Zwiespältig

Wie so oft, schaffe ich es nicht, pünktlich aus dem Haus zu gehen. Es ist bereits wieder zehn nach neun Uhr, wie ich heute Morgen das Büro betrete. Macht aber nichts. Ich erlaube mir das, zumal ich ja auch selten exakt Punkt sowieso das Büro wieder verlasse. Und wenn jemand angerufen haben sollte zwischen neun Uhr und zehn nach neun hat sie eben Pech gehabt und das Band volltexten müssen. Schließlich bin ich keine Maschine. Und heute Morgen hat mal wieder alles länger gedauert. Vor allem das twitterlesen. Kann ich doch nichts dafür.

Außerdem hatte ich wieder so eine seltsame Nacht, in der ich weder schlief noch wach gewesen war. Gedanken blitzten durch den Kopf, auch wenn es kein wirkliches Nachdenken war. Eher ein Zuschauen. So sah ich das Buch vor mir, das ich für meine Zeitschrift besprechen muss darf muss. Eigentlich ein spannendes Thema, das mich hautnah betrifft: Die Wechseljahre. Aus ganzheitlicher Sicht. Vieles, was die Autorin schreibt, ist wirklich sehr toll. Aber ein paar Sachen darin mag ich nicht. Was überwiegt, weiß ich noch nicht.

Was ich nicht mag? Das Frauenbild, das die Autorin vermittelt. Die Doppelbotschaft ist es, die ich nicht mag. Zum einen höre ich sie schreiben: Hey, Frauen, jetzt kommt endlich die Zeit, wo wir uns nicht mehr anpassen müssen, wo wir endlich zu uns selbst schauen können, wo wir wirklich die sein und werden können, die wir sein und werden wollten! Legt los! Zum andern steht da über Haare färben und das Grau nun wirklich gar nicht geht (wörtlich!). Ich lese über all die Salben, die die reife Haut jetzt braucht, über die richtigen Kuren, die uns dabei helfen schlank zu werden und sexy zu bleiben. Halt so Quatsch wie in Frauenhochglanzmagazinen, nur ein bisschen auf spirituell getuned. Außerdem ist mir die Sprache für die teils doch recht sensiblen Inhalte zu salopp. Das kommt bei mir anbiedernd an. Vermutlich will die Autorin jene Frauengruppe anzusprechen, die eben noch nicht Was-auch-immer ist. Erlaucht oder so.

Doppelbotschaften mag ich eh nicht. Vermutlich weil ich mich in ihnen erkenne. Weil das ganze Leben aus Doppelbotschaften besteht. Weil das ganze Leben eine einzige große Ambivalenz ist.

Am Mittag Feierabend. Wochenende. Finitolavoro. Zuhause erwartet mich das neue A-Bulletin, eine tolle, autonome Schweizer Zeitschrift, die es nur gedruckt gibt. Darin wird aus einem Interview von Jens Wernicke mit Fabian Scheidler zitiert (Zum Interview geht’s hier lang). Der Titel spricht mich schon mal sehr an: Die globale Ordnung zerbricht. Das teilweise abgedruckte Gespräch dreht sich um Scheidlers Buch. Auch dessen Titel macht mich neugierig: Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation. Ich lese gebannt über die Ursachen der aktuellen Misere.

Ja, klar, das geht weit zurück. Die Misere ist nicht neu. Ich nicke beim Lesen vor mich hin und auf einmal ist der Gedanken wieder da, der in der letzten Zeit immer hartnäckiger an mir nagt. Die Sache mit dem ersten geworfenen Stein. Mit der Wut, die sich verlagert. Mit all den unlösbaren Dingen. Wie im Film, den ich gestern geschaut habe: Eine junge Muslima will in einem freien deutschen Gymnasium ihren Glauben praktizieren und stößt damit an – trotz der in der Klasse und Schule gelebten Toleranz. (Die Neue, zdf-mediathek)

Mag sein, dass ich jetzt ein bisschen zu weit aushole, wenn ich jetzt oben drauf noch Liza Marklund zitiere.

Zitat aus Paradies. Roman von Liza Marklund.
Zitat aus Paradies. Roman von Liza Marklund.

Was ich sagen will? Es ist der Einzelne, der das Gift in sich trägt. Die Gesellschaft – ob nun kommunistisch oder kapitalistisch, ob religiös oder atheistisch – ist nur immer eine Erweiterung des Einzelnen. Gut, bewusst, klar und nicht korrupt zu leben ist schwerer als unbewusst, achtlos, gleichgültig.

Shit happens.
Ordnung muss man selber machen.

Ich sehe es bei mir. Eigentlich will ich so und so, lebe aber so und so. Schließe halbherzige Kompromisse, weil ich da und dort für dies und das zu faul bin. Wer unter euch nicht, werfe das erste Wort. Es ist wie bei meiner Pyjamahose. Der Stoff über den beiden Knien ist zerrissen. Zigmal geflickt, denn immer wieder reißt der Stoff von Neuem ein.

Wenn ich versuche, in der einen Ecke meines Lebens konsequent und klar zu sein, reiße ich an anderen Ecken Löcher. Ich verlagere. Ich verschiebe. Ich schichte um.

Die Ordnung zerbricht.
Und dann?

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8 Kommentare zu „Zwiespältig“

  1. Die Ordnung zerbricht.
    Und dann? – Und dann ist Raum fürs Neue, das ja schon in vielen Köpfen existiert und von einigen gelebt wird- ich sag nur Allgemeinwohlökonomie, zum Beispiel. Es gibt so unglaublich viele Ideen und ihre Umsetzungen, aber darüber wird nur selten berichtet, da braucht man „Beziehungen“ 😉

    So, wie du das Buch zu den Wexeljahren beschreibst, möchte ich es erst gar nicht lesen, was aber stimmt, ist, dass dann viele Frauen endlich beginnen sich selbst zu bestimmen, andere werden depressiv, sollte auch gesagt werden, finde ich!

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  2. Anarchie … War vor der Ordnung, kommt nach der Ordnung, ist eine besondere/andere Art von Ordnung.

    Warum Männer in Büchern über Wechseljahre nie vorkommen, ist mir als akut Betroffenem ein echtes Rätsel.

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  3. „Die Gesellschaft ist immer nur eine Erweiterung des Einzelnen. Gut, bewusst, klar und nicht korrupt zu leben ist schwerer als unbewusst, achtlos, gleichgültig.“
    Ich möchte mir diese sehr weisen Sätze einfach mitnehmen. Um meine Pyjamahose da und dort wieder mal zu flicken. Nur für mich Einzelne kann ich den Weg wählen. Und wenn er auch Flickwerk ist …
    Ist die Menschheit nicht bis vor kurzem immer nur in ausgebesserten Kleidern gegangen? Dass alle Kleidung nietnagelneu ist, das ist doch neu, in der Weltheitsgeschichte. Und vielleicht nicht lebbar, auf Dauer, so als Welt gesehen.
    Vielleicht ist eine Nicht-Ordnung das Normale?

    Ich sende Dir einen Herzensgruß, Du Liebe!

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