Alle meine Wörter

Mein Leben wird nie ohne Staub sein, sagen die Wörter in mir, die ich zuweilen meine Gedanken nenne. Sie sagen es nicht, sie stellen sich auf. und bilden in meinem Kopf gemeinsam diesen Satz. Meine Wörter sagen weiter, dass ich mir meinen Wunsch nach einem Leben ohne Staub & Dreck besser aus dem Kopf schlagen solle. Sie sagen es immer wieder, während ich Staub sauge. Was ich nicht gerne mache. Und weshalb ich froh bin, dass die Wörter da sind. Sie sagen, dass ich dennoch nicht aufhören soll, mich danach zu sehnen, wie es denn so wäre, ohne Staub zu leben, denn nur diese Sehnsucht lasse mich den Staub halbwegs ertragen. Ihr spinnt doch, denke ich. Und ich frage mich einmal mehr, ob sich meine Wörter zuweilen auch so nackt und unbeholfen fühlen, wenn sie sich mir so zeigen wie heute, wie ich mich manchmal fühle, wenn ich mit Buchstaben jongliere.  So wie heute, so wirr, so unvernünftig, ja genau. So verdammt unvernünftig, unlogisch und sinnlos. Wohl ahne ich, dass sie Scham und Hemmungen nicht kennen. Die haben es gut. Ich möchte ein bisschen sein wie sie, wie meine Wörter.

Obwohl ich mir ja eher (unter uns gesagt) manchmal wünschte, dass die andern (nun ja) ein bisschen mehr so wären wie ich. (Natürlich nur, damit es ein wenig einfacher wäre, sie zu verstehen.) [Wobei. Einfach zu verstehen bin ich ja auch nicht wirklich.] Die gemeinsame Schnittmenge wäre halt größer als jetzt, wo ich ganz viele Menschen da draußen, meist sogar solche, die die gleiche Sprache wie ich sprechen und aus meinem Land stammen, einfach nicht verstehen kann. Oke, ich höre wohl, was sie sagen und was sie meinen, aber alle meine Übersetzungstools scheitern. Denn obwohl diese Menschen mir bekannte Wörter verwenden, scheinen sie etwas anderes zu meinen mit den Wörtern als ich. Zum Beispiel sagen Sie: „Wir sind besorgt um unser Land!“ Klar, das bin ich auch. Aber. Eben. Anders. Kurz und gut: Es wäre doch viel einfacher, wenn sie so wären wie ich. Singt ja schon Büne Huber in seinem uralten Song Grossbrand. [Es gieng mängs viu ringer we sie so wär win i ||| Oder i viellech so wie sie … → Lyrics → Song]*

Aber wie war das gleich noch beim kategorischen Imperativ**? Würden denn meine Maximen taugen? Oder wären sie nur ein weiterer Nährboden, um egoistische Ziele zu erreichen, wie wir das neulich auf Twitter diskutiert haben?

Nachtrag:

Ich schweife ab.

Wörter, so bleibt doch mal stehen, drängelt nicht so, ich kann euch ja so gar nicht lesen. Haltet still. Ihr seid ja wie wir Frauen in der Konzertpause vor den beiden einzigen Klos, die nicht verstopft sind.

Wie? Was sagt ihr? Dass ich mir ja immer vorstellen würde, dass kein Menschen von Anfang an böse sei, sondern erst im Laufe seines Lebens böse geworden wäre. Stimmt. Das ist meine These: Menschen werden destruktiv, weil sie zu wenig konstruktive Kraft erlebt haben, will heissen, zu wenig oder falsch geliebt worden sind. Ja, liebe Wörter, das glaube ich. Bis ihr mir das Gegenteil beweist und mir ein von Geburt an böses Neugeborenes zeigt.

Liebe, sagt Jonathan Safran Foer in seinem wunderbaren, herrlich-schräg-weisen Roman Alles ist erleuchtet, Liebe ist womöglich vor allem eine Idee. Die junge Brod begnügte sich jedenfalls in seinem Roman, da nichts ihren Ansprüchen liebenswert genug für ihre Liebe zu sein genügte, mit der Idee von Liebe.

Sie liebte sich selbst als Liebende, sie liebte es, die Liebe zu lieben, so wie die Liebe das Lieben liebt, und war dadurch imstande, sich mit einer Welt zu versöhnen, die allzu weit hinter dem zurückblieb, was sie sich erhofft hatte. Die große, rettende Lüge war nicht die Welt selbst, sondern Brods Bereitschaft, sie schön und gerecht zu machen und ein Leben zweiten Grades zu leben.

Quelle: Jonathan Safran Foer: Alles ist erleuchtet

Versöhnung. Da komme ich je länger je mehr drauf. Weil sie der Anfang jeden Friedens ist. Am Anfang ist sie ein Same. Eine Idee. Gerne wird sie zur Aktion: Ich reiche dir meine Hand. Ob du mir deine auch reichst, ist für mich letztlich nicht entscheidend.

Ich habe auch, so sagen mir die Wörter nun sehr aufgeregt und ein bisschen verlegen, ich habe mich die größte Zeit meiner ersten Lebenshälfte aktiv (oder zumindest latent) selbst abgelehnt. Oh. Hm. Stimmt wohl. Doch nun will ich den Rest meines Lebens darauf verwenden, das entstandene Minus auszugleichen. Wozu? Um der Balance willen, um der Ausgeglichenheit und Gesundheit willen.

Und ja, es ist gut, dass wir uns damit abwechseln, die heißen Kartoffeln aus der Glut zu holen, sagen die Wörter als letztes. Mal hole ich sie für dich raus, mal du für mich. (Und machmal andere für dich oder mich, mal ich oder du für die andern.)

Ich klopfe Glut, Ruß und Asche weg. Wie Staub kleben sie an der Haut, die ich wie ein Kleidungsstücke abstreifen kann. Die Kartoffel, mit ein bisschen Salz bestreut, schmeckt wunderbar nach Heimat. Obwohl ihre Grosseltern von weit her gekommen sind.

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* NACHTRAG: Achtung: Ironiemodus! 

**»Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« -Immanunel Kant

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2 Kommentare zu „Alle meine Wörter“

  1. Ich zögere gerade, liebste Soso, mit dem Like, und das wirklich zum allerersten Mal bei dir -m- weil ich auch gar nicht weiss, ob ich dich überhaupt verstanden habe. Schon … absatzweise und dann wieder fehlt mir eine Art Zusammenhang und dann stossen mir auch solche Sätze auf, wie dieser:
    Um egoistische Ziele zu erreichen, können wir aus allem möglichen Nährboden dazu schaffen. – bitte erkläre mir doch was egoistische Ziele sind … und was überhaupt gut an Egoismus sein soll- Selbstliebe und Selbstachtung verstehe ich wenigstens nicht darunter, auch nicht, wenn man für sich selbst sorgt- aber vielleicht ist jetzt bei mir dieses Wort verseucht?! Muss ich es vielleicht entmüllen?

    Zur Versöhnung gehört für mich auch die Vergebung – mir und den anderen … nur so als Ergänzung …
    Ein Leben ohne Staub und Dreck? Warum? Und warum sollten alle Menschen so sein, wie ich, ich fände das ziemlich fade. Etwas anderes ist es über die Bedingungen einer Gesellschaft nachzudenken und sich vielleicht zu wünschen, dass noch viel mehr Menschen in dem Punkt meiner oder ähnlicher Meinung wären- meinst du es so?
    Warum nicht auch damit Frieden schliessen, das andere anders sind, solange sie keine Gewalt ausüben?
    Ich mag die Reibung, hier kann ich etwas lernen! Wenn alle so denken würden, wie ich, dann könnten wir uns immer nur zunicken, wie langweilig wäre das denn?!

    Du Liebe, nimm meins als Reibung – lach und wech
    Ulli

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  2. Hach, ich seh schon, es ist problematisch, wenn man einen Tweet, der Teil einer ganzen Geschichte ist, rauspickt. Bei der Diskussion ging es eben schon vorher um das Thema Egoismus …
    Egoistische Ziele zu kollektiven Zielen machen zu wollen ist zum Beispiel, wenn reiche Politiker Steuern für Großbetrieb möglichst tief halten wollen, um persönliche Gewinne zu erzielen. Da gibt es sicher bessere Beispiele (fällt mir bloß grad keins eins).

    Was ich sagen will: Nicht immer sind jene Ziele und Maximen, die wir (als Einzelne, als Gesellschaft) leben, ethisch 1a. (Außer meine natürlich, und deine …).
    Und da sind wir beim zweiten Verständnisproblem: Ich hatte zuerst unter dem Artikel hingeschrieben, dass der Artikel Spuren von Ironie enthalte, doch da ich dachte, das sei je total logisch und müsse nicht deklariert werden, habe ich es wieder gestrichen.
    Denn natürlich ist es augenzwinkernd zu lesen, dass ich mir wünschte, dass alle so sein müssten wie ich. Dass gerade du das nicht durchschaut hast, macht mich betroffen. (Hätte ich doch den Zusatz stehenlassen.) So ist ja auch der zitierte Song gemeint. Büne macht sich lustig über sich selbst und diese vermaledeite Sehnsucht danach, einfach nur verstanden zu werden. Und das können eben (Achtung: Ironisch gemeint) nur jene, die so sind wie wir … oderrrr?
    Hilft dir das nun, zu verstehen?

    EDIT: Habe nun noch Nachträge eingefügt, damit nicht noch andere auf die falsche Spur geführt werden.

    Und ja, natürlich: Versöhnung ist für mich die siamesische Schwester der Vergebung. Für mich kommt die Vergebung vielleicht manchmal sogar vor der Versöhnung. Je nach Situation. Über sie habe ich ja schon oft gebloggt, deshalb habe ich sie diesmal unerwähnt gelassen. Alles hat ja nie Platz in einem einzigen Artikelchen. 😉

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