Nach Hause

Kurz nach halb zwei zeigt das Handy an, das ich für einmal nicht aus-, sondern auf Flugmodus umgeschaltet habe. Es soll mich schließlich am Morgen um Viertel nach sechs Uhr wecken.

Türenknallen. Laute Stimmen. Erneutes, wiederholtes Türenknallen. Schritte im Flur. Stimmen. Als wäre es Tag. Keine geflüsterten Zimmerlautstärke-Dialoge. Ich gucke kurz aus dem Fenster, da ist nichts zu sehen. Die Stimmen kommen wohl aus dem Nachbarszimmer. Ich bin hellwach, poltere mit der Faust an die dünne Wand. Erneuere die Taschentuch-Ohropaxe und versuche wieder einzuschlafen. Eine Stunde und dreimal An-die-Wand-Poltern* später bin ich wohl doch wieder eingeschlafen (*jedes Mal mit Herzklopfen, weil ich mich ja a.) nicht ärgern will, da ich mit Ärger im Blut erst recht nicht schlafen kann und auch b.), weil ich nicht weiß, was mein Poltern womöglich provoziert).

Über Twitter habe ich gestern erfahren, dass Wandererheime hin und wieder auch als Asylunterkünfte benutzt werden. Das passt zu meinen Beobachtungen im Solna Hotel. Nein, ich habe überhaubt nichts gegen Asylsuchende, ich mag einfach gerne ruhige Nächte. Ob ich schon um vier aufstehen und zum ersten Bus gehen soll?. überlege ich mir. Falls ich nicht mehr einschlafen kann?

Trotz allem habe ich Verständnis, denn wer zigtausend Kilometer abenteuerliche Reise mit Schleppern und unter Gefahren überlebt hat, sage ich mir, kann über das Bedürfnis nach Nachtruhe, das ich dringend habe, nur lächeln – so er das noch kann. Dennoch: Wäre es nicht irgendwie integrationsfördernd, sich an die Gepflogenheiten des Gastlandes anzupassen? Könnte ich das? Wie wäre es für mich, in einem ganz und gar fremden Land klarzukommen?

Mit diesen versöhnlich-nachdenklichen Gedanken schlief ich doch wieder ein und wurde vom Wecker aus einem intensiven Traum geholt, in welchem ich bei Freunden, bei einem Besuch, beschlossen hatte, alles hinter mir zu lassen und nur noch zu wandern und zu reisen. Mit dem Rucksack. Ein ziemlich schräger Traum war das gewesen.

Eine kurze Dusche, ein Mini-Frühstück, Fertigpacken. Schließlich wanderte ich bereits um kurz nach sieben los – nach Järv Krog, von wo der Flughafenbus allviertelstündlich nach Arlanda fährt.

Ich war sogar schon rechtzeitig für den 7:45-Bus da, der aber erst um 7:59 eintraf. Kartenzahlung war kein Problem. (Hätte ich doch dem Bettler gestern … Hätte-hätte-Fahrradkette, sagt Irgendlink gerne.)

Ich verlasse in Unkenntnis des richtigen Terminals einfach mal bei Terminal 2 & 3 den Bus, muss daher den ganzen Weg zum Terminal 5, meinem Terminal, zu Fuß zurückgehen. Hier hat es keine Rollspuren wie an andern Flughäfen, und ich wandere gefühlt kilometerweit durch menschenleere Gänge. Darum bin ich froh, als ich endlich einen Gepäckwagen entern kann.

An „meinem“ Schalter wartet niemand, die meisten Mitreisenden sind offenbar schon drin. Ich kann schnell einchecken, doch beim Handgepäck-Durchgang pfeife ich. Alarm! Bei mir! Es sind offenbar die Schuhe, die das Pfeifen ausgelöst haben, aber mit denen ist dann doch alles in Ordnung.

Das Handyladegerät piepst auch, auf dem Band, die Kontrolliererin packt deshalb mein Stoffrucksäcklein aus. Ooops, das Ladegerät! Das hatte ich ganz vergessen.

Der Flug startet eine Viertelstunde zu spät und kommt zehn Minuten zu spät in Düsseldorf an.

Hier warte ich nun, dass ich um 14:20 endlich einborden kann. Es ist schon okay, dieses Hin- und Herreisen, aber ich bin immer wieder froh, wenn ich jeweils wieder „draußen“ sein kann. Flughafengebäude sind surreal-künstliche Welten, die für mich nicht wirklich attraktiv sind; nur Mittel-zum-Zweck, mehr nicht.

Nach drei Wochen Hochdeutsch und Englisch bin ich gespannt, wie mir das Schweizerdeutsch bekommt.

Apropos Schweiz: Die hat ja heute Geburtstag. Ich hoffe, dass ich deswegen unbehelligt heimreisen kann. Ich mag die Schweiz, wirklich, aber so Feuerwerkfestivitäten wie es der 1. August inzwischen geworden ist, brauche ich nicht wirklich.

Dennoch kommt langsam Heimkehr-Freude auf. Mein Bett, mein Bad, mein Gärtchen. Und mein Laptop. Ans kaputte Auto denke ich lieber nicht.


  
  

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19 Kommentare zu „Nach Hause“

  1. Hallo SoSo,
    willkommen daheim. 🙂
    Hab‘ ein feines Wochenende,
    Pit
    P.S.: Ebenso wie auf Juergen’s Blog kann ich Deines nicht „liken“. Also dann hier: fuehle Dic „geliked“ 😉

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    1. Danke herzlichst. Das tue ich.
      Es ist seltsam, im Zug nach Hause zu sitzen, wie immer nach Ferienreisen. Die Seele ist noch in Schweden irgendwo.
      Warum wohl dein Like nicht geht?
      Danke!

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    2. Stimmt, ist schon seltsam. Manchmal geht ein leeres Pop-Up Fenster kurz auf, manchmal kommt eine Warnung, die ich nicht verstehe, manchmal tut sich gar nichts. 😦 Und es gibt sogar ein Blog, bei dem kann ich nicht einmal kommentieren. jedenfalls nicht auf dem Laptop. Ich kriege den Hinweis, ich muss mich einloggen. Ok, kann ich ja verstehen – in gewissem Sinn. Tue ich dann, schreibe meinen Kommentar und klicke auf „senden“, nur um zu lesen: „Sie sind nicht eingeloggt. Loggen Sie sich ein um zu kommentieren“! Das verstehe wer will. Ich nicht.
      Frei nach Oswald Kolle: „Dein Internet, das unbekannte Wesen.“ 😉

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    3. Habe ich auch schon dran gedacht, aber was sie als erstes dann von mir verlangen, ist, alle Add-ons, die ich in meinen Browsern habe, einzeln zu testen [= Add-on abschalten, „like“ausprobieren, Add-on wieder einschalten und auf zum naechsten]. Dazu habe ich einfach keine Lust, denn das muesste ich fuer Firefox, Chrome und IE auf meinem Laptop und fur Safari auf meinem Smartphone machen.

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  2. ah, da bist du ja. so viele kilometer in so kurzer zeit. da darf die seele schon noch hinterher fliegen. 😀

    und ich wette, dass du in einem fremden land, einer fremden kultur, noch mehr darauf bedacht wärst, dich an die regeln zu halten. nicht anzustoßen, nicht negativ aufzufallen. bei mir wäre es so. 🙂

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    1. Oh, mein Kommentar, den ich unterwegs im Zug geschrieben habe, ist ja gar nicht da. Danke dir. Ja, ich würde mich vielleicht gar zu sehr verbieben wollen. Was auch nicht gesund ist. Irgendwie ist es wohl schon sehr schwer, fremd zu sein.
      Meine Seele ist nun langsam angekommen. Das Bad hat gut getan.
      Herzlichst Winkewinke.

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