Das Gerechtigkeitsding

Wir haben es alle, vermute ich jedenfalls, und ich glaube zuweilen, dass meins überdurchschnittlich spitze Ellbogen hat. Oder dass ich es bin, die mich ihm überdurchschnittlich verpflichtet fühle. Und zuweilen dabei vergesse, dass es ziemlich subjektiv ist. Es ist so geworden, weil ich mit diesen und jenen Maßstäben groß geworden bin, weil ich diese und jene Erfahrungen gemacht habe. Und darum zu wissen glaube, was gut und richtig, was falsch und schädlich ist. Im großen Ganzen jedenfalls, denn für mich selbst ist das nicht immer so einfach. Was mir gut tut, ist womöglich nicht immer das, was dem großen Ganzen gut täte. Diesem würde es vielleicht gut tun, wenn ich ein bisschen kämpferischer wäre, ein bisschen aktiver, politischer womöglich auch. Ich selbst mag ja lieber Ruhe, Rückzug, Stille. Meine Lasst-mich-doch-alle-in-Ruhe-Gedanken widersprechen massiv meinem die-Welt-verbessern-wollenden Anspruch an mich selbst. Womöglich wissen sie aber einfach besser, dass meine Wahrheit, dass meine Gerechtigkeit, dass mein Bedürfnis nach Ordnung keineswegs für alle und alles kompatible Dinge sind.

SteinweisheitenEs mag einen gemeinsamen Nenner geben – Liebe und Hass, Schaden und Nutzen als Maßstab nehmend –, doch sind diese nicht womöglich auch nur eine Frage der Definition?

Warum ich genau so denke, fühle und bewerte und du so? Warum dich das stört und mich jenes? Der Versuch, dich von meiner Sicht der Dinge zu überzeugen, scheitert fast immer. Nein, überzeugen können wir wohl niemanden. Nicht wirklich. Nicht jemanden, der schon eine festgebackene Meinung hat (außer jemand lasse sich, aus welchen Gründen auch immer, auf eine Gehirnwäsche ein. Was vielleicht leichter ist als ich denke. Doch das ist ein anderes Thema.)

Schnitt.

Mein unermüdlicher Einsatz in Sachen Sprachsensibilität – sei es nun im Bereich Rechtschreibung/Grammatik oder im Bereich des geschlechtsspezifischen und -sensiblen Umgangs mit Worten – verhallen oft in Gelächter und Spott, in Übertreibungen, in Absurdheiten. Allerdings weniger in meiner Schweizer Heimat, wo das Thema selten noch wirklich eins ist (da eine gleichberechtigte Sprache im großen Ganzen umgesetzt ist). Nein, ich spreche jetzt von Deutschland, wo ich inzwischen viele Menschen kennen darf und viele Beziehungen pflege. Gerade gestern habe ich mit dem Liebsten mal wieder über dieses Thema gesprochen.

Er meinte sinngemäß, dass jene Menschen, die Gleichwertigkeit lebten, diese Sicht selbstverständlich, jedenfalls ohne groß darüber nachzudenken und/oder fast so nebensächlich in der Sprache umsetzten, dass das Ganze für sie kein wirkliches Thema mehr sei. Im Grunde hocke die Haltung, die es zu bewegen gälte, in den Köpfen. Da kommst du schwer hin, sagte er, da ändern alle Diskussionen leider nichts.

Er mag recht haben, doch ich gebe nicht auf, meine Mitmenschen auf einen sensibleren Umgang mit der Sprache hinzuweisen.

Mich verletzt, wie viele Menschen mit ihrer explizit männlichen Sprache (die dieses generische Maskulinum hervorgebracht hat) eben auch eine explizit männliche Energie verbreiten. Nichts gegen männliche Energien. Wenn als ausgleichende Energie die weibliche gleich viel Raum hat. Ja, hat! Nicht bitte-bitte haben darf! Denn es geht nicht um Raum, den die Männer den Frauen gefälligst oder bitte abzutreten haben, sondern darum, dass dieser Raum zu gleichen Teilen von beiden Geschlechtern belebt werden soll – und von allen Rassen auch.

Hast du nichts besser zu tun? Gibt es denn nichts wichtigeres als dich über männliche und weibliche Wortendungen zu echauffieren?, magst du dich fragen.

Nun ja, es geht mir nicht nur um die Sprache, jedenfalls nicht primär. Sprache ist ein Eisbergzipfel, der den meisten Menschen halbwegs vertraut ist, darum ist sie ein guter Bereich mit einer Veränderung alter, verkrusteter Denkmuster anzufangen, antworte ich. Es geht mir um ein sich stets wandelndes Konzept hin zu einer gleichwertigen Kommunikation.

Aber ich schweife ab. Ich träume mal wieder von Utopia. Gerechtigkeit war das Stichwort.

Wir alle empfinden sie anders, Gerechtigkeit ebenso wie Ungerechtigkeit. Ich kollidiere zuweilen mit mir selbst. Mit meinen unterschiedlichen Anspruchsebenen an mich. Anarchistisches verinnerlichtes Gedankengut trifft auf die schier unkaputtbare Hoffnung, dass die Gesetze, die meine Ahnen und Mitmenschen definiert haben, nicht einfach alle per se am Menschen vorbei geschaffen worden sind. Sondern ein bisschen sinnvoll sind. Und gerecht. Obwohl ich nicht mehr wirklich an eine allgemeingültige Gerechtigkeit glaube. Kollision, wie gesagt.

Doch irgendwo in der Mitte, in meiner Mitte, wohnt ein kleiner Kern, so stelle ich es mir zuweilen vor, den ich mit allen Lebewesen gemeinsam habe. Ein Kern – einem Zellkern gleich –, der alle Informationen gespeichert hat. Alles Wissen, alle Weisheit. Alle Erfahrungen auch und allen Schmerz. Die Freude auch und vor allem aber die Liebe.

Alles da. Oft genug zugemüllt und bis zum Gehtnichtmehr erstickt. Aber da. In allen.

Und dieser winzige Kern kennt jene Gerechtigkeit, nach der ich mich sehne. Und jene Freude, die sich manchmal (immer öfter, je älter ich werde) in mein Leben verirrt, und ja, er kennt auch die Liebe.

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15 Kommentare zu „Das Gerechtigkeitsding“

  1. wow. !

    ich habe keine ahnung, was mich dazu veranlaßte,
    mich mit deinem eintrag zu befassen.
    mich auf deine themen einzulassen.

    es ist passiert, und ich muß sagen:
    ich habe die zeit gut investiert.

    (nein, das hier wird kein gedicht in reimen …!)

    mein ausflug in einen teil deiner welt hat sich gelohnt.
    es hat spaß gemacht, in all diese fenster zu schauen,
    die du hier geöffnet hast.
    es war interessant, kurzweilig, anregend,
    informativ und aufschlußreich.

    und es hat mich neugierig gemacht auf manch neues,
    was jenseits deiner zeilen auf mich wartet.

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    1. Oh, wenn das ein Unbekannter und freiwillig schreibt, schlucke ich leer und werde ein bisschen rot.
      Mich freut es, wenn ich mit meinen oft genug unausgegorenen Gedanken andern Menschen ein bisschen Denkfutter geben darf.
      Herzlich willkommem und – so hoffe ich – auf Wiederlesen!

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  2. Diesen kleinen Kern kenne ich auch, meinen inneren kleinen Kern, aber der ist frei von Konzepten wie etwas zu sein hätte. Der ist, weil er ist und er ist das, was er ist, ein leuchtender Kern, voller Liebe und Freude, der Schatten wirft …

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  3. Was soll ich sagen… Ich bin gern auf Deinem Blog und mag, was und wie Du schreibst. Hier aber muss ich Dir, so ich Dich richtig verstanden habe, widersprechen. Bzw. einhaken… Während Unsummen von Steuergeldern für Sprachgenderisierung vergeudet werden, werden noch immer im hohen Maße Väter benachteiligt, männliche Suizid-, Obdachlosen- und Depressionshoheiten verschwiegen, Jungen an der Schule benachteiligt und männlichen Opfern häuslicher Gewalt keine Hilfe gewährt. Was wir erleben, ist keine Gleichberechtigung, sondern eine institutionalisierte Lage davon.

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    1. Aber auch das ist im Grunde eine Folge der vermännlichten Gesellschaft. Oder so: wären in unsern Breiten die Frauen nicht unterdrückt worden, wäre diese absurde „politisch korrekte“ Gegenbewegung nicht entstanden, die ebenso absurd ist wie die Notwendigkeit einer Sprachreform. Absurd, dass das überhaupt notwendig ist und dass unsere Gesellschaft solche Probleme heranzüchtet, statt Väter und Mütter, Frauen und Männer als gleichwertige Menschen zu betrachten.

      Ich bin immer auf der Seite der Benachteiligten, geschlechtsunabhängig. Die Thematik, die du anschneidest, war mir nicht wirklich bekannt – außer am Rande von benachteiligten Vätern. Wir alle sehen eben nur unsern Ausschnitt des Ganzen. Gut, dass du interveniert hast.
      Danke dir für die Ergänzung.

      Noch was: Vergeudet ist Geld, wenn es der Aufklärung dient, meines Erachtens übrigens nie.

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  4. Grundsätzlich schätze und „liebe“ ich die korrekte Anwendung der Rechtschreibung. Den meisten Menschen, mit denen ich meinen beruflichen Alltag teile, ist sie nicht wichtig. Und sie beherrschen sie auch nicht. Und nötig ist das auch nicht. Früher, in meinem Deutsch-LK wurden wir immer wieder auf den Zusammenhang von Denken und Sprache hingewiesen. Später, im Studium, sowieso. Inzwischen lese ich Nachrichten, bei denen sich aus meiner Sicht aufgrund der falschen Schreibweise (vor allem Zusammen- und Getrenntschreibung) überhaupt keine Verbindung zum Denken ergibt. Oder etwa doch?

    LG mb

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    1. Über die zu vielen Lücken habe ich unlängst auch mal gebloggt. Horrible!
      Nun denn, wir zwei Sprachliebhaberinnen müssen da wohl irgendwie aushalten, was andere verbrechen, denn alle weiterbilden geht ja leider nicht. Aber es tut halt schon weh.
      Ich bin froh, dass du das auch irgendwie kennst.
      Danke für deine Zeilen!
      Und den Zusammenhang/die Verbindung zwischen Denken und lücken-voll Schreiben gibt es bestimmt.
      Sag mir, wie du schreibst, und ich sage dir, wer du bist!

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  5. Liebe Sophia,
    Dass dir die Gleichberechtigung in der Sprache wichtig ist in Ehren. Ich Glaube, es reicht auch, anderen einfach seine eigene Sichtweise näher zu bringen und statt jemand anderen überzeugen zu wollen, ihn oder sie mit seiner oder ihrer Meinung einfach stehen zu lassen. Jeder hat seine oder ihre Meinung. Ich finde, es hat sich in Deutschland bei der Sprache in Bezug aug männliche und weibliche Schreibweise schon viel getan. Ich weiss nur, in Frankreich fangen sie jetzt erst so langsam damit an. Um jetzt mal das Positive zu sehen…

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  6. Wollte noch hinzufügen,,dass mir persönlich die männliche oder weibliche Schreibweise einfach nicht so wichtig ist. Das ist eine Sache der Prioritäten. Die männliche Schreibweise schließt die weibliche ein. Mir ist aber z.B. Eher das ß ein Dorn im Auge, das die Schweizer lobenswerterweise nicht haben.

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    1. Deine Meinung in Ehren, aber warum soll die männliche die weibliche miteinschliessen? Das erschliesst sich mir nicht. Das steckt für mich einfach keine fühlbare Logik dahinter … Aber natürlich hast du recht, wenn du mit Prioritäten argumentierst und damit, jedem seine Meinung zu lassen. Solange niemand Schaden nimmt … Aber eben: Diskriminierung hat sehr viele Gesichter. Die Sprache ist Ausdruck unserer Haltung und Gesinnung, weshalb ich eben dort einen guten Anfang/Ansatz sehe, Menschen für Respekt zu sensibilisieren. Ein Riesenthema!
      Danke für deine beiden Kommentare und Ergänzungen.

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