Zusammensetzen

Die Neuen Alten. Gib’s zu, das wäre doch eine schöne Schublade für Menschen wie mich.

Dass die Schublade einen Henkel hat, merkt man erst, wenn er abbricht.

Manchmal überkommt mich pure Verzweiflung darüber, dass ich in der Trivialität der Themen meiner Mitmenschen keinen Ankerplatz finde.

Ankern zu können wäre so beruhigend.
Ankern an einer pseudosicherheitvorgaukelnden Boje.

Wie sehne ich mich danach, all dieses Gelabber, all diese Leerläufe abzustreifen wie eine Schlange ihre Haut.

Und nicht mehr besessen Besitz zu besitzen.
Was brauche ich wirklich?

Frei zu sein von Hab. Und gut ist.

Rein sein wollen, diese Sehnsucht.

Mehr im Weniger finden.
+  Vertrauen.
++  Trauen.
+++  Mir.
++++  Mich.
+++++  Dem Leben.

Weil das Leben keine Performance ist. Bestenfalls eine Illusion. Oder schlimmstenfalls.

Statt sesshaft zu sein nur noch sein zu wollen.
Nomadisch leben als Möglichkeit zu betrachten.
Und meine Sesshaftigkeit zu hinterfragen.
Sicherheit im Unsicheren zu ahnen.

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Inspiriert zum Nomadinnentum hat mich Michelle, deren Blog ich heute dank Emil entdeckt habe.

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7 Kommentare zu „Zusammensetzen“

  1. „… besessen Besitz zu besitzen …“ — das rührt etwas an in mir. Aber das, was ich noch habe, habe ich oft nur wegen der damit verbundenen Erinnerungen. Auch wenn die Dinge im Schrank liegen und nur sehr, seeeeeeeeeehr selten hervorgeholt werden. Kleidung zum Beispiel, die aus meinem früheren/anderen Leben stammt, ein Rechenschieber, Kameras …

    Von Büchern allerdings muß ich mich jetzt trennen, von den vielen zugelaufenen Büchern. Es ist einfach kein Platz mehr vorhanden für sie.

    Und beim Papier muß ich weitermachen mit dem Einscannen und Entsorgen.

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    Ankern kanst Du doch, mehr als ich (glaube ich), denn da ist Dein Herzmensch, oder? Oder verstehe ich das falsch und Du suchst einen Anker eher in Deinem alltäglichen Umfeld; eine beste Freundin unter Deinen Kolleginnen oder Nachbarn vielleicht?

    Und: die Neuen Alten … nein, finde ich nicht gut. Die neuen weisen Menschen gefiele mir besser — weil Alter sooooo relativ ist.

    Michelle übrigens habe ich 2007/8 schon auf Myspace gefunden. Faszinierend, stimmts? Aber für mich wäre ein solches Leben unmöglich, dazu bin ich zu sehr DDR-Bürger gewesen und geblieben (Sicherheit, soziale und finanzielle Sicherheit, Solidarität, Gerechtigkeit usw.).

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    1. Jaaa, die zwei Herzen in meiner Brust. Das eine gehört der Nomadin, die nichts besitzen will und es verurteilt das andere, das einer Sesshaften gehört, die gerne HAT. Die gerne besitzt. Die hortet und hütet. Nicht messiehaft, aber so ähnlich wie du: Die Dinge und ihre Erinnerungen. Die beiden Herzen sind sich uneins. Das Nomadinnenherz will Reinheit und sehnt sich nach Freiheit. Das andere sagt: Du wieder, lass mich in Ruhe. Ich will einfach nur Ruhe. Und dann, das dritte, Bauch-Hirn-Ding vermutlich, sagt: Beides geht nicht. Macht aber genau das und von daher rührt eine latente Unzufriedenheit, die ich wieder vermehrt wahrnehme.

      Hafen im Sinne von Beziehung und Freundschaften: Ja, das habe ich. Aber wenn ich in die unmittelbare Welt gucke (noch nicht mal bei der Arbeit, eher so Nachbarschaft, Dorf, Menschen), ist da so viel Blablabla, das mich so was von gar nicht nährt.

      Solidarität und Gerechtigkeit sind auch meine Themen; Sicherheit stelle ich je länger je mehr in Frage – wie viel Sicherheit gibt es wirklich?

      Mich von Büchern trennen tu ich auch von Zeit zu Zeit, aber es gibt viele, die da bleiben dürfen. 🙂

      Ich kaufe allerdings nur noch selten neue, leihe eher, kaufe eBooks etc.

      Danke dir!

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  2. Dein Beitrag löste in mir ähnliche Gefühle aus wie Hannes Wader, wenn ich „Heute hier, morgen dort“ höre. Geistige Vagabunden würde ich es nennen, wenn ich hier und da dabei stehe, mich unterhalte oder wie zufällig zuhöre, mich aber im Alltäglichen, dem „Wie geht’s?“ und „Der Urlaub war schön“ stets abseits wähne. Ich habe bei solchen Gesprächen immer das Gefühl, es werden Geräusche produziert, die nach Worten klingen, weil die Stille viel zu häufig als Belastung empfunden wird… Oder weil man sich nicht traut, Dinge von Bedeutung auszusprechen. Die eigenen Gedanken gehen mit der Welt nicht kongruent, aber man bekommt die Welt nicht gebogen, dass sie kongruent wird. Und so wandert der Geist immer weiter, macht hier Pause, mischt sich dort in ein Hespräch, ist aber im nächsten Moment, für die anderen unbemerkt schon weiter gehuscht, auf der Suche nach etwas, das er womöglich nicht kennt.
    Ich denke, es geht nur das eine oder das andere. Wer geistig vagabundiert ohne untergehen zu wollen, der braucht materielle Haltepunkte … Wer körperlich vagabundiert, muss seinem Geist einen festen Anker geben und ihm das Vagabundieren untersagen, sondern ihn als seinen Anker betrachten. Beides zusammen funktioniert nicht.

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    1. Der Gedanke, dass wohl nur das eine oder andere gehe, fasziniert mich grad. Ich bin ja der Sowohl-als-auch-Menschentyp und glaube immer, alles unter einen Hut zu bekommen. Oder bekommen zu müssen. Aber da ich einen vagabundierenden Geist habe, ist wohl die Sesshaftigkeit, nach deiner These, für mich sehr wichtig. Ich neige dazu, deine These – aus eigener Erfahrung – zu unterschreiben. Dem Geist das Vagabundieren untersagen ist nämlich definitiv keine Option für mich.

      Die Stille mit Geräuschen erträglich zu machen – etwas, das ich auch sehr oft beobachte. Ja, genau.

      Danke für deine Inputs!

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    2. Der Gedanke, dass wohl nur das eine oder­ andere gehe, fasziniert mich grad. Ich ­bin ja der Sowohl-als-auch-Menschentyp u­nd glaube immer, alles unter einen Hut z­u bekommen. Oder bekommen zu müssen. Abe­r da ich einen vagabundierenden Geist ha­be, ist wohl die Sesshaftigkeit, nach de­iner These, für mich sehr wichtig. Ich n­eige dazu, deine These – aus eigener Erf­ahrung – zu unterschreiben. Dem Geist da­s Vagabundieren untersagen ist nämlich d­efinitiv keine Option für mich.

      Die Stille mit Geräuschen erträglich zu ­machen – etwas, das ich auch sehr oft be­obachte. Ja, genau.

      Danke für deine Inputs!­

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  3. Danke für diese Worte. Was mich gerade zu diesen Stichworten beschäftigt: Es gehört selbst dann manchmal Mut dazu, etwas loszulassen, wenn sich sicher zu sein glaubt, es nicht mehr zu wollen. Bei mir entsteht manchmal die Angst, dass, wenn ich alles ziehen lassen würde – auch alle Menschen, deren Worte mir nichts sagen – vielleicht irgendwann nichts mehr bleibt. Umgestaltung ist manchmal eine überraschend gute Lösung: Anders in Gespräche gehen, herauslocken, was mich interessiert… aber leider auch nicht immer. Wir Menschen sind ja oft einfach, wie wir sind 😉

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    1. Diese Angst vor dem Nichts-mehr (vor allem keine Menschen mehr) hatte ich damals sehr konkret, in meiner schlimmsten Lebenskrise.

      Gerade heute, im Gespräch mit dem Liebsten, haben wir über Umgestaltung gesprochen. Die Perspektive verändern kann Wunder wirken. Auch mich wertfrei betrachten, statt für mein Unvermögen zu verurteilen zum Beispiel.

      Danke dir.

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