Feiern, trauern, leben …

Gestern habe ich mit lieben Menschen, nennen wir sie Auch-Familie oder Wahlfamilie, Geburtstag gefeiert. Große und kleine Menschen sind gekommen. Gemeinsam haben wir gelacht, geblödelt, gegessen, getrunken, politisiert, über unsere Ängste gesprochen und über unsere Freuden. Und über Veränderungen, vollbrachte und bevorstehende, persönliche, regionale und globale …

Veränderungen zu- und liebe Menschen loslassen sind ganz ganz große, ganz wichtige, ganz existentielle Themen. Fragen tauchen auf, auf die es keine universellen Antworten gibt. Außer vielleicht die, in der Liebe zu bleiben. Nicht zu verbittern. Sich nicht von den Ängsten auffressen zu lassen. Leichter gesagt als getan, denn wir stehen alle mittendrin in diesen Umbrüchen. Da taucht Trauer auf, überall und immer wieder anders. Dennoch ist sie universell. Trauern zu können ist eine Fähigkeit, die jeder Mensch in sich trägt. Eine not-wendige, eine heilsame Fähigkeit. Und eine sehr wichtige.

Logisch, dass wir trauern; logisch, dass wir Angst davor haben, nicht zu wissen, was ist und was wird.

Dazu erzähle ich euch eine kleine Geschichte vom gestrigen Fest. Mein lieber Freund M (1), gestriger Jubilar und Gastgeber, ist seit drei Jahren Papa, später Papa, einer feinen kleinen Tochter. Auch unser gemeinsamer Freund N. hat eine dreijährige Tochter. N.s Tochter schaute sich nun ein herumliegendes Bilderbuch von M.s Tochter an, ein Buch, das die Welt der Gefühle für Kinder nachvollziehbar macht, frohe Gefühle und bedrückende Gefühle. Auf einer Buchseite mittendrin liegt ein kleiner Junge im Bett und versucht zu schlafen, doch er kann nicht, weil er Angst vor dem Monster auf seinem Stuhl hat. Im Dunkeln sieht es jedenfalls so aus. Sein zotteliges Halstuch, das dort liegt, sieht wirklich genau wie ein Monstergesicht aus. Das Buch hat aufklappbare Teile: Unter dem Monstergesicht, dem geträumten, liegt die Wahrheit und zeigt uns, dass das zottelige Halstuch kein Monster ist. Wir kennen zwar die Wahrheit, doch die Angst ist dennoch da. Die Kleine erzählte mir nämlich, dass sie manchmal nachts auch Angst habe. Wir überlegten zusammen, was man dagegen machen könnte: Ein Lämpchen aufstellen, zu Papa und Mama gehen. Weinen. Genau hinschauen.

Auf dem Rückweg auf der regennassen Autobahn erkenne ich, dass es wohl am wichtigsten ist, unsere Angst zu benennen. Ihr in die Augen zu schauen.

Wohl ist die Angst vor Verlust die zurzeit am weitesten verbreitete Angst: Angst zum Beispiel davor, die vertraute Lebensart zu verlieren, diese (vermeintliche) Sicherheit, Geborgenheit, Vertrautheit, Gewohnheit …

Zulassen. Benennen. Hinschauen. Der Angst nicht erlauben, dass sie ohne Gesicht bleibt. Der Angst mit Trauer begegnen kann helfen, und mir eingestehen, dass ich traurig darüber bin, dass sich und weil sich etwas verändert. Dass sich mein Leben verändern wird, weil sich meine Lebensumstände verändern. Ich übe, Trauer nicht mehr zu unterdrücken, weil sie sich sonst einen Weg über den Körper (Krankheiten) suchen muss, um gehört und gesehen zu werden.

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(Ich widme diesen Text meinen Freundinnen K., E. und U. und allen, die trauern, loslassen müssen und Angst haben …)

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8 Kommentare zu „Feiern, trauern, leben …“

  1. Liebe Soso, auch beim zweiten Lesen bin ich wieder berührt- du schreibst mit Klarheit direkt aus meinem Herzen heraus: ja, wir müssen die Ängste benennen, ihre Gesichter schauen, ihnen zuhören und ja, wir dürfen, sollen, müssen trauern (wieder lernen).
    Diese Veränderung, mit der wir konfrontiert sind, ist massiv, meine zwei grössten Ängste hierbei sind die Angst vor einem neuen weltweiten Krieg und vor all den Ewiggstrigen, ihrem Hass, ihrem Nichtverstand, ihrer Gewalt, der ich mich nicht gewachsen fühle. Überhaupt denke ich in den letzten Wochen oft darüber nach, ob ich gewappnet bin- nein, bin ich nicht! Das finde ich bedenklich, aber wer ist schon wirklich gewappnet, gerüstet für einen Ernstfall?
    Auch webt sich gerade Mützenfalterins heutiger Artikel hier hinein: der Glaube, was wäre ein Mensch ohne einen Glauben, damit meine ich nicht zwingend den Glauben an einen oder eine, die alles lenkt und wieder einrenkt, nein, gerade den meine ich nicht, aber den Glauben, dass Vernunft letztendlich siegen wird, gepaart mit Herz, daran glaube ich noch immer, auch wenn die offizielle Welt mir genau das Gegenteil suggerieren will … ich bleib dabei: wenn viele kleine Leute viele kleine Schritte tun … du weisst schon 😉
    liebe Grüsse
    Ulli

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    1. Danke, liebe Ulli, für diese reichen Gedanken und das Dich-berühren-lassen.
      Ja, der Ernstfall … hm, ich weiß nicht, was ich tun, denken, lassen würde/werde – hoffentlich das Beste für alle. Was immer das ist …
      Danke.

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  2. Zulassen. Benennen. Hinschauen. Nicht mehr unterdrücken. – Eine Aufgabe, die sich mir gerade wieder in den Weg gestellt hat. Sehr fordernd, blockierend und tränentreibend. Und siehste, ich nenne es spontan „in den Weg gestellt“. Eigentlich wäre ja richtig „sich als Weg angeboten“. Das will ich aber nicht wahrhaben, würde am liebsten den Kopf in den Sand stecken. Es ist so eine Sache mit dem Verwandeln des zunächst nur Verstandenen in ein Begriffenes und Verinnerlichtes. Ich übe weiter … und danke Dir sehr für dieses Mit-Sehen, Mit-Durchleben.
    Eine Umarmung von traurigem Herzen, Uta

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