Wieder da … oder doch noch nicht ganz?

Als ich  am Montagmittag durchs Dorf Richtung Arbeitsplatz radelte, ertappte ich mich dabei, wie ich die Leute auf der Straße ganz selbstverständlich mit Hej-hej grüßen wollte. Auf dem Weg zur Arbeit, kurz vor dem Büro, ein Anruf meines Chefs. Wann wir uns wo sehen zur Lagebesprechung und so, wollte er wissen. Morgen, elf Uhr?, frage ich. Wie immer? Erst als ich aufgelegt hatte, merkte ich, dass das meine ersten schweizerdeutschen Worte seit Wochen gewesen waren.

Alles wie immer?

Nein, wie immer ist es noch nicht. Wird es auch hoffentlich nicht so bald. Was dieses ‚wie immer‘ auch immer sein soll.

Und heute, im Büro, wie ich mit meiner Arbeitskollegin unser neues Büro fertig einrichte – den Tisch so? Oder doch besser so? Meinen Rechner da? Oder nein, so ist es besser! – spreche ich nach einer kleinen Pause auf einmal hochdeutsch mit ihr. Ganz automatisch. Immerhin nicht englisch.

Bin ich also wirklich schon da?

Schweden 4_Falun_54Genau heute vor einer Woche, um diese Zeit, saß ich mit dem Liebsten am See. Es war ein wunderbarer Abend, einer der schönsten unserer acht Tage in Falun-Udstiggen. Wehmut vor dem bevorstehenden Abschied wollte sich ein klein bisschen vor den Augenblick des Genießens schieben. Am Nachmittag hatten wir ein Interview geführt. Ich wollte ein paar Dinge über die Reise erfahren, die – so dachte ich mir – vielleicht auch andere interessieren.
→ Zum Interview als Text (PDF) → hier klicken ←
→ Zum Interview als Aufnahme (mittelmäßige Qualität; mp3) → hier klicken ←

Wir hatten nach dem Abendessen einen Spaziergang in der nächsten Umgebung unternommen, im Quartier, am See, am Wald, der immer länger und länger wurde und einmal mehr merkte ich, was ich so sehr mag an Schweden, an Skandinavien. Und was ich eben manchmal in der Schweiz vermisse: Weite.

Mag sein, dass anderes das viel weniger brauchen als ich, doch für mich bedeutet Weite definitiv Lebensqualität.

Enge – im Denken ebenso wie in der konkreten Wirklichkeit des Raumes (wie wirklich diese auch immer ist) – bekommt mir schlecht.

Heute, im Büro, als wir kurzzeitig zu viert hin und her sprachen, Dinge klärten, hätte ich am liebsten gerufen: Seid doch alle mal still. Obwohl … da musste ich eben einfach durch.

Später hat meine Kollegin aus Versehen den Alarm ausgelöst, als sie die Nottüre entriegelt hatte. Was für ein schriller Ton, der doch glatt meinen Tinnitus übertönt hat. Gut, dass Kollege R. den Trick kannte und uns erlöste.

Wenn es so etwas wie Schreiasphalt gibt, über den Irgendlink heute getwittert hat, muss es wohl auch so etwas wie Kreischräume geben?

Schulhausflure zum Beispiel. Ich mag es, dass die Schule diese Woche noch fast leer ist. Nur wir zwei Verwalterinnen und die beiden Schulleiter waren am Morgen da, dazu ein paar Lehrpersonen, die im Laufe des Tages kamen und gingen. In einer Woche schon werden die Flure wieder Kreischflure sein. Nicht, dass ich mich nicht auf die Kids freue …
… aber Stille, Weite, Leerheit sind Qualitäten, die ich nie mehr missen möchte.

Apropos Schweden: Ich habe mit dem zweiten Buch der Knausgård-Biografie angefangen, Lieben,  das in Malmö, Schweden, geschieht. Nach einem zähen Einstieg bin ich nun wieder in diese wunderbar-bildreiche, berührende Sprache voll mit Knausgårds ehrlichen, selbstkritischen Beobachtungen eingetaucht. Und seiner Auseinandersetzung mit dem schwedischen Lebensstil, den er, als Norweger, seltsam findet.

Fremd und vertraut ist mir diese Welt hier. Die dort ebenfalls. Und manchmal frage ich mich, ob man wirklich je irgendwo, geografisch gesprochen, daheim sein kann. Oder ob das nicht eine der größten Illusionen überhaupt ist.

Advertisements

10 Kommentare zu „Wieder da … oder doch noch nicht ganz?“

  1. Weite ist auch für mich mittlerweile zu einem Muss geworden. Daheimsein das ist wohl so, wie Mützenfalterin es zitiert hat und dazu ein Gefühl- manchmal fühle ich mich irgendwo daheim, wo ich es defintiv nicht bin …

    Gefällt 1 Person

    1. aber ja kenne ich das auch- im letzten Jahr war es ja auch auf meinem Blog immer wieder Thema und der letzte Jahreszyklus stand unter dem Titel: Weitblick … in diesem ist es „sowohl als auch“
      hab einen feinen Tag du Liebe

      Gefällt 1 Person

    2. ja, immer von einer Wintersonnenwende zur nächsten stelle ich meine Bilder unter ein Motto- das eine sind die Bilder, das andere das Leben 😉
      hab ein feines schattiges WE (morgen komme ich zurück, freue mich sehr auf den Berg!)

      Gefällt 1 Person

  2. Ich kenne das ja auch mit dem Tinnitus im Alltag, den ich ganz vergessen kann, wenn ich auf Reisen vor mich hinlebe. Gerade aus meinem Schweden-Urlaub konnte ich das Gefühl mitnehmen, dass ich die Ruhe in mir selber habe. Zwar erstmal nur für ungefähr drei Monate ;-), aber die Erfahrung war stark genug, um immer wieder im Alltag danach zu suchen und in kleinen Schritten fündig zu werden. In diesem Sinne wünsche ich Dir, dass Deine Eindrücke und Erlebnisse aus Schweden lange lebendig bleiben. Viele Grüße, Sarah

    Gefällt 1 Person

    1. Mein Tinnitus ist zum Glück nicht allzu laut, außer in Drucksituationen oder nach langen Autofahrten. Ich hoffe dennoch, dass ich ihn mit Entschleunigung eines Tages „auflösen“ kann.
      Und ich hoffe auch, dass ich meine Reiseimpressionen und -erfahrungen gut integrieren kann.
      Danke dir für deine lieben Zeilen!

      Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.