Naher Abschied

Ich hasse Abschiede. Mal wünschte ich mir im Voraus, es wäre schon hinterher, und mal möchte ich die Zeit anhalten. In einer solchen Blase drin, einer  chronologisch gesprochen bevorstehenden, befinde ich mich jetzt. Morgen um die Zeit gehen wir beide, Irgendlink und ich, wieder unserer eigenen Wege. Er nordwärts, weiter #ansKap, ich südwärts nach Stockholm, von wo aus ich am Samstagmorgen wieder zurück in die Schweiz fliegen werde.

Verdammt komisch ist mir zu Mute. Abschied ist eins. Das andere, dass ich irgendwie aus der Zeit gefallen bin. Schaue zurück, in meinem Blog, im Fotoordner auf dem Handy und vor allem in mir selbst drin, und betrachte den Schatz neuer Erlebnisse und Erfahrungen, hadere mit dem Gedanken, zu wenig aus der Zeit mit Irgendlink gemacht zu haben (sprich: zu wenig erlebt zu haben) und stelle im gleichen Atemzug fest, dass das gar nicht möglich ist. Wäre. Ist. Wir hätten vielleicht mehr Dinge erleben können, mehr Dinge besuchen, anschauen, fotografieren, was-immer-noch, doch mehr-mehr-mehr ist ja genau nicht das, was wir wollen. Er nicht, ich auch nicht. Es geht um das Weniger-im-Viel und darum, dieses Viele, das im Wenig drin ist, auszukosten. Es mit allen Sinnen wahrzunehmen. 

Wie das kalte Bad im See. Wie den Blick in die Weite gestern von der Schanze aus. Wie den Blick ins Mittelalter der Amputationen im Kupfergrube-Museum. Dazu die Zeit am Uskavisee, die mir schon fast unwirklich fern erscheint. Und Örebro, mit Ray und Jürgen – schon ewig und einen Tag entfernt vom Jetzt.

Die Zeit, die Zeit. Sie ist grad total unwirklich. Ich könnte überall sein, jetzt, hier, auf dem Sofa, wo ich sitze, pure Ewigkeit. Alles. Nichts. 

Und morgen, morgen schon werde ich in die schwedische Hauptstadt fahren. In Solna, einem Vorort im Norden der Stadt, habe ich ein sehr günstiges Hotelzimmer gefunden, von wo aus ich am Freitag die Stadt ein bisschen erleben will. Auf meine Weise.

Unwirklich das alles. Als wäre ich Teil einer Geschichte, die jemand schreibt. Eine Spielfigur. Teil eines Bildes, das ich nicht kenne.

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Teil eines Ganzen

Heute. 

Jetzt werden wir wohl, es ist kühl hier und bedeckt – ähnlich wie heute wohl auch in der Schweiz und in Deutschland – ein wenig spazieren gehen. Am Haussee, Runn mit Namen. Keine großen Geschichten. Einfach nur sein.
Verortet bin ich zurzeit nicht. Nirgends. Ich bin eine Seiende, das schon, aber eher ohne Bodenhaftung. Vielleicht ist es das, was reisen eigentlich ist? In sich selbst Heimat gefunden habend?! 

Und doch – ein bisschen Bodenhaftung tut mir schon auch immer wieder gut. Und ein klein bisschen, ich gestehe es, freue ich mich ja auch immer auf das Bett daheim. Auf die Badewanne. Das Sofa. Das Gärtchen.

Aber eben. Ich bin auch eine Reisende. Eine Ruhelose, meinetwegen. Eine Sucherin und eine Gefundenhabende. Eine Loslasserin ebenfalls. Und eine, die anzunehmen lernt. Das, was ist.

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11 Kommentare zu „Naher Abschied“

  1. Abschiede sind fürchterlich! JA … und die Zeit sie ging im Flug vorbei, denn den Glücklichen ist Zeit nichts, wie wir ja hinlänglich wissen. ich wünsche dir jetzt noch einen schönen letzten Tag mit deinem Liebsten und dann ein spannendes Urbanwalking in Stockholm.
    Komm gut hier wieder an …
    big hug

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  2. … und immer wieder die zeit!
    wie es mich erdet, deinen beitrag zu lesen. das viele im wenigen schätzen und auskosten. das ist urlaub.

    und dieses gefühl, in der ewigkeit aufzugehen, das ist ein wunderbares geschenk. denn das ist der moment des glücks. ❤
    von mir sonnige grüße! und ich hätte mich niemals in den see getraut 🙂 das sieht sooooo kalt aus.

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