Weil ich ein Mensch bin

Es ist diese ewige, seltsame, unfassbare Ambivalenz. Zerrissenheit sogar. Oder Hin- und Hergerissenheit. Das Leben auf der Wippe. Es ist dieses Mal so-mal so, das uns vermutlich ganz besonders von den Tieren unterscheidet.

Wie ich immer tiefer in die Schichten von Knausgårds Buch Lieben einsinke und dabei erschrocken feststelle, dass auch andere, außer mir, solche beinahe abstrakten Sinneswahrnehmungen haben, wie er sie beschreibt, werde ich mir bewusst, dass ich vermutlich bisher von Lieben erst einen kleinen Vorgeschmack erhalten habe. Ich liebe weder mich noch andere so vollumfänglich, dass ich einfach jederzeit in der Liebe sein kann. Immer ist mein Lieben verknüpft mit subjektiven Ereignissen, mit Erfahrungen, mit Bedingungen, mit Zusammenhängen. Es ist kein Lieben-an-sich. Kein Lieben um der Liebe willen. Mag sein, dass das furchtbar negativ klingt, furchtbar depressiv sogar. Ist aber nicht so gemeint. Ich bin mir einfach nur, einmal mehr, meiner Beschränktheit, meiner Grenzen bewusst. Und dass ich vermutlich gar nicht anders sein kann als so. Weil ich als Mensch so bin.

Wären da bloß nicht diese unerreichbar hohen Ansprüche an mich. Diese perfekte, losgelöste, den andern ganz und gar meinende, objektive, umfassende Liebe gibt es sie vielleicht unter uns Menschen gar nicht – außer in unseren romantischen Vorstellungen? Selbst als die Mutter eines kleinen Buben, die ich ja mal war, muss meine Liebe mit Bedingungen verknüpft gewesen sein wie, dass mein Sohn wunderbar, herzig, schlau … ist

Mag sein, dass unser Geschmack – alles was uns gefällt – äußerlich von den Umständen neu tariert wird, wenn uns jemand sympathisch ist, den wir im ersten Moment mit unseren bisherigen, inneren Wertmaßstäben nicht attraktiv fanden. Dass wir jemanden auf einmal schön finden, einfach darum, weil er uns sympathisch ist. Und dass sich sodann der Inhalt unseres Schön-Begriffes verändert. Doch sind äußerliche Aspekte denn nicht nicht immer irgendwie trügerisch? Ohne blinden Menschen da mit Vorurteilen meinerseits zu nahe treten zu wollen, doch zuweilen frage ich mich ja schon, ob es vielleicht einfacher ist, Menschen zu mögen, wenn man sie nicht sieht? Ist dafür nicht sogar die Welt der sozialen Medien ein Beweis?

Möglich, dass auf Grund von Stimmen, Texten, Berührungen, die Wahrnehmung eine reinere ist, eine wahrere, eine unabgelenktere, doch ist nicht selbst dann Lieben von subjektiven Faktoren abhängig? [Oh, ich merke schon … das, was ich da schreibe, kann ein anderer Mensch wohl nur schwer verstehen.] Ach. Und Liebe als etwas Universelles zu verstehen ist ja vielleicht gar nicht Sinn eines kleinen Lebens wie meinem. Universelle Liebe ist ja vielleicht nur das Innenfutter für unsere Illusion vom Liebengott?

https://i2.wp.com/waslesen.ch/wp-content/uploads/2014/04/Lieben.jpgWenn ich Knausgård lese, der noch ziemlich am Anfang des Buches über einen Kindergeburtstag-Nachmittag schreibt, über die Menschen dort und über die Begegnungen und wie er diese hinterher auch gleich wieder aus seinem inneren Speicher löscht und die keine Spuren bei ihm hinterlassen haben, und wie er emotional losgelöst ist von all den Menschen, die er im Grunde liebt, frage ich mich, zuerst entsetzt, dann begreifend, wie das sein kann. Denn ich merke, dass auch ich, wenn ich allein bin und an andere denke, manchmal nichts fühle, wo doch ganz viel Liebe sein sollte. Nicht nichts, aber nicht Wow-Liebe, sondern einfach: Ich bin da. Du dort. Und nun lasst mich doch bitte alle in Ruhe! Diese Verbundenheit, die ich unter allem und von allen zu allem und mit allem ahne, weiß, diese Verbundenheit fühle ich nämlich nicht immer.

Denke ich an Irgendlink, ist da immer, auch nach all den Jahren, dieser kleine Herzhüpfer, dieses kleine Aus-dem-Takt-kommen meines Herzschlages. Immer. Ich halte das für Liebe. Ich halte es für Verbundenheit. Die größtmögliche, die geht. Dieses Das-Beste-für-ihn-wollen ist immer da. Aber zugleich ist da auch mein Wollen. Es soll ihm möglichst gut gehen, doch er soll bitteschön täglich bloggen, möglichst schnell vorankommen (und bitte möglichst ohne Regen und Stress), möglichst viele schöne Pausen haben. Und am liebsten wäre mir, er wäre immer hier bei mir, mit mir.

Aber das alles geht nicht. Nicht alles. Nicht gleichzeitig. Alles, was lebendig ist, ist immer in Bewegung, im Prozess, in der Veränderung, in der Wandlung. Hin und Her. Wieder die Schaukel, siehe oben. Den Nullpunkt gibt es immer nur einen Bruchteil einer Sekunde lang im Vorbeischwingen. Die totale Stille ist immer nur im Jetzt. Nichts kann ich aufhalten. Alles schwingt. Alles fließt. Alles pumpt sich, wie es Irgendlink heute (hier) gebloggt hat, von A nach B und so weiter.

Getriebensein? Ist es das? Ist das die große Verwechslung? Dass wir eigentlich zu sein und zu lieben meinen, es aber mit diesem ewigen Strom verwechseln?

„Denn Sinn ist nichts, was wir bekommen, sondern etwas, das wir geben.
Der Tod macht das Leben sinnlos, weil alles, wonach wir jemals gestrebt haben, mit ihm aufhört, und er macht das Leben sinnvoll, weil seine Gegenwart das wenige, was wir davon haben, unverzichtbar, jeden Augenblick kostbar macht.
Aber in meiner Zeit war der Tod entfernt worden, er existierte nur noch als fester Bestandteil in Zeitungen, Fernsehnachrichten und Filmen, wo er nicht den Abschluss eines Verlaufs markiere, die Diskontinuität, sondern angesichts der täglichen Wiederholung im Gegenteil eine Veränderung des Verlaufs, eine Kontinuität bedeutete, und so seltsamerweise zu unserer Sicherheit und zu unserem Halt geworden war.“

Zitat aus Lieben von Karl Ove Knausgård

Die Erkenntnis, dass ich im Grunde immer wieder bei Null, das es so also gar nicht wirklich gibt, anfange, macht mich demütig. Nichts wirklich zu verstehen, nichts wirklich Wesentliches – nur solange ich darüber nachdenke, ist das Ding wesentlich, für mich – zu leben. Aber vielleicht geht es genau darum? Wegzukommen von diesen großen hehren Zielen. Nicht, dass ich nicht noch immer die ganze große weite Welt retten wollen würde … Aber weiß ich denn wirklich, was sie braucht, um gerettet zu werden? Wovor und wohin?

Ist es da vielleicht für mich nicht besser, mich treiben zu lassen? Mich hinzugeben? Dem Schreiben zum Beispiel. Den Worten. Und zu verstehen, dass Liebe immer subjektiv ist.

Advertisements

21 Kommentare zu „Weil ich ein Mensch bin“

  1. Ich glaube nicht an die bedingungslose, sich selbst genügende Liebe. Ein derart liebender Mensch würde mir auch auf die Nerven gehn, denn ich habe Mühe mit der Vorstellung, einfach so geliebt zu werden. Der Charme der Liebe ist doch, dass ich gemeint bin, so wie ich bin. Wenn ich anders wäre, würden mich manche Menschen nicht lieben, dafür andere, und schon haben wir Bedingungen und Voraussetzungen. Die braucht es auch, damit Liebe überhaupt beginnen kann (mit Ausnahme der eigenen Kinder, da spielen Instinkte mit).

    Gefällt 1 Person

  2. Wir fordern zu viel von uns selbst, unsere Reize sind überflutet und wir vergleichen stets mit anderen. Dieses selbstausbeuterische Denken und Grübeln und Streben und Fühlen macht nicht einmal vor der Liebe Halt. Jürgen hat recht: Der Ansatz liegt darin, loszulassen, es fließen zu lassen, das Leben, das Miteinander, das Lieben, und dabei sich selbst vertrauen und annehmen (oder auch Nein sagen).
    Ich übe das gerade … auch …
    Liebgruß
    Ele

    Gefällt 2 Personen

  3. Du hast mal wieder direkt aus meinem Kopf abgeschrieben, scheint mir (okay, bis auf den Knausgard)?

    Die Liebe ist ein seltsames Spiel! Sie kommt und geht von einem zum andern — den Schlagertext rufe ich mir oft in Erinnerung. Liebe und Verliebtheit: zwei Dinge, die schwer unterschieden und doch beide genossen werden können.

    Perfektionismus — auch so eine Baustelle. Wie die elendigliche Vergleicherei, das Streben nach mehr (als) usw.

    Annehmen hast Du aus gutem Grund weggelassen, glaube ich …

    Gefällt 1 Person

    1. Oh, danke für deine Gedanken dazu. Mich freuen solche Rückmeldungen immer sehr – besonders wenn ich das Gefühl hatte, mich nur begrenzt verständlich gemacht zu haben.
      Liebe ist so groß und gehemnisvoll, dass ich eben oft das Gefühl habe, sie je länger je weniger fassen zu können.

      Gefällt mir

    2. Ganz ehrlich und ernsthaft: Ich mag Liebe nicht fassen können, weder im Sinne von „verstehen“ noch im Sinne von „greifen, (fest-)halten. Manches Mysterium kann ich genießen, ohne es zu zerdenken oder zu zerfragen. Mit dem Fassen der Liebe wäre – so denke ich – ihr Zauber verloren.

      Gefällt 3 Personen

    3. Danke – vielleicht ist es ja das, was ich auch meine? Ich weiß es nicht. Aber das mit dem Mysterium mag ich. Vielleicht ist es nicht ein verstandesmäßiges Verstehen, das ich meinte, eher wohl ein Ahnen und Staunen. Oder so …

      Gefällt mir

  4. ich glaube, dass hier viel verwexelt wird- es gibt die allesumfassende Liebe in manchen Momenten des Lebens, das sind für mich ganz große Momente, die ich nie vergessen habe. Manchmal bezog sie sogar den Partner mit ein, aber an sich hat dies weder etwas mit dem Mann oder der Frau an meiner Seite zu tun oder mit meinen Kindern, sondern mit etwas, das größer ist … und ich meine jetzt nicht Gott, nicht Göttin! Für mich ist es wort- und namenlos. Dann gibt es die Liebe zwischen den Menschen und auch diese gestaltet sich unterschiedlich- eine Mutterliebe ist etwas gänzlich anderes als die zu einem Mann, Frau, die sich unter anderem aus dem gegenseitigen Begehren speist, Liebe zu einer Freundin, einem Freund ist wieder etwas anderes, darum finde ich, dass man nicht einfach so von DER Liebe reden kann, ich will dann wissen welche davon gemeint ist.
    An den Kindergeburtstag bei Knausgard erinnere ich mich noch richtig gut!

    Gefällt 3 Personen

    1. Ich meine weniger die Unterschiede der verschiedenen Liebesarten als die Qualität an sich. Dieses Übergeordnete. Zum einen sehne ich mich danach, weil ich es in Sternstunden, wie du, schon erlebt habe, zum andern ist es auch gut, ein Ja zur alltäglichen, subjektiven Form der Liebe zu finden, zu haben.
      Ein weites Gebiet das!
      Danke dir!

      Gefällt 2 Personen

    2. ja, es ist ein weites Feld, aber nach deiner Antwort jetzt verstehe ich dich nicht, was meinst du mit alltäglicher, subjektiver Liebe? Gefühle sind erst einmal subjektiv, ja, aber gleichzeitig sind sie es auch wieder ganz und gar nicht, wenn ich z.B. von einem Ärger schreibe, weisst du ganz genau was ich meine, so verhält es sich ja auch, wenn ich dir schreibe ich bin verliebt, ich habe Angst … du weisst es deswegen, weil du all das auch schon gefühlt hast- ich glaube nämlich, dass die Gefühle an sich nicht subjektiv sind, ihr Ausdruck aber individuell verschieden.

      liebe Grüss, jetzt wieder vom Berg
      Ulli

      Gefällt mir

    3. Ein Teil davon mag objektiv sein, allgemein, aber ein anderer Teil davon auch wieder nicht, der ist persönlich, subjektiv. Du kennst zwar Angst und Verliebtheit, aber dennoch ist deine Angst anders als meine, selbst wenn sie bei dir ähnliche körperliche Sensationen auslöst. Hm … ob du wohl weißt, was ich meine?
      Dein Grün siehst du anders als ich grün sehe. Man einigt sich gesellschaftlich auf Definitionen, aber innerhalb dieser ist alles subjektiv.

      Letztlich ist das nicht soo wichtig. Ich will nur sagen, dass ich mich mit der Liebe, zu der ich eben im Alltag fähig bin und die ich als sehr subjektiv empfinde, leben will und leben kann. 🙂

      Gefällt 1 Person

  5. „Die Tragik verschafft uns die schöne Illusion menschlicher Größe und damit Tröstung. Das Komische ist grausamer: es enthüllt uns brutal die allgemeine Belanglosigkeit. Ich vermute, dass alles Menschliche einen komischen Aspekt hat.“
    ―Milan Kundera
    Zitate und Aphorismen – http://gutezitate.com

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.