Vielerlei Sehnen

Zufriedenheit geht, natürlich, und hilft sicher in manchen Situationen eine Zeit lang. Sehnsüchte sind aber besser, viel besser, finde ich, schrieb Jürgen Küster in einem Kommentar zu meinem letzten Blogartikel

Ich lasse deinen Gedanken und die darin implizierte Frage sacken, was ich lieber mag: Zufriedenheit oder Sehnsucht, schrieb ich zurück. Und ob es vielleicht zweierlei Menschen gebe, fragte ich mich.

Nun ja, vermutlich gibt es sogar mehr als zweierlei Menschen, vielerlei sogar. Doch bei manchen Lebensbereichen sind wir alle doch irgendwie entweder so oder eben so. Besonders in Sachen Sehnsucht versus Zufriedenheit kann ich nicht unbedingt an ein Sowohl-als auch glauben, da ahne ich eher das gute alte Entweder-oder. Oder?

IMG_0422Heißt Sehnsucht denn nicht eigentlich, dass ich mit dem, was ist, nicht oder zumindest nicht vollständig einverstanden, nicht ganz zufrieden bin? Und heißt eine gewisse Form von Zufriedenheit denn nicht – manchmal? immer? –, dass ich resigniert habe? Wie groß ist der fühlbare Unterschied zwischen Resignation und Akzeptanz? Und warum schmeckt ersteres bitter und zweites irgendwie mutig?

Doch ist der Zustand, den ich im Grunde am meisten zu ersehnen glaube, nicht der von stetiger innerer Zufriedenheit? Frei zu sein von meiner Unruhe, von meinem Getriebensein, von meinem Denken, dass es anders besser wäre, wenn nämlich dies so und jenes so. So oder so ist da immer diese latente Unzufriedenheit. Denn, ich gestehe es, zu viel Zufriedenheit, ist mir suspekt und riecht ein bisschen nach Bequemlichkeit.

Ich wünschte mir dennoch, dass Zufriedenheit ein klitzeklein wenig kompatibel mit Sehnsucht wäre – mindestens so kompatibel wie Essig und Öl in der gleichen Flasche. Ich wünschte, mir, dass es so wäre. Und ja, ehrlich, ich sehne mich oft danach, mich nach nichts mehr zu sehnen. In diesen Momenten sehne ich mich nach einem wunschlosen, stressfreien, erleuchtungsähnlichen Zustand, frei von Bedürfnissen, Süchten, Wertungen, Getriebenheiten und Unruhe. Weil ich an diesem Zustand schon ein paar wenige Male gekostet habe. Er kann noch nicht mal mit Zufriedenheit benannt werden, auch wenn Frieden irgendwie darin vorkommt.

Nun ja, da sind dann aber diese anderen Momente: Dann nämlich, wenn ich mir diesen Zustand herbeizumalen versuche. Dann stelle ich fest, dass ich diesen ersehnten Zustand wohl doch nicht wirklich dauerhaft kann und will – jedenfalls nicht hier, nicht in diesem Umfeld, nicht in diesem Kontext. Es wäre nicht auszuhalten. Ich bin zu mehrfarbig für so was. Zu mehrdimensional und zu kämpferisch, zu inkonsequent. Und ja, zu pragmatisch wohl auch.

Ich gestehe, ich brauche wohl auch die kleinen Exzesse mittendrin, das Überborden, das Abtauchen, und ja, auch ab und zu eine gewisse Larmoyanz sogar oder/und ein wenig Gejammer und Selbstmitleid. Blues, wie es der Emil neulich trefflich in Worte gefasst hat. Huch … vielleicht lebe ich ja genauso, wie ich leben will? Mit all meinen Baustellen?

So bin ich wohl eher die Sehnsüchtige denn die Zufriedene? Oder zwinkert ich da doch eine gewisse Kompatibilität hinter dem Vorhang hervor? Irgendwie bin ich nämlich ganz zufrieden mit meiner Sehnsucht.

Advertisements

13 Kommentare zu „Vielerlei Sehnen“

    1. In meine Tiefe habe ich den Gedanken weitergedacht und nun, mit den Kommentaren hier, gemerkt, dass es wohl doch eine Art „sowohl-als auch“ zu geben scheint? Ich mag diese Art von Kooperation … vernetztes Weiterspinnen an Gedanken …

      Gefällt 1 Person

  1. (Waaaaaaah! Zwei Tasten erwischt …)

    Wenn ich recht zufrieden sein will, dann brauche ich auch ein klein wenig Sehnsucht. Die würde mir in einem vollkommen zufriedenen Leben fehlen. Sehnsucht muß zumindest den überwiegenden Teil des Lebens dasein, ich brauche sie, um zufrieden sein zu können. Auch, wenn es so aussieht, als seie einer, der Sehnsucht hat, nicht wirklich zufrieden. Aber versuche es Dir vorzustellen, ein Leben ihne Sehnsucht: Es würdedem Leben eine treibende Kraft fehlen, es fehlte dieses Ziehende — und ohne gibt es (zumindest bei mir!) keine Zufriedenheit. Ohne Schatten ist kein Licht …

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja, ich glaube, ich bin auch so … ich kann nie wirklich ganz restlos ohne Sehnsucht sein, nicht in der zufriedensten punktuellen Zufriedenheit … seltsam eigentlich … aber vielleicht wird ja die Sehnsucht als eigentliche treibende Kraft zuweilen unterschätzt?
      Danke dir für deine Weiter-Gedanken!

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Soso, erst einmal: fein geschrieben und umrundet, die Sehnsucht und die Zufriedenheit- ich teile das Gefühl der Unruhe, die mir nicht lieb ist, ich kenne Sehnsucht, neue Ziele und beides brauche ich, wie den Kaffee am Morgen und die Stulle dazu, für die Kippe danach 😉
    oh, ich schweife ab … lach
    Ist Zufriedenheit nicht auch wieder so ein Wort, dass gereinigt werden darf? Ich mag den Zustand der Zufriedenheit sehr, weil ich dann im Frieden bin mit dem was ich tue und mit dem was ich habe. Deswegen sind aber die neuen Ziele nicht weg und auch nicht der Wunsch weiterzumachen, Neuland zu entdecken oder an Altem feilen, bis die Form stimmig ist. Ja, ich denke an ein Sowohl-als-auch, aber das wundert dich jetzt bestimmt nicht 😉

    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    1. Für mich braucht Zufriedenheit vielleicht eine Befreiung von Assoziationen wie Bequemlichkeit, ja, jetzt wo du es sagst … 🙂
      Und, wie ich schon oben kommentierte, gut möglich, dass ein Sowohl-als auch eben doch geht … Was ich nur begrüßen kann, auch wenn ich es bis anhin kaum denken konnte …

      Gefällt 1 Person

    2. ich habe mal auf einem teaching vor vielen Jahren meinen Leher gefragt, ob den Zufriedenheit nicht bequem macht, da sagte er: ihr ward jetzt so lange unzufrieden, nun ist es Zeit Zufriedenheit zu üben … bequem ist das nicht 😉 du siehst, auch ich habe immer Bequemlichkeit und Zufriedenheit in einen Topf geworfen, seitdem begann ich neu darüber zu denken.

      Gefällt 1 Person

  3. Ich freue mich, dass Du hier den Kommentar von Jürgen Küster zu Deinem letzten Blogartikel aufgreifst. Auch ich bin bei seinem hängengeblieben, weil er mir besonders gut gefallen hat.
    Zufriedenheit kann das, was Du beschreibst, beinhalten. Sie kann aber auch für einen Zustand stehen, in dem man sich nicht einfach nur satt, matt und bequem fühlt, sondern erleichtert, bereichert und beschenkt. Das muss nicht zwangsläufig bitter schmecken, denke ich. Und vielleicht ist es ja mit der Sehnsucht und all ihren Nebenerscheinungen wie Suchen, Hoffnung und Offenheit ganz ähnlich.
    Mir gefällt persönlich das Nebeneinander: Ich sehne mich nach Zufriedenheit, die nur dann für mich komplett ist, wenn ich mir meine Sehnsüchte entspannt erlaube.

    mb

    Gefällt 1 Person

    1. „Sie kann aber auch für einen Zustand stehen, in dem man sich nicht einfach nur satt, matt und bequem fühlt, sondern erleichtert, bereichert und beschenkt.“
      Auch du plädierst, wie deine VorkommentatorInnen, für ein Nebeneinander und ich gestehe, ihr habt mich überzeugt. Was mich froh macht, denn beides mag ich ja. Aber es schien mir bisher unvereinbar.
      Danke dir fürs Mitdenken und deine Zeilen!

      Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.