Leidenswertes

Eben habe ich ein mühsames Buch zu Ende gelesen und rezensiert und dabei über den Umgang mit meinen Energien nachgedacht. Ob es beispielsweise jemandem irgendwie nützt, wenn ich meine Wut- & Trauer-Energien nach Paris schicke (Mitfühl-Energien tun sicher besser). Kurz gesagt: ich verwende oder verschwende gar oft meine Energien in eine Richtung, die mir – und womöglich sogar auch meiner Mitwelt – eher schadet als sie gut tun.

Heute morgen, noch bevor ich all die News über das Drama in Paris überhaupt gewusst und gelesen hatte, wurde ich vom Wasserrauschen, das die Waschmaschine unseres Mehrfamilienhauses produziert, geweckt. Die Waschküche des Hauses liegt unmittelbar – aber außerhalb meiner Wohnung – neben meinem Schlafzimmer. Es war halb acht. An einem Samstag. Halb acht! Schon war ich auf hundertachzig. Nicht mal ausschlafen darf man! Gestern habe ich bis eins gelesen und nun war ich – zu Recht! – empört und richtete meine ganze Energie auf jenen rücksichtslosen Nachbarn, der mir das angetan hatte. Nein, diese Energie mich wegen solcher Banalitäten zu nerven, müsste ich eigentlich nicht verschwenden, denn wo Menschen zusammenleben, reibt es und das erzeugt eben zuweilen Geräusche. Ich müsste schon in der Einöde, in der Wüste, im ewigen Eis oder im Wald leben, um diesen menschlichen Geräuschen zu entkommen. Gestern, ich war mit Freundin L. (1) in der Sauna, litt ich sehr. Alle alten, dicken Männer der Schweiz schienen sich gestern Abend dort eingefunden zu haben. Die meisten schamlos nackt.

Ich gestehe es: Das hat mich echt überfordert. Mit Freundinnen und Freunden kann ich gut nackt sein, kann Sauna genießen, aber dieser Überfluss an nackter fremder Haut, war purer Stress für mich. Dazu waren Frauen, die in der Regel doch fürs Auge der Betrachterin ein etwas angenehmerer Anblick sind, in der Minderheit. Und von den drei möglichen Saunaräumen war nur der heißeste einigermaßen frei.

Da muss ich nicht mehr hin, nein, mich überfordern so viele unbekannte Menschen aufs Mal. Heute denke ich: Hey, was regst du dich so auf über deine kleine, gefährdete Komfortzone? Zumal in Paris hundertzwanzig Menschen sinnlos getötet wurden? Und in Anbetracht all der Heimatlosen und Flüchtenden? Und überhaupt … Da ist so viel Leid. Und was macht, dass ich an etwas leide? Was macht etwas zu Leid für mich, was andere nicht mal als leidenswert wahrnehmen (Beispiel Sauna)?

Schnitt.

Ich habe vor zweieinhalb Wochen einen mir bis dahin unbekannten Schweizer Krimiautoren entdeckt, dessen dritten Krimi ich gerade verschlinge.

Vor der ZeitVor der Zeit von Beat Portmann erzählt die Geschichte des Mittelalterforschers Thelmann, der von Extremisten verschiedener Richtungen bedroht wird. Er hat Informationen gefunden, demzufolge bereits im frühen Mittelalter Anstrengungen zu einer interreligiösen Allianz, zumindest zu einem interreligiösen Dialog im Gange waren. Heutigen Extremen – christlich wie muslimisch Gesinnten – will es nicht gefallen, dass Thelmann weiterforscht – so werden die Unterlagen geklaut und vernichtet. Und tauchen woanders wieder auf. Oder sind es Fälschungen? Der Ich-Erzähler, ein mäßig erfolgreicher Autor, wird von einem unbekannten Mäzen zwecks Recherchen für einen weiteren Kriminalroman auf die Geschichte losgelassen. Banal? Nur auf den ersten Blick.

«Vor der Zeit» ist ein überraschender Roman über das monotheistische Erbe Europas und über das Verhältnis von Offenbarung, Schrift und Literatur (Quelle: Verlagswebseite).

In Durst und Alles still hat Beat Portmann bereits mit der Stimme des Ich-Erzählers zwei Fälle gelöst – einen im Geldwäsche-Umfeld (Durst), den anderen in der Welt des alten Luzerner Adels (Alles still). Auch diese Geschichten wirken auf den ersten Blick trivial, werden nach und nach immer komplexer und dreidimensionaler, was dem scharfen Blick, der klugen, literarischen Sprache und der dreidimensionalen Figurenzeichnung des Autors zu verdanken ist. Den Jo Nesbø der Schweiz nenne ich Beat Portmann bereits, denn wie Nesbø zeichnet auch Portmann ein ungeschöntes Bild seiner Heimt. Portmann skizziert die hiesige Polit- und Wirtschaftslandschaft scharfsinnig, überzeugeund und mit Innerschweizer Lokalkolorit gewürzt. Doch, wie gesagt, vor allem überzeugt er mich mit seinen glaubwürdigen Figuren. Ich mag es, dass wir Lesenden nicht erfahren, ob Portmanns Geschichten erfunden sind oder sogar wirklich erlebt – zumal Portmann seinem Protagonisten, einem Krimiautoren, die Titelnamen seiner eigenen Bücher in den Mund legt. Realitätsfiktion vom feinsten.

Das vor einem Jahr erschienene Buch Vor der Zeit ist auch jetzt noch hochaktuell, geht es doch darin – unter anderem – um die Angst vor dem unbekannten religiös motivierten Feind. Und um die Angst davor, unsere eigene Welt mit ihren wohlgeordneten eigenen Komfortzonen zu teilen.

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Noch eine Rezension aus der Luzerner Zeitung.

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4 Kommentare zu „Leidenswertes“

  1. Ich meine ein Aufgewühltsein bei zu lesen, was ja nun wahrlich nicht verwundert- wir stehen wirklich vor richtig grossen Herausforderung, bei denen unsere eigene kleine Komfortzone nebensächlich(er) wird. Vorhin dachte ich, jetzt hat Europa sein nine-eleven …

    noch unsortiert grüsse ich dich herzlich und danke dir auch für den Buchtipp-

    Ulli

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  2. Der Buchtipp hat sich als noch genialer als die ersten beiden Bücher des Autors herausgestellt. Ein weises, schlaues Buch, dem ich viele offene LeserInnen wünsche, die sich auf die Diskussion einzulassen wagen, wie es denn gehen könnte mit dieser Welt und den vielen verschiedenen Ansichten über sie und das Leben.

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