Erwartungen erfüllen?

Erwartungen anderer an mich müssen nicht erfüllt werden, steht schon über drei Jahre mit abwischbarem Stift auf meinem Kühlschrank. Kaum mehr lesbar. Meine Erwartungen an mich will ich immer wieder neu überprüfen. Steht eigentlich auch da, doch kaum mehr lesbar. Die Sätze sind damit für mich nicht weniger wahr geworden, obwohl ich sie oft vergesse.

Wie oft tappe ich in die Falle zu glauben, die anderen hätten irgendwelche Ansprüche darauf, dass ich ihren Erwartungen an mich gerecht werden müsste. Erwartungen, wohlverstanden. Ich spreche hier nicht von Pflichten.

Mein Schreibprogramm, Libreoffice, schlägt Ahnungen, Glauben, Meinungen, Annahmen als Synonyme für Erwartungen vor und zeigt mir damit, was ich schon ahnte: Erwartungen siedeln im Bereich des Irrationalen und drücken manchmal ganz schön auf die Brust. Mich engen sie meistens ein.

https://i2.wp.com/waslesen.ch/wp-content/uploads/2014/04/Lieben.jpgWie ich gestern, beim Lesen von Karl Ove Knausgårds Buch LIEBEN Seite um Seite über seine komplizierte Liebesbeziehung zu Linda las, musste ich immer wieder leer schlucken. Er erwartet von ihr, dass sie ihm Raum gibt. Sie erwartet von ihm, dass er ihr ganz nahe ist. Kann das gut gehen? Sie erwartet, dass er sie hält und unterstützt, da sie ihn doch so sehr braucht. Da sie doch immer wieder bipolaren Schwankungen ausgesetzt ist. Er erwartet, er hofft, dass sie ihn versteht. Sie hofft, dass er sie versteht. Ich leide, wenn ich das lese. Weil ich ähnliches in einer längst vergangenen Liebesbeziehung ebenfalls erlebt habe. Ich lebte damals sozusagen an Knausgårds Stelle und bin darum beim Lesen zuweilen richtig wütend auf Linda, die ihn so bedrängt. Aber da ich in meinem Leben ja ebenfalls schwere depressive Schübe hatte, kenne ich auch Lindas Verfassung. Diese Hoffnungs- und Perspektivelosigkeit, all diese Ängste, diese Panikschübe sind mir ebenfalls vertraut. Ich leide mit ihr. Ich leide mit ihm. Sehe keinen Ausweg für die beiden. Sie lieben sich und gehen doch zuweilen heftig aufeinander los. Ähnliches las ich heute auf Glumms Blog.

Erwartungen, wie ich sein sollte. Was ich tun sollte. Was ich denken sollte. Wozu ich in der Lage sein sollte. Was ich vermeiden sollte. Andere an mich. Ich an andere. Ich an mich.

Überall Erwartungen. Auch bei der Arbeit. Nein, dort sind es Erwartungen und Pflichten. Dass ich meine Arbeit gut mache, ist meine Pflicht. Aber dass ich immer wieder, wie er, über meine Kräftegrenzen gehe, ist keine Pflicht. Bestenfalls eine Erwartung meines Scheffs an mich. Trotzdem bin ich heute, weil das Fieber mich lahmlegte, nach Hause gegangen, nachdem ich alle an Termine gebundenen, heute notwendigen Aufgaben erledigt hatte. Lohnzahlungen auslösen – zum Beispiel – ist ja auch *hüstel* in meinem eigenen Interesse.

Erwartungen bewegen sich, wie gesagt, auf der irrationalen Ebene. Moralische Pflichten könnten wir sie möglicherweise auch nennen, denn zuweilen fühle ich mich von ihnen beinahe so in die Pflicht genommen wie von definierten, in Worten gefasste Pflichten.

Wie verhält sich Verpflichtung zu Solidarität − insbesondere in Freundschaften? Wo bleibe ich? Was kosten mein Nein und warum scheue ich diesen Preis zuweilen auf Kosten meiner eigenen körperlichen und seelischen Ressourcen? Was darf eine Freundschaft kosten? Dürfen andere/darf ich in einer Freundschaft überhaupt etwas erwarten, in einer Liebesbeziehung?

Gestern habe ich in meinem abendlichen Fieberdusel beim allabendlichen Telefongespräch mit Irgendlink, der schon bald am Nordkap ist, über Knausgård gesprochen. Habe dabei auf unsere Beziehung Bezug genommen. Was wäre wenn? Wie würde es uns gehen, wenn wir uns mit gegenseitigen Erwartungen beladen würden? Mache ich mir etwas vor, wenn ich glaube, keine Erwartungen an ihn zu haben? Kann ich überhaupt keine Erwartungen haben – an ihn, an mich, an andere Menschen, ans Leben?

Und wo, bitte schön, liebes Leben, ist die Grenze zwischen Vision und Erwartung?

Fiebrige Gedanken. Gedacht und geteilt. Gespannt, was sie mit euch, meinen Leserinnen und Lesern machen.

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9 Kommentare zu „Erwartungen erfüllen?“

  1. Und sei es die Erwartung, dass alles bleibt, wie es ist. Nein, aus der Nummer kommen wir alle nicht raus, fürchte ich. Aber das ist nicht schlimmes, weil wir in Beziehungen immer mit den Erwartungen von zwei Seiten zu tun haben, die diese Erwartungen transzendieren und zu einer gemeinsamen Erwartung der Freundschaft werden können. Nicht als dauerhafter Zustand, aber als Sammlung wertvoller Momente.
    „Wo bleibe ich?“ Halte ich deshalb für eine stets legitime Frage, um sich selbst verorten zu können, so lange man sie nicht obsessiv stellt, das ist Egoismus. Sie nie zu stellen ist auch Egoismus, dieser sich als Aufopferung tarnende Märtyrer-Egoismus. Sie anderen zu stellen hingegen ist meiner Erfahrung nach ein Symptom, dass etwas schief läuft in der Beziehung… Manchmal auch ein Macht-Instrument, um eine Grenze zu markieren, aber wenn man sie anwenden muss, spricht das nicht unbedingt für den so Vor-den-Kopf-Gestoßenen. Aber bei letztem Gedanken bin ich zu befangen, als dass ich das als Wahrheit hinstellen wollte.

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    1. Sich als Aufopferung tarnende Märtyrer-Egoismus – das ist eine tolle Umschreibung des klammernden HelferInnensyndroms.
      Nur: es ist so verdammt schwer, zu wissen, warum ein anderer Mensch wirklich so handelt. Ich kann es letztlich ja immer nur bei mir anschauen und bestenfalls etwas verändern. Meine Wut auf klammernde Menschen hat klar mit meiner Geschichte zu tun. Andere finden vielleicht die Haltung eines Menschen, der Freiraum braucht, schrecklich. So oder so sind wir Gefangene unserer Prägungen, Erfahrungen und Wertvorstellungen. Aber in dieser Gefangenschaft drin haben wir doch die eine oder andere Möglichkeit. Immerhin.

      Ich danke dir für deine Ergänzungen.

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  2. …wenn aus Möglichkeiten Erwartungen werden… Steht man sich selbst auf den Füßen und wird sich selbst und Anderen zum Hindernis
    Wenn man sich allerdings seiner Erwartungen nicht klar ist und diese dadurch auch nicht mitteilt, verhindert man Möglichkeiten, für sich und für andere…

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    1. Das ist dann wohl der Unterschied zwischen Möglichkeiten und Erwartungen.
      Doch bei beidem ist die Kommunikation ein entscheidender Schlüssel.

      Schön, dich hier zu lesen! Willkommen und auf Wiederlesen.

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  3. ja, es ist eine Krux mit den Erwartungen versus Bedürfnissen- wenn ich ein Bedürfnis teile, kann die/der andere als Erwartung aufnehmen oder eben nur mein Bedürfnis wahrnehmen und sich dann dabei aber frei frühlen meinen bedürfnis zu folgen oder mit dem eigenen zu bleiben- ich glaube so lässt es sich ganz gut leben, im Gegensatz zum Rumgezubbel und Gezerre am anderen-
    allerdings glaube ich auch, dass wir nie ganz frei von Erwartungen werden, zumnidest nicht so schnell, dass es eine weitere Lebensaufgabe ist sie klein zu halten, bzw. sie zu untersuchen, was daran echtes Bedürfnis ist.

    ich wünsche dir eine gute Besserung, mehr kann ich gerade nicht dazu schreiben, da ich mal wieder in einem Zuviel hänge und immer dann gehen mir auch die Worte aus- du kennst mich …

    liebe Grüsse
    Ulli

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    1. Zu den Möglichkeiten die Bedürfnisse, ja, die auch noch. Und auch sie stehen in Bezug zu den Erwartungen, wie du es treffend illustrierst.
      Danke dir – im Zuviel das Wenige, die Ruhe, die Insel, die Pause finden: Das wünsch ich dir.

      Herzlichst Soso

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    2. Ich denke: wir alle haben Möglichkeiten, Bedürfnisse, Erwartungen, Pflichten, Vorstellungen, Hoffnungen, Sehnsüchte…
      und dies ist auch so in Ordnung und unvermeidlich. Es hätte also auch keinen Sinn dagegen… Sich auflehnen zu wollen, Sich verändern oder gar beschneiden zu wollen.
      Was aber zur Klarheit gehört, diese Gefühle und Gedanken haben nur etwas mit mir persönlich zu tun es sind meine! Erwartungen usw.
      Schwierig wird es dann, wenn ich diese Faktoren auf einen gegenüber projeziere…dem ich dann eine, wie auch immer geartete, Erfüllung abverlange

      * mir! Klar werden was ich! Möchte
      * mich mitteilen
      *Und dann: bei mir bleiben!
      Ich empfehle in diesem Sinne:the work of Byron Katie

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    3. Oh, hab ich erst in Gedanken geantwortet, liebe Traumspruch. Verzeih. Ja, the Work kenn ich auch ein wenig, eher theoretisch als praktisch, weiß zumindest, dass es ein sehr effektives Werkzeug zur Selbstreflexion ist.

      Was du schreibst über die Projektion finde ich auch das Schwierigste im ganzen Umfeld von Erwartungen. Sie ist Chance und Falle zugleich. Wenn wir die Rückkoppelung zu uns schaffen, wird das Thema Erwartung auf einmal sehr persönlich.
      Danke dir!

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