In einem Zug zu lesen #4 – Delete von Karl Olsberg

Auf einmal hatte ich Lust zu lesen. Wenn ich reisend unterwegs bin, habe ich diese Lust nicht unbedingt. Meist ist mir da die Gegenwart genug. Vielleicht ist es also Nachholbedarf, weil ich in den letzten Wochen und Monaten echt selten dazu gekommen bin? Oder weil das Sofa zum gemütlich lesen verführt, das in unserem Häuschen steht? Egal. 

Sie war da, die Lust, und so surfte ich ein wenig in den eBook-Portalen nach einer passenden Lektüre.

Auf einmal fand ich ein Buch zum Nulltarif, das den Namen Delete Bonus-Story trug – von einem mir bis dahin unbekannten Autor namens Karl Olsberg. Keine Ahnung, ob es eher der Preis als der Titel war, aber ich lud das Ding runter und war sofort hin und weg. Angefixt. Schnell lud ich mir die andern vier Bonus-Bücher herunter. Allesamt Kurzgeschichten. In Ich-Form erzählen die ProtagonistInnen ein Erlebnis aus ihrem Leben, das sie entscheidend geprägt hat, zu der Persönlichkeit werden lassen hat, die sie heute sind. Das aber erkannte ich natürlich erst später.

Später nämlich als ich mir auch das Buch Delete – satte 355 Seiten dick – gekauft hatte. Und zu lesen angefangen hatte.

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Ein Thriller, den ich mit nichts vergleichen kann, das ich bisher gelesen habe. Ist es Philosophie? Ist es Sciene fiction? Ist es gar ein Soziogramm?

Vier StundentInnen, die im Laufe eines halben Jahres verschwunden sind, bilden die Ausgangslage. Scheinbar ohne Zusammenhang haben sie sich in Luft aufgelöst. Außer dass alle World of Wizardry gespielt haben und alle in Berlin wohnen, gibt es keinen Zusammenhang.

Sehr glaubhaft führt uns der Autor in die Welt virtueller Zusammenhänge ein, verknüpft Spielwelt, Realität und philosophische Ansätze miteinander, wirft Fragen auf über das Woher und Wohin, zu Machbarkeit und Paranoia, zu Sicherheit und das Gläserne Menschsein. 

Die fünf Ermittelnden der neu geschaffenen Gruppe SEGI des Berliner LKA werden erst langsam ein Team. Jeder der fünf schrägen Vögel findet allmählich über seine persönlichen Affinitäten und Stärken seinen Platz in der Gruppe und so können sie sich dem Verschwinden der inzwischen fünf Menschen mit neuen Ansätzen widmen.

Man muss vermutlich schon ein wenig Interesse an der virtuellen Entwicklung und an philosophischem Gespinst haben, um sich für dieses Buch so begeistern zu können wie ich, aber vielleicht auch nicht. Denn der Autor bleibt Mensch, schreibt für Menschen, nicht in erster Linie für Nerds. Daran aber dass dieses Buch gut recherchiert ist, zweifle ich nicht, da Olsberg aus der IT-Branche kommt und weiß, wie das alles funktioniert. Und er kennt auch die Menschen.

Ein Actionthriller mit Geballer ist es nicht, und die Spannung baut sich eher aus den zwischenmenschlichen Ereignissen auf. Und zugegeben, manche Menschen und ihre Eigenschaften mögen auf den ersten Blick ein bisschen klischeehaft sein: Der übergewichtige Hacker zum Beispiel oder der Asperger mit Inselbegabung, doch je länger ich lese, desto glaubwürdiger wirken sie suf mich.

Und der Täter … nun ja, nein, ich verrate nicht mehr. Zumal ich ja nun noch die restlichen achtzig Seiten lesen muss. Darf. Will. Kann.

Draußen regnets. Schön, ein gemütliches Häuschen zu haben. Und ein gutes Buch. Das Gewitter eben war auch nicht ohne. 

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