Langeweile oder die Angst vor der Stille

Gestern Nacht

Stille. Nur der Mond und ich. Und die Hitze der Sommernacht; ja, die auch.

Vollmond im August
Vollmond im August

Heute Mittag

Mir ist es zu heiß – hier sind es 32 Grad – und ich bin froh, dass es ab Dienstag wieder kühler wird. Noch nicht lange her, war mir Hitze egal. Paar Jahre machen den Unterschied. Persönlicher und globaler Klimawandel sozusagen. Aber keine Angst, darum geht es heute nicht. Nicht hier.

Wandel dennoch. Wandlung. Veränderung. Neubewertung. Andere Blickweisen. Dazu eine wachsende Sehnsucht nach Verlangsamung und Entschleunigung.

Zunehmend fehlt mir das Verständnis, wann immer ich da und dort Sätze lese wie „Da und da ist es langweilig!“ oder „… schon bald machte sich Langeweile breit und ich ging“.

Wir halten es nur schwer aus, wenn nicht ständig etwas passiert. Wenn wir uns nicht ständig mit neuen Eindrücken füttern können. Ablenkung. Animation. Ja, klar, auch Inspiration suchen wir, und nein, ich will das alles auch gar nicht schlechtreden, aber …

„Ich kenne Leute, die nicht mehr fähig sind, kontemplativ in sich zu gehen, sich zu langweilen (das Wort wird noch aussterben), ein Buch zu lesen. Ich schaue um mich und sehe Leute, die ständig mit irgendwas (in der Regel mit ihrem Smartphone) beschäftigt sind. Vielleicht ist der letzte tiefe, zusammenhängende Gedanken für sehr viele Menschen schon sehr lange her.

Wir müssen uns dringend fragen, wie wir leben wollen, welche Ansprüche wir an uns selber haben und was zum Teufel ist eigentlich unser Selbstverständnis?“

Quelle: LARA PALARAs Philosophische Küche im Umbau

Was ist es, das uns so unruhig sein lässt? Mal abgesehen von all den digitalen Ablenkungsmaschinen, von denen ich auch ein paar beherberge.

Ist es die Angst vor dem Nichts? Vor der Stille?

Mögen wir einfach nicht gerne mit uns selbst allein sein und sind drum ständig darauf bedacht, etwas zu finden, das uns von uns selbst ablenkt? Fürchten wir uns gar vor uns selbst?

Angst?

Gestern, vor dem Einschlafen, hatte ich eine meiner Panikattacken, wie ich sie in unterschiedlicher Intensität schon seit vielen Jahren habe. Inzwischen habe ich gelernt, sie nicht mehr einfach nur zu fürchten, sondern immer mal wieder ihren Vorhang zu heben und dahinter zu schauen. Oft sind es bevorstehende Veränderungen oder konkrete, aber mir selbst im Moment unbewusste Verlustängste, die meinen Körper mit Angstgefühlen erschüttern und mir den Atem und den Schlaf rauben.

Der bevorstehende Flug Irgendlinks, überübermorgen Vormittag von Alta nach Oslo, am Nachmittag von Oslo nach Frankfurt macht mit nervös. Zumal ich weiß, dass Irgendlink nicht gerne fliegt und er auch noch nicht weiß, ob und wie der Fahrradversand klappen wird. Ist es seine Nervosität oder ist es meine, sie ich spüre? Hinter der Nervosität lauert die Angst, dass etwas geschieht. Flugzeugabstürze sind zum Glück selten, sage ich mir. Doch Ängste sind irrational, wie wir wissen, meine jedenfalls. Fast alle meine Ängste sind irrational. Und nur ganz wenige kann ich mit dem Verstand und mit Erklärungen weg-ixen.

Angst also. Angst in vielen kleinen Alltagsdingen, die wir tun und lassen. Angst vor der Langeweile, die uns doch schon schön mit der Weile verbinden könnte, mit der Ruhe, mit dem Sein. Aber da ist eben auch gleich die Angst vor dem Alleinsein zur Stelle. Und jene vor der Stille. Vor der Nähe zu sich selbst.

Angst ↔ Mut

Ich füttere meine Ängste neuerdings mit Mut. Ich versuche, mir in konkreten Angstmomenten mutige Alternativen vorzustellen, denke mir Gegengewichte aus, fühle Gegengewichte. Nein, das ist nicht einfach. Aber einen Versuch wert.

Respekt und so Sachen

Ich habe Respekt vor Menschen, die in größeren Zusammenhängen denken können. Frau Meike zum Beispiel. Diesen Artikel gestern, den ich auf Twitter verlinkt habe, müsste Pflichtlektüre sein.

Bitte lies ihn: Die Enden der Skala (hier klicken). Wie Übervölkerung Seximus auslösen kann und zu kurzes Denken und Fehlinformationen uns in eine Einbahnstraße führen, aus der es vielleicht kein Zurück mehr gibt.

Auf dem Weg zur Arbeit denke ich über diesen Text nach. Denke darüber nach, dass und wie wir Menschen uns vielleicht eines Tages selbst ausrotten. Weil es noch nicht mal mit dem Umdenken klappt, geschweige denn mit dem Umhandeln. Unser Körper, so sinniere ich unterwegs, unser aller gemeinsamer Körper ist die Erde. Oder unsere Mutterbrust. Aber so wie wir damit schindludern, nun ja … ihr wisst es selbst.

Tendenziell verliere ich ob all des Schrecklichen, das ich um mich herum und in der Welt wahrnehme, den Blick für das Gute, für die Details, für die Schönheit. Aber nein, das kann es auch nicht wirklich sein, denn das fördert ja meine Absicht, die Mitwelt zu einem besseren, lebenswertvolleren Ort zu machen, auch nicht.

Vollgepackt mit Post aus dem Kasten, öffne ich die Schulhaustüre. Ein paar Kinder sitzen an den Tischen im offenen Foyer und scherzen miteinander. Einige brüten über Heften, einige grüßen mich.

Respekt!, denke ich. Wie es der Welt geht, wie es unseren Mitmenschen geht, wie es mir selbst geht, hängt davon ab, wie viel Respekt ich-du-er-sie-es von den andern bekomme/bekommt und diesen entgegenzubringen fähig ist.

Doch wie bringt man einem Kind Respekt bei?, frage ich mich, während ich die Bürotür aufschließe. Manche haben ihn, manche nicht. Respekt kommt von Rücksicht und äußert sich darin, dass wir unsere Mitmenschen und unsere Mitwelt aufmerksam wahrnehmen und behandeln, freundlich mit allen umgehen, aufrichtig sind und aufmerksam sind auf deren Bedürfnisse und deren Belastungsgrenzen. Und dass wir uns unseres Handelns im Kontext mit unseren Mitmenschen und unserer Mitwelt, dass wir uns der Wechselwirkungen bewusst sind. Mit uns selbst mit drin, denn Respekt fängt bei mir an. Schließt mich ein. Ich bin Teil meiner Mitwelt.

Wechselwirkungen also, mich als Teil des Ganzen wahrnehmen, wissen. Das kann aber nur funktionieren, wenn alle mitmachen. Oder viele. Wenn viele in großen Zusammenhängen denken. Wenn viele Verantwortung übernehmen.

Demokratie gut und schön, aber nicht immer handelt die Mehrheit richtig. Nicht, wenn sie gleichgültig geworden ist, nicht, wenn sie verstummt ist und wegschaut. Nicht, wenn sie Affe spielt – Siehtnix, Hörtnix, Sagtnix.

Bevor ich ins Büro gefahren bin, war ich zuerst für eine Stunde im Chefbüro im Nachbarort – den Chef bei seiner Abschlussarbeit für die Weiterbildung coachen. Sein Büro ist auch in einer Schule, einer Grundschule. Wie ich vom Parkplatz zum Büro gehe, höre ich hinter mir die Stimme eines Mädchens, eine singende, eine glücklich singende Stimme. Ich drehe leicht den Kopf und sehe sie. Vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Mit dem Trottinett auf dem Weg zum Kindergarten. Selbstversunken. Eins mit sich und der ganzen Welt. Ich gestehe, dass ich sie um ihre Leichtigkeit beneidet habe. Und ich habe ihr ganz fest gewünscht, dass sie sich viel davon bewahren kann. Dass sie ihr Lied nie verliert, und nie die Lebensfreude. Aber dass sie Verantwortung übernimmt. Dass sie mitfühlt und mitdenkt. Und dass sie in Zusammenhängen denken lernt.

Human meint human. Eigentlich.

Es ist ja nicht so, dass es zu anderen Zeiten sehr viel anders wäre als jetzt. Nur halt anderswo. Weiter weg. Wo man besser wegschauen kann. Ich jedenfalls.

Und nun geht das grad überhaupt nicht mehr. Nicht bei mir. Und obwohl ich weiß, dass ich im Moment – hier wo ich bin – nicht viel ausrichten kann, außer Haltung zu zeigen, fühle ich mich schuldig. Nicht, weil ich Kriege angezettelt habe. Aber weil ich Teil dieser Gesellschaft bin. Schuldig? Oder nennen wir es wohl besser mitverantwortlich.

Ich sitze da und stelle mir vor, wie sich diese Familie wohl fühlt, von der gestern die Kaiserin (→ hier) gebloggt hat. Das Kleinkind, das körperlich behindert, mit den Eltern und seinem Geschwister auf der Flucht war. Wochenlang vielleicht. Wie sich das Kind fühlt, wie es denkt, was es denkt, was es sieht, wenn es morgens in diesem Moabiter Flüchtlingslager aufwacht. Was fühlt die Mutter? Was der Vater?

Es gelingt mir nicht, diese vielen flüchtenden Menschen als Masse zu sehen. Ich sehe Menschen. Einzelne Menschen. Viele einzelne Menschen, die genau so wie ich denken, fühlen, hungrig & durstig sind, bedürftig, müde, sich zurückziehen wollen …

Wenn dann andere Menschen in unserer Zeit und in unseren Ländern so tun, als hätten sie mit alledem nichts zu tun, kommt mir die Galle hoch.

Eine tolle Antwort auf einen solch ignoranten Kommentar hat hier Liisa geschrieben:
„Dass sich heute Clans um Ölquellen schlagen, viele Länder Dikatoren haben, etc. etc. sind in den allermeisten Fällen Folgen kolonialen Verhaltens von Europäern, das bis in die Jetztzeit – nur mit anderen Mitteln und heute (meist) nicht mehr so bezeichnet – fortgesetzt wird. Es sind die Folgen davon, dass wir (Europäer, Deutsche, US-Amerikaner, etc.) Waffen in diese Länder bzw. an Diktatoren verkauft haben, und uns daran Jahr für Jahr goldene Nasen verdienen.

Sie haben recht, dass die Vergangenheit, bzw. Teile davon nicht der einzige Grund sein sollte, warum wir Menschen in Not heute helfen, aber es ist einer von diversen Gründen. Weitere Gründe sind z.B. die Menschenrechte, die nicht nur für privilegierte Weiße/Reiche gelten, sondern für alle Menschen und dass man Menschen in höchster Not nicht die Tür vor der Nase zuschlägt.“
(Quelle: Kommentar von Liisa Charming Quark)

Schnitt.

Vor ein paar Tagen. Zwei Zwölfjährige haben sich geprügelt.  Einer ist auf den andern los. Hat ihn getreten. Tage später hat jener, der zugeschlagen und getreten hat, den andern um Verzeihung gebeten. Der andere hat ihm verziehen. Im echten Leben. In dieser Welt.

Allen Menschen Frieden – ja, das wünsche ich mir, seit ich denken und wünschen kann. Allen. JAWOHL, ALLEN! Auch wenn dieses verdammte ALLEN auch jene meint, die Kriege anzetteln.

Nein, es ist nicht so, dass es zu anderen Zeiten sehr viel anders wäre als jetzt. Leider nicht. Ich wünsche mir für mich, dass ich in mir endlich Frieden mit dieser Welt voller Kriegsherde machen kann. Nicht resigniere und verbittere, sondern bereit zu handeln. Dass ich meine Kraft nicht in die Empörung und das Entsetzen, nicht in die Hilflosigkeit und Verzweiflung stecke, wie ich es im Moment leider tue, sondern dass ich sie für Mitgefühl und Handeln-bei-Bedarf einsetzen kann.

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