Respekt und so Sachen

Ich habe Respekt vor Menschen, die in größeren Zusammenhängen denken können. Frau Meike zum Beispiel. Diesen Artikel gestern, den ich auf Twitter verlinkt habe, müsste Pflichtlektüre sein.

Bitte lies ihn: Die Enden der Skala (hier klicken). Wie Übervölkerung Seximus auslösen kann und zu kurzes Denken und Fehlinformationen uns in eine Einbahnstraße führen, aus der es vielleicht kein Zurück mehr gibt.

Auf dem Weg zur Arbeit denke ich über diesen Text nach. Denke darüber nach, dass und wie wir Menschen uns vielleicht eines Tages selbst ausrotten. Weil es noch nicht mal mit dem Umdenken klappt, geschweige denn mit dem Umhandeln. Unser Körper, so sinniere ich unterwegs, unser aller gemeinsamer Körper ist die Erde. Oder unsere Mutterbrust. Aber so wie wir damit schindludern, nun ja … ihr wisst es selbst.

Tendenziell verliere ich ob all des Schrecklichen, das ich um mich herum und in der Welt wahrnehme, den Blick für das Gute, für die Details, für die Schönheit. Aber nein, das kann es auch nicht wirklich sein, denn das fördert ja meine Absicht, die Mitwelt zu einem besseren, lebenswertvolleren Ort zu machen, auch nicht.

Vollgepackt mit Post aus dem Kasten, öffne ich die Schulhaustüre. Ein paar Kinder sitzen an den Tischen im offenen Foyer und scherzen miteinander. Einige brüten über Heften, einige grüßen mich.

Respekt!, denke ich. Wie es der Welt geht, wie es unseren Mitmenschen geht, wie es mir selbst geht, hängt davon ab, wie viel Respekt ich-du-er-sie-es von den andern bekomme/bekommt und diesen entgegenzubringen fähig ist.

Doch wie bringt man einem Kind Respekt bei?, frage ich mich, während ich die Bürotür aufschließe. Manche haben ihn, manche nicht. Respekt kommt von Rücksicht und äußert sich darin, dass wir unsere Mitmenschen und unsere Mitwelt aufmerksam wahrnehmen und behandeln, freundlich mit allen umgehen, aufrichtig sind und aufmerksam sind auf deren Bedürfnisse und deren Belastungsgrenzen. Und dass wir uns unseres Handelns im Kontext mit unseren Mitmenschen und unserer Mitwelt, dass wir uns der Wechselwirkungen bewusst sind. Mit uns selbst mit drin, denn Respekt fängt bei mir an. Schließt mich ein. Ich bin Teil meiner Mitwelt.

Wechselwirkungen also, mich als Teil des Ganzen wahrnehmen, wissen. Das kann aber nur funktionieren, wenn alle mitmachen. Oder viele. Wenn viele in großen Zusammenhängen denken. Wenn viele Verantwortung übernehmen.

Demokratie gut und schön, aber nicht immer handelt die Mehrheit richtig. Nicht, wenn sie gleichgültig geworden ist, nicht, wenn sie verstummt ist und wegschaut. Nicht, wenn sie Affe spielt – Siehtnix, Hörtnix, Sagtnix.

Bevor ich ins Büro gefahren bin, war ich zuerst für eine Stunde im Chefbüro im Nachbarort – den Chef bei seiner Abschlussarbeit für die Weiterbildung coachen. Sein Büro ist auch in einer Schule, einer Grundschule. Wie ich vom Parkplatz zum Büro gehe, höre ich hinter mir die Stimme eines Mädchens, eine singende, eine glücklich singende Stimme. Ich drehe leicht den Kopf und sehe sie. Vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Mit dem Trottinett auf dem Weg zum Kindergarten. Selbstversunken. Eins mit sich und der ganzen Welt. Ich gestehe, dass ich sie um ihre Leichtigkeit beneidet habe. Und ich habe ihr ganz fest gewünscht, dass sie sich viel davon bewahren kann. Dass sie ihr Lied nie verliert, und nie die Lebensfreude. Aber dass sie Verantwortung übernimmt. Dass sie mitfühlt und mitdenkt. Und dass sie in Zusammenhängen denken lernt.

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