf traf soeben hier ein, tausend Dank! Und ein Extradanke für das Bemühen um Hochsitzsachen!!!
    Gute Weiterreise und alles
    Sonja

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.