Ein Dach über dem Kopf und drüben steht die Waschmaschine

Mein kleiner Traum hat sich erfüllt. Eine Hütte am See mit Ruderboot und so. Stammlesende erinnern sich.

Ich sitze am weißen Holztisch in der Hütte, im Häuschen, das etwa so groß wie meine Wohnung daheim ist und fast so gemütlich, oder genauso, nur anders. 

Diesmal hat mit der Reise alles ganz wunderbar geklappt. 

  
Irgendlink ist um halb elf losgeradelt, ich war ein wenig spazieren, am See, habe noch ein wenig getwittert und gesurft, bin dann mit Thorsten im Bus zum Bahnhof Ludvika gefahren und habe dort in seiner Gesellschaft auf meinen Zug nach Borlänge gewartet. 

Eine sehr bereichernde Begegnung war das, fanden wir drei. Menschen und ihre Reisen, Menschen und ihre Wege kennenzulernen, ein bisschen zumindest, finde ich etwas vom Nährendsten. Den Schritt, alles hinter sich zu lassen, auf unbestimmte Zeit, ohne Ahnung, wie es weitergeht, finde ich sehr mutig. Ich muss an Initation denken, auch bei Irgendlinks Artikel von heute Morgen. Sich, das Leben, das Weltbild, das wir verinnerlicht haben, unsere Werte, unser Dasein – immer mal wieder zerlegen. Unter die Lupe legen, liebevoll hinschauen. Was brauche ich, was nährt mich, was tut mir gut?

Wie ich mit einer uralten, urgemütlichen Zugformation sitze, ein von Hand angekreuztes Zugticket kaufe und durch die Landschaft nach Borlänge fahre, wähne ich mich zeitweise in einer anderen Welt. Draußen Wälder. Zuweilen kleine Dörfer. Wälder. Im Zug ein paar wenige Menschen. Ruhig ist es, trotz der Kinder, die spielen und erzählen. Ein bisschen ist hier die Zeit außer Kraft gesetzt. 

Borlänge. Ein großer Ort, den ich gerne – vielleicht in den nächsten Tagen mit Irgenlink – anschauen möchte. Am Bahnhof wechsle ich vom Zug ins Busterminal, diesmal bereits wissend, wie diese Terminals funktionieren. Ich erreiche sogar noch einen früheren Bus als den auf meinem Download-Fahrplan und bin so auch früher in Falun. Zwischen Borlänge und Falun wieder kilometerweite Waldflächen. Ich stelle mir Irgendlink vor, wie er sie durchradelt. Wie sich das wohl anfühlt, so allein in der Pampa? Wandernd. Radelnd. Nicht einfach nur ein paar Kilometer wie ich, sondern tagelang, wochenlang, monatelang.

In Falun, am Busterminal, wechsle ich vom Fernbus zum Stadtbus. Immer wieder staune ich über die freundlichen Busschofföre. Dieser hier sagt mir schon im Voraus, woran ich meine Station erkennen werde. Und das, obwohl ich ja die Anzeigen lesen und die Ansagen hören kann. Jener in Borlänge hat mich herzlich willkommen in Schweden geheißen. Herzig das!

Wir fahren aus der Stadt raus, südwärts, Richtung See, Hosjö, und ich steige schließlich aus. Die Koordinaten des Häuschens kennt mein Telefon. Ich ziehe nun auch noch den langärmligen Pulli aus, es ist warm hier. Wunderbare Sonne. 

Kaum fünf Minuten später ein paar Tropfen. Ich spaziere die anderthalb Kilometer zum Häuschen voller Staunen über dieses Wetter, das ich nun doch so langsam kennen sollte. Herzige Häuser stehen hier, Einfamilienhäuser, die nicht protzig sind, einfach schwedische Häuser. Und ja, richtig, das da unten ist die Nummer 2. Unser Häuschen.

  
Wie sich das anfühlt! Der Schlüssel liegt unter der Matte, richtig, und ich öffne das kleine Märchenschloss. 

Ankommen. Mich über das Dach über dem Kopf freuen, vor allem über den Schutz, den es mir bietet. Über die Wände auch. Über das Bad, die Betten, die kleine Küche, die Dusche. Alles da. Gemütliche Wohnbank am Tisch, Sofa auch. TV sogar. Wifi? Vielleicht, doch ich finde nirgends ein Passwort, obwol ich den Router gefunden und ein Netz angezeigt bekommen habe. 
Zivilisation und Wildnis. Ohne ein „versus“ dazwischen. Was brauche ich wirklich? 

Jetzt? Eine Dusche. Ich wasche ein paar Sachen im Spülbecken, die Waschmaschine können wir dann sicher zusammen einmal füllen. 

Wie viel Sauberkeit brauche ich? Oder mag ich sie einfach nur?

Es ist fünf Uhr. Irgendlink schreibt eine SMS aus Borlänge. Noch zwanzig Kilometer vielleicht. Er lässt sich Zeit. Schreibt er. Gut das. 

Erst nach zwanzig Uhr kommt er an – mit frisch eingekauften Sachen. 

Seltsames Gefühl, jetzt, hier, nach dem Gratin aus dem Backofen, zusammen unter einem Dach zu sitzen. Auf einem Sofa. 

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20 Kommentare zu „Ein Dach über dem Kopf und drüben steht die Waschmaschine“

  1. Ach, wie ich mich mit und für und durch euch freue.

    (Ich bin an das „Haisl“ — Wochenendhaus am Waldrand — meiner Großeltern erinnert. Winzige Küche mit Kohleherd und Abwaschbecken, Schlafalkoven mit Doppelstockbett, selbstgebaut, ein Zimmer; Wasser gabs an der Quelle im Wald. Vielleich 5×6 m groß. Aber für mich als Kind einfach wunderbar.)

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    1. Fast so, aber moderner. Fließend warm und kalt Wasser hats. Und See. Und Boot.
      Dir würde es gewiss in der Alphütte meiner Freunde gefallen, wo ich früher oft an Wochendenden war. Wie du beschreibst. Mit Plumsklo und alles. 😉

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  2. Ein Haus. Ein See. Ein Boot. Es tönt idyllisch und wunderschön. Geniess diese Zeit im Norden. Ob sich der ‚Schofför‘ sprachlich durchsetzt? 😉 An die Frisörin kann ich mich als Schweizerin grad noch so gewöhnen.

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  3. Haha! 🙂 Dass sich im deutschsprachigen Raum nicht nur Ikea, sondern auch das Wort Frisör aus Schweden etablieren konnte, ist mir sympathisch. Der Schofför ist übrigens auch ein gutes Beispiel für ein misslungenes Wort aus der neuen Rechtschreibereform. Da bekomme ich bigoscht Äckegstabi 😉

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    1. Ich schrieb den Schofför schon immer so, aber aus CH-deutscher Sicht 😉 Wie Zöix und so.
      Das mit dem Frisör hab ich gestern erst gecheckt. Ich mag Wörter so zu schreiben, wie man sie sagt. Ausser Portemonnaie 😄

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