Anders fasten

Vor zwei Tagen habe ich bei Frau Rebis gelesen, wie wichtig es ist, nicht zu erstarren ob all des Umbruchs um uns herum.

„Doch, ja, wir leben hier weiter. […] sind viel bewusster als sonst dankbar für das, was wir haben, gestalten unsere Tage bunt und farbenreich, begegnen einander. Und das alles ist wichtig. Sich der Lähmung nicht hingeben. Und sich um sich selbst kümmern, scheinen die Befindlichkeiten noch so nichtig zu sein. Wenn ich selbst nicht hell bleibe, kann ich nicht nach außen strahlen. Niemandem würde das nützen.“

Quelle: gestreift-beruehrt-geteilt.blogspot.de

Sie hat so recht.

Ich neige zu Extremen. Erstarre ich nicht, verliere ich mich dafür in höchst leidenschaftlichen Aktionismus. Mache dies, mache das, will und will die Welt noch immer retten und merke dabei kaum, wie ich mich immer näher an ein Ich-kann-nicht-mehr manövriere. Mein Körper sagt schon seit Tagen – seit Wochen, wäre ich ehrlich – dass ich ruhiger treten soll. Ein Fieberfeuer bremst mich aus und die Ärztin schreibt mich krank. Die ganze Woche soll ich mich auskurieren.

Ich neige zu Extremen. Ich gebe mich mit Haut und Haar hin. Ganz oder gar nicht. Obwohl ich so viel Lauwarmes in meinem Leben kenne. Tue. Habe. Ambivalenzen überall.

Tagelang habe ich alles über die Flüchtenden aus Syrien gelesen. Kaum etwas anderes gedacht und gefühlt. Mich erinnert an die Zeit, als ich im Flüchtlingszentrum gearbeitet habe. An die Gespräche mit den Geflüchteten. An ihre Erfahrungen. Und schließlich räume ich im Fieberrausch meine Schränke aus. Verpacke. Liefere ab. Spende. Überlege, im Dorf eine Hilfsmittelsammlung anzuleiern. Oder zumindest im Haus. Oder doch nicht. Und ich lese auf Twitter, was andere tun. Was andere können. Was andere schaffen. Wo Hilfe nötig ist. Was schon erreicht wurde. Und ich lese auch auf FB. Ich teile da und dort. Retweete. Verlinke. Vernetze. Und ich leide. Ich leide mit. ich leide körperlich. Ich bin, so scheint es mir jetzt, wieder einmal besessen vom Leid anderer, weil ich es lösen möchte und nicht kann. Und weil es mir das eigene Leid erträglicher macht.

Doch auf einmal geht gar nichts mehr. Wie ein Ballon mit Loch sacke ich in mir zusammen.

Hochsensibilität ist Segen und Fluch. Ich sehe und nehme wahr, was andere nicht sehen und spüren. Aber ich kann so verdammt schlecht priorisieren, kann mich schlecht abgrenzen, bewerte alles gleich wichtig. Was es im Grunde ja auch ist. Weil jeder Mensch gleich wichtig ist.

Heute aber, heute – morgen vielleicht auch und vielleicht die ganze Woche? – heute faste ich Nachrichten, Krautreporter, Twitter, FB und Co.. Nennt mich egoistisch. Egal.

***

Und ganz allmählich tauchen wieder eigene Wörter auf. Und ich verstehe: Mich interessiert nicht das Abbild, sondern die Interpretation. Dieses Da. Dieses Jetzt.

Eine Geschichte ist das, was bleibt, wenn der Wasserstand sinkt. Das Schwere. Die Schicht da, die Insel, die sich nicht wegspülen lässt. Wörter sind Sandkörner. Erdklumpen die Sätze.

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14 Kommentare zu „Anders fasten“

  1. Gute Besserung wünsch ich Dir.

    Mein „Vorteil“: Ich habe Übung, viel Übung im Ausblenden/Verdrängen … Aber irgendwann ist’s auch bei mir zuviel und ich werde krank. Allerdings faste ich nicht Twitter. Und fb hab ich aus genau diesem Grund verlassen …

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  2. Ach Du, es fühlt sich aus der Ferne genau richtig an, dass Du Dich Dir selbst zuwendest. Das ist doch kein Egoismue … Heil bleiben oder werden, den Brunnen in sich nicht leerlaufen lassen, die Essenz schöpfen, und diese dann teilen. Nur so.
    Es ist zuviel derzeit an Fakten, die sich immer wieder gleichen. Alles ¨wissen¨ zu wollen, das ist ein Im-Kreis-drehen zwischen immer wieder den gleichen Emotionen, HIlflosgkeiten, Empörungen, Berührtheiten auch. Wenn man nur beim Drehen nicht den eigenen Stand verliert …
    Wir haben hier mit den Kindern nur ein bisschen was gepackt bisher, werden das Tag für Tag fortsetzen. Und die Form, in der ich mich am Helfen beteiligen möchte – außer den Sachen, reift allmählich in mir. Gut, dass noch Ferien sind, so kann ich mich noch um einen Anfang kümmern, ohne dass ich aus dem Alltag torpediert werde.
    Und Du werd bitte gesund. Lass Dich von Deinem Körper ganz sanft an die Hand nehmen – der weiß, wo es lang geht.
    Fühl Dich mit guten Gedanken begleitet, Uta

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    1. Du Liebe, ja – den Brunnen nicht leerlaufen lassen. Wieder an der Quelle sitzen. Danke, das ist ein sehr nährendes Bild.
      Ich bin auf und über deine Pläne und Idee der Hilfe gespannt – möglicherweise lasse ich mich anstecken/einspannen?

      Danke dir für die guten Wünsche. Ich hoffe, es geht. Bin im Bett und pflege mich gesund. Und heute kommt ja endlich nach 2,5 Monaten mein Nordkap-Medizinmann her und wird mir sicher auch gut und Gutes tun.
      Herzlichst, Soso

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