Zerrissenheiten

Vielleicht bin ich zu müde. Eigentlich sogar viel zu müde. Zum Bloggen. Für Denkarbeit, obwohl es im Grunde nie nicht denkt in mir. Und darum passt es perfekt zum Thema. Zum Titel oben.

Ja, zerrissen bin ich sehr oft. Leben in dieser Welt ist wohl nichts anderes als ein fortwährender Balanceakt zwischen – … hm … gute Frage. Zwischen?

Ein Seiltanz ohne Netz?

Wie Radfahren auf dem Deich, wie es Frau Rebis beschrieben hat, die zurzeit von Nord nach Süd auf der deutsch-deutschen Grenze radelt. Und bloggt. Mal Ex-DDR, mal Ex-BRD … immer hin und her.

Wie Leben.

Die eine Seite, auf der ich lebe, ist dieser ganz gewöhnliche, eher unspektakuläre Alltag, in dem ich mir mein Brot verdiene und mich davon ausruhe. Ich tue sehr oft Dinge, die ich mag, die, die kein Geld einbringen, mach ich besonders gerne, aber auch die andern sind ganz okay; ich tue sie, will heißen, ich arbeite, um Ende Monat das Dach über dem Kopf für den nächsten Monat zu bezahlen. Und die kranke Kasse. Und das Futter auf dem Tisch. Dazu immer mal wieder ein paar neue Bücher. Und Benzin fürs Auto. Und für den einen oder andern kleinen Luxus. Neben der Arbeit die sozialen Kontakte. Virtuelle über das große weltumspannende Netz und persönliche, also solche mit lebendigen, anfassbaren Menschen im richtigen Leben. Neben den sozialen Kontakten sind da noch die eigenen Projekte. Die Arbeit am Buch. Andere Texte, die ich schreibe, für und ohne Geld. Und Kunstzöix da und dort.

Auf der anderen Seite die Mitwelt, in der ich lebe. Und du auch. Diese große weite Welt. Diese schöne Welt. Diese schreckliche Welt. Diese Welt mit ihren Katastrophen. Mit ihren Kriegen. Ihren Flüchtlingen. Ihren Heimatlosen. Und hier ist sie: Meine ganz konkrete Hilflosigkeit, Zerrissenheit. Unklarheit. Mit all den Ideen, die ab und zu auftauchen: Könnte ich zum Beispiel Deutsch unterrichten? Könnte ich dies, könnte ich das? Nur eins: Viel spenden kann ich nicht.

Beim Einkaufen in der Stadt treffe ich ihn drei- oder gar viermal, den Mann, der neuerdings vor dem Coop Surprise – das Straßenmagazin verkauft. Seit ich nicht mehr mit dem Zug pendle, sehe ich die VerkäuferInnen kaum mehr. Ich kaufe darum ohne Zögern mal wieder das neueste Heft und fühle mich gut dabei. Ich habe mir und ihm einen Dienst getan. Mir habe ich eine sehr gute Zeitschrift gekauft. Und er hat die Hälfte vom Erlös, nämlich drei Franken, Taschengeld verdient. Obdachlose gibt es nicht nur in Griechenland immer mehr.

Wer das Buch mit Lebensgeschichten von Straßenmagazin-Verkaufenden per Crowdfunding unterstützen möchte, kann das gerne tun. → Hier gibts mehr Infos. ←

Wenn ich über all die Menschen nachdenke, die vom Leben an die Ränder der Gesellschaft gespült werden, sind es vor allem zwei Menschengruppen, die mein Herz besonders hastig poltern lassen. Es sind dies erstens die jungen Frauen, die fürs horizontale Gewerbe in unsere Länder geködert und gekarrt werden. Meistens mit riesigen Schulden, die sie niemals werden zurückzahlen können. Die Papiere bekommen sie erst wieder, wenn die Schulden bezahlt sind. Also nie. Die zweite Gruppe sind jene Menschen, die als moderne Sklaven, ähnlich den jungen Frauen, in unsere Länder geholt werden und ohne Rechte auf Baustellen und in Lagern und Fabriken arbeiten, ebenfalls mit immensen Schulden und ebenfalls ohne Papiere. Dazu in meist menschenunwürdigen Unterkünften.

Natürlich leide ich auch mit all jenen Menschen, die als BilligarbeiterInnen und SexsklavInnen in ihren Ländern ausgenützt werden. Extremst sogar. Und mit allen, die in ihren Ländern Krieg erleben müssen. Mit allen Unterdrückten. Warum es aber genau die vorher genannten Menschengruppen sind, die mich besonders beschäftigen? Vermutlich weil sie noch mehr als alle anderen Gefangene sind, denn sie haben nicht mal mehr ihre Heimat, ihre Familien, ihre Sprachen. Nichts mehr außer Schulden und Angst. Und wir, unsere Gesellschaft mit unserer Dekadenz und unserm Ruf nach „Immer mehr“, geben dieser Entwicklung Vorschub.  Auch „Immer billiger“ hat seinen Preis.

Mein Herz schmerzt ob des Leids dieser Menschen. Und ob meiner Zerrissenheit. Weil ich nicht weiß, wie ich mit all diesem Wissen überhaupt leben soll. Leben kann. Wie kann ich froh sein und über Alltägliches lachen, überhaupt alltäglich leben, wenn andere so verdammt leiden müssen?

Und ich tue es doch. Und ich vergesse sie ab und zu, diese anderen. Weil ich es nicht ertragen würde. Durchdrehen müsste ob des Irrsinns. Verdrängen und wegschauen, um mein Leben leben zu können. Im Hinschauen wegschauen. Irgendwie. Und im Wegschauen hinschauen. Es ist wohl dieses Wissen, dass alles verbunden ist, dass mich leiden lässt. Aber ich leide auch an meiner Hilflosigkeit. Was ich ein ziemlich sinnloses Leid, ein sehr egoistisches Leid finde, das ich am liebsten nicht wahrnehmen würde.

Keine Ahnung, warum ich das aufgeschrieben habe. Es wollte raus.