99 Jahre Einsamkeit?

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da ich von den Ereignissen in meinem Leben so sehr aus der Bahn geworfen worden war, dass ich nicht einfach nur depressiv war (obwohl schon einfach nur depressiv zu sein zu viel Leid ist). Damals also gesellte sich zur tiefsten Depression die unverrückbare Gewissheit, dass ich niemals wieder ein normales Leben würde führen können. Normal stand damals bei mir sowohl für die Fähigkeit, je wieder soziale Kontakte pflegen zu können, zu lieben, geliebt zu werden, als auch dafür, mich adäquat um mich selbst kümmern und mein Ein- und Auskommen wieder selbst bestreiten zu können. Meine einzige Perspektive war die, dass ich vereinsamen, verbittern und verarmen würde, in der Gosse landen, ungeliebt und unbeachtet sterben. Keine schöne Aussicht.

IMG_6146Meiner alles übertönenden Angst standen zwar Freundinnen, Freunde und liebe Familienangehörige gegenüber, die in dieser schweren Zeit da waren und mir alle nur erdenkliche Hilfe anboten; doch taten sie das, da war ich mir in meiner damaligen Verblendung sicher, eh nur, weil sie sich mir gegenüber dazu moralisch genötigt fühlten; nicht etwa wegen mir, nicht für mich, nicht, weil sie mich mochten oder gar liebten. Undenkbar!

Suizid war zwar natürlich auch eine Option, doch da ich ja damals an den unmittelbaren Folgen eines erweiterten Suizides litt, war es doch keine zu Ende denkbare Lösung. Zumal irgendwo in mir drin doch eine klitzekleine Hoffnung hinter den Erinnerungen an das Lachen meines toten Sohnes funkelte.

Von meinen drei Hauptängsten – zu vereinsamen, zu verbittern und zu verarmen – war seltsamerweise die vor der Vereinsamung damals die allergrößte. Sie höhlte mich aus und mästete meine Panikattacken zu Monstermaßen. Über diese eine Angst sprach ich kaum, wohingegen ihre beiden Schwestern immer wieder Thema von Gesprächen mit meinen Lieben waren. Wie hätte ich auch mit Freundinnen über die Angst vor der Einsamkeit sprechen können?

Kurz vor besagtem Drama hatte ich die gemeinsame Familienwohnung verlassen und war mit meinem kleinen Sohn in eine neue Wohnung umgezogen. Zum allerallerersten Mal in meinem Leben wohnte ich zeitweise, wenn unser Sohn beim Papa war, allein in einer Wohnung, die weder Partner- noch klassische Familienwohnung war und schon gar nicht WG.

Und auf einmal war ich ganz allein. Allein mit mir. Des Allerliebsten beraubt. Wozu also weiterleben? Einsamkeit und Leere sind mir auf die Pelle gerückt, obwohl wunderbare Menschen in der Nähe waren, die sich offenbar für mein Befinden interessierten.

Natürlich, auch davor war ich hin und wieder alleine gewesen, hatte mich ab und zu zurückgezogen, um in Ruhe zu schreiben, nachdenken oder kunsten zu können, doch waren solche Allein-Zeiten als Familienfrau und Teilzeit-Flüchtlingsbetreuerin damals ziemlich rar gewesen. Und ganz gewiss nicht einsam.

Einsamkeit riecht nach Niemand-mag-mich, nach abgeschoben, nach unwichtig, nach Sinnlosigkeit, nach abgestempelt, unwichtig, unwürdig, unwirklich. Wäre das erwähnte kleine Flämmchen der Hoffnung nicht dagewesen, ich hätte resigniert, hätte meine drei Hauptängste mich auffressen lassen.

Wo genau und wann genau ich den Schalter umlegen konnte, weiß ich nicht mehr so genau. Das Wissen um die Notwendigkeit des Akzeptierens muss mit im Spiel gewesen sein. Und ja, gewiss hatte ich mich auch irgendwie an meinen neuen, anderen Alltag gewohnt, den ich − vorerst als Krankgeschriebene später als Stellensuchende − neu gestalten lernen musste. Lernen wollte. War es im Trauerseminar gewesen, als ich das erste Mal wieder herzhaft gelacht hatte?

Einsamkeit. Irgendwann hat sie ihre Maske ausgezogen und sich von mir umarmen lassen. Ich habe das Bedürfnis, gerne und viel alleinsein zu wollen, zu meiner bevorzugen Lebensform gemacht. Nicht, weil ich keine andere Wahl hatte, sondern bewusst-unbewusst, weil ich gemerkt habe, dass ich die Freundschaft mit mir nur im Alleinsein pflegen kann. Und nur wenn ich diese Freundschaft pflege und lebe, bin ich wirklich fähig, anderen eine wahre Freundin sein zu können.

Happy End? Nein. Noch immer hocken da ein paar Ängste. Dass ich eines Tages verbittern werde, halte ich im Moment für ziemlich ausgeschlossen, denn dazu ist meine Werkzeugkiste zu gut mit mentalem Zöix und Lebenserfahrungen bestückt. Dass ich verarmen werde, ist hingegen nicht auszuschließen. Obwohl ich in einem Land lebe, dessen Sozialsystem mehr oder weniger gut funktioniert. Heute. Aber wer weiß heute schon, was übermorgen ist?

Mehr noch als über meine Ängste vor dem Leben denke ich heute allerdings darüber nach, wie ich gut älter und alt werden kann. Wie ich möglichst gesund und möglichst lebendig leben kann, möglichst echt und aufrichtig, wahrhaftig, übermütig und beherzt.

Gestern las ich in einem Artikel über Gesundheit, wie wichtig eine basische Ernährung, genug Entspannung und Bewegung seien. Stimmt sicher alles, aber für mich gehört da noch eine vierte Säule dazu: Die seelische Ausgeglichenheit, die sich aus Zufriedenheit, Gelassenheit, Verbundenheit mit allem, Verantwortung für die Mitwelt und einigen anderen Essenzen zusammensetzt. Der Frieden mit mir selbst ist das größte Geschenk, das ich mir in den letzten sagen wir mal anderthalb bis zwei Jahren gemacht habe. Ich habe mir erlaubt, dieses Geschenk, das vermutlich immer da, vor meiner Nase lag, endlich auszupacken.

Ich habe Frieden mit dem Wissen gemacht, dass ich vergänglich bin. Dass ich nicht alles verstehen kann. Dass ich nie alles geschafft haben werde, wenn es eines Tages mit mir zu Ende geht.

Auf dieser übergeordneten, inneren Ebene lebe ich endlich gerne. Auf der ganz alltäglichen materielle Ebene tue ich mich allerdings noch immer schwer. An Baustellen fehlt es mir nicht.

Aber gut und sehr gut sind gut genug; perfekt ist etwas für Außerirdische.

Wir sind ja nicht hier, um perfekt zu sein, sondern menschlich.

Du bist hier, um menschliche Liebe zu lernen.
Allumfassende Liebe. Schmuddelige Liebe. Schwitzige Liebe.
Verrückte Liebe. Gebrochene Liebe. Ungeteilte Liebe. […]
Dass Du leuchtest und fliegst und lachst und weinst
und verwundest und heilst und fällst und wieder aufstehst.
und spielst und machst und tust und lebst und stirbst als unverwechselbares DU.
Das genügt. Und das ist viel.

(Quelle: Courtney A. Walsh. Dear human, ins Deutsche übertragen von Kai-Uwe Scholz)

[Den ganzen wunderbaren Text, den ich allen sehr ans Herz lege, gibt es bei Ulli auf Deutsch. Danke, dass du ihn neulich in deinem Blog geteilt hast (hier → klicken).]

Advertisements

25 Kommentare zu „99 Jahre Einsamkeit?“

  1. Liebe Soso,

    immer wieder ist es für mich eine Art Wunder, wie du dich aus dieser Katastrophe herausgeschält hast, wie du die Trauer angenommen hast und deine Ängste. Wie du über Hürde für Hürde gesprungen hast und dich dann ganz langsam geöffnet hast.

    Du hast begonnen zu erzählen und ich kann mich noch sehr gut an den Tag auf dem einsamen Gehöft erinnern, als du mir diese ganze traurige Geschichte erzählt hast. So oft schon habe ich daran gedacht und daran wieviel Stärke und auch Hoffnung es braucht, um nicht im Dunkeltal auf ewig sitzen zu bleiben.

    Dieser geteilte Text berührt mich auch noch immer, er ist so wahr! Danke, dass du ihn hier eingestellt, möge er viele Herzen erreichen.

    Herzliche Grüsse und eine virtuelle Umärmelung dazu
    Ulli

    Gefällt 5 Personen

  2. Im Moment bin ich Dir sehr nahe. Mehr kann ich jetzt nicht in Worte fassen. Vielleicht gelingt es mir zu einem späteren Zeitpunkt. Irgendwie passt mein heutiger Beitrag dazu. Manchmal gibt es keine Zufälle.
    In großer emotionaler DurchWanderung und tiefen Gedanken für Dich 💜💛💚, Sylvia

    Gefällt 1 Person

    1. Ich bin lediglich eine „stille Unbekannte“, eine solche, die im Hintergrund blieb. Wenn ich mich gar nicht mehr halten kann, schreibe ich einen Kommentar. Warum es so ist, warum ich so lange warte, liegt daran, dass ich in letzter Zeit hier häufig erlebe, dass mir gar nicht oder nur herzlos und kalt geantwortet wurde (ein „Zwischen-den-Zeilen-lesen“ ermöglicht mir einen Einblick in deren Intention eines solchen Verhaltens). Dann wird man einfach vorsichtiger.
      Mit meiner Empathie gelingt mir dies – dafür bin ich durchaus dankbar – nicht.

      Ich freue mich auf Deinen Besuch sehr.

      Herzlichst,
      Sylvia

      Gefällt mir

    2. Oh, ich verstehe (oder auch nicht). Ich möchte gerne, dass sich die Menschen hier in meiner Blogwelt wohlfühlen und dass es eine freundliche Umgebung ist, wo offen kommuniziert werden kann.
      Dein Beitrag hat mich sehr berührt. Für mich hätte eine Frauenstimme besser zum Text gepasst, aber die Bilder und die Musik sind genial, auch dein feiner Text!
      Danke!

      Gefällt 2 Personen

    3. Das klingt gut – dann fühle ich mich bei Dir sicher sehr wohl.
      Ja, sicher lese ich das Gedicht bald selbst auch.Gerade in Vorbereitung auf meine Lesungen ist diese Übung gar nicht so schlecht :-).

      Gefällt mir

  3. Liebe Sophia! Ich weiss gar nicht, was ich schreiben soll.
    Mein erster Gedanke beim Lesen war der, dass ich Deinen Mut einen solch intimen Vorgang so offen auf Deinem Blog zu veröffentlichen, schon bewundere, mehr als bewundere. Ich weiß nicht, ob ich das könnte.
    Der zweite Gedanke war meine Bewunderung für Dich und die Leistung, für diese so energisch hohe Leistung, die Du vollbracht hast, um aus diesem tiefen Tal der Melancholie herauszukommen. Das muss man erst einmal bringen.
    Ich bin froh, Dich zu kennen. Ich bin froh, dass Du durch diesen Beitrag ein wenig näher an mich herangerückt bist.
    Gruss Juergen

    Gefällt 2 Personen

    1. Wie ich eben bei Piksyn schrieb: Mir gehts ums Mutmachen. Was war ich für ein Angsthase (und bin es noch), doch so langsam habe ich gelernt, dass ich das bin, was ich eben bin und dass das reicht, ein dankbares, reiches Leben zu leben.
      Danke dir für deine beührende Rückmeldung.
      Ich versuche einfach, menschlich zu sein. Und echt.

      Gefällt 3 Personen

  4. … und hier gleich nochmal bewunderung! für immernoch deinen mut und deine ehrlichkeit und deine kunst, mit den worten bilder zu schaffen, die mich berühren. 🙂
    du bist oft in meinen gedanken.
    danke für diesen text!
    herzgrüssende umärmelung ❤

    Gefällt 3 Personen

Kommentare sind geschlossen.