Die Sache mit der Zufriedenheit

Süße neunzehn war sie, als sie heiraten musste. Jung war sie damals, jung und unschuldig, Und ohne die Möglichkeit, mitzubestimmen. Wie das damals, Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts, in Anatolien zumal, noch üblich war. Und, wer weiß, vielleicht heute noch praktiziert wird. Zwei Jahre später zog das Paar in die Schweiz. Und drei Jahre später kam der Sohn zur Welt. Während sie mir ihre Lebensgeschichte erzählt, ertappe ich mich beim Rechnen. Kann das sein? Sie sieht noch so jung aus. Nach fünf Jahren hat sie ihren Mann verlassen. Ich gestehe, dass ich nicht immer alles auf Anhieb richtig verstehe. Ihr Deutsch ist schlecht. Meint sie nach fünf Jahren in der Schweiz oder meint sie nach fünf Ehejahren? Beides ist möglich. Und wie bei vielem verstehe ich ja doch immer nur einen Bruchteil und verstehe vor allem nicht, wie sie sich in der Schweiz zurecht findet. Zurecht gefunden hat. Nur gerade elf Jahre ihrer Lebenszeit hat sie weniger in diesem Land hier verbracht. Und doch … Ich versuche mir, sie mir als junge Frau vorzustellen. Wie eine Elfe sieht sie aus, klein und zierlich, mit langen hellen Haaren, blond oder weiß. Ein zartes, liebes Gesicht hat sie, das sich etwas kindliches bewahrt hat. Trotz allem.

Eine Muss-Heirat sei es gewesen, doch sie habe sich befreit. Nicht gut sei das gewesen, mit diesem Mann, sagt sie. Und nun ist ihr Sohn schon fünf Jahre tot. Als Einundreißigjähriger ist er plötzlich gestorben. Das Herz. Sie weint ein bisschen und ich sage, dass ich sie verstehe. Sage: Auch mein Sohn ist gestorben. Als ob das trösten könnte. Aber verbünden tut es, ja, das schon. Ein wenig jedenfalls. Und wir weinen ein bisschen miteinander, aus sicherer Distanz, denn um sie in den Arm zu nehmen, bin ich zu schüchtern.

Das hier, sie zeigt aus dem Fenster, das hier sei ihre Heimat. Sie sei zufrieden, auch wenn sie nicht viel Geld verdiene. Doch mehr brauche sie nicht. Gott hilft ihr, hört und tröstet sie und ja, auch die Schutzengel helfen ihr, sagt sie. Und dann gesteht sie, ein klein wenig verschämt, dass sie sich oft frage, wozu sie eigentlich lebe. Ich sage, weil du ein Lachen zu verschenken hast. Immer wenn ich dich sehe, leuchtest du.

Sie sei eben zufrieden und ich höre das Wort Frieden heraus. Man brauche ja nicht viel zum Leben. Besser als sich grämen oder kämpfen und sich Sorgen machen. Das brauche viel zu viel Kraft. Lieber bleibe sie ruhig, erzähle Gott ihre Sorgen und sei zufrieden. Sie ringt nach Worten. Neununddreißig Jahre lebt sie nun in der Schweiz. Auch wenn sie die Sprache nicht wirklich beherrscht, kann sie sich wunderbar ausdrücken. Sie spricht die universellste aller Sprachen, die des Herzens. Sie strahlt. Nun lachen wir.

Ob sie sieht, dass wir auf gleicher Augenhöhe leben, sie, die Putzfrau, und ich, die Schulsekretärin? Auch wenn sie steht und ich auf dem bequemen Bürostuhl sitze.

Weil wir einfach Menschen sind; sie mit einundsechzig, ich mit fünfzig Jahren Lebenserfahrung im Rucksack.

Auf einmal bin ich ganz ruhig – das Gefühl von Hektik, Hetze, Stress, das schon viel zu lange an mir klebt, fällt von mir ab. Zwar muss ich noch vieles tun (muss ich?), doch ich tue es – nachdem sie gegangen ist und meinen Abfall und mein Altpapier mitgenommen hat – auf einmal ein klitzeklein bisschen anders als vorher. Mit einem anderen Blick auf die Dinge, ihr Wesen und ihre Notwendigkeit.

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22 Kommentare zu „Die Sache mit der Zufriedenheit“

    1. Ich habe diesen Satz in vor Jahrzehnten gelesen und anfangs gar nicht verstanden. Ich weiß nicht mal mehr, wo ich ihn in der Zeit vor dem Internet gelesen haben. Aber ich habe ihn mir an einen sichtbaren Ort auf einem Zettelchen geklebt, damit ich ihn immer wieder lese, um ihn zu verstehen. Junge Jahre meint Pubertät.

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    1. extrem tolle Bilder zeigst du auf Instagramm- ich kann mich da nicht abmelden, geht ja nur mit app und ich nix app und wird mir auch zuviel, ich zwitschere ja auch so gut wie, aber ich guck dann ab und an mal vorbei …

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    2. -m- ich schau noch mal … bin ja doch schon länger neugierig … aber jetzt heisst es Novemberschreiben und in diesem Fall gibt es viel sowohl-als-auch, aber mit Grenzen.
      ich wünsche dir einen wunderbaren Tag mit leichtem Gang

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    1. Doch, ist er. Neue KommentatorInnen-Kommentare erscheinen erst, nachdem ich sie freigeschaltet habe. Darum erschien er nicht sofort. Habe deine zwei gelassen, weil ich den Satz so mag. 😀

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  1. Liebe Sofasofia! Diese Geschichte, die mich bewegt, lasse ich noch ein wenig sacken. Eins aber weiss ich: Zufriedenheit geht, natürlich, und hilft sicher in manchen Situationen eine Zeit lang. Sehnsüchte sind aber besser, viel besser, finde ich. Liebe Grüße Juergen

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    1. Und ich lasse deinen Gedanken und die darin implizierte Frage sacken, was ich lieber mag: Zufriedenheit oder Sehnsucht. Und ob es vielleicht zweierlei Menschen gibt. Oder in mir diese zwei Seelen, die beides mögen, und darin in sich nicht kompatibel sein können. Oder so. Widersprüche. Dann wohl doch die Sehnsucht? Eine nach Zufriedenheit ist auch dabei …

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    2. Die Zufriedenheit enthält Momente des Stillstandes, ebenso wie Momente des Bewahrens. Die Sehnsucht, wird sie gelebt, will Veränderung. Es stimmt: Besser, schlechter, wer weiss das schon. Aber die Veränderung, das sich persönlich entwickeln, liegt mir persönlich näher. Daher „besser“.
      Liebe Grüße

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