Anlachen

Es ist ja nicht so, dass ich nicht gerne lache. Im Gegenteil. Sehr sogar. Manchmal sogar Tränen und manchmal so, dass mir hinterher alles weh tut, insbesondere der Bauch, oder dass ich Muskelkater im Gesicht habe oder ganz dringend aufs Klo muss, um nicht vor Lachen in die Hose zu pinkeln.

Dennoch ist Humor zugegeben, für mich kein wirklich einfaches Ding. Mache ich mal eine wie ich meine lustige/ironische oder zumindest lustig/ironisch gemeinte Aussage, läuft es oft darauf hinaus, dass niemand lacht. Und niemand merkt, dass das jetzt lustig/ironisch oder zumindest lustig/ironisch gemeint war. Kurz: Dass ich nicht verstanden werde. Nun ja. Das war eigentlich schon immer so. Mag sein, dass man mir wegen meiner oftmaligen Ernsthaftigkeit keinen Schalk zugesteht und/oder zutraut oder meine Witze und humorvoll gemeinten Aussagen einfach nicht/s taugen oder vielleicht ist es einfach nur deshalb so, weil mein Humor ein klitzeklein bisschen heyokaesk ist?

Die Heyoka waren, salopp gesagt, die Hofnarren oder Clowns der Lakota. Ihre Art Humor bestand darin, Dinge auf den Kopf zu stellen. Oder, wie Wiki schreibt:, waren sie „… solche Personen, ‚die sich einem außergewöhnlichen Lebensstil widmeten, bei dem sie das Gegenteil von dem ausführten, was andere gewöhnlich taten. Hierbei kehrten sie alle Konventionen ins Gegenteil‘.

Wenn ich also sage Ach, wären doch alle so wie ich, dann wäre alles viel einfacher!, meine ich das natürlich nicht wortwörtlich, sondern ich ziehe die Aussage – bereits indem ich sie mache – ins Absurde. Nur dass das mal wieder niemand merkt (Schöner Mist!).

Vielleicht mag ich deshalb die Songs von Patent Ochsner so!? Nicht nur die Melodien und Kompositionen, meine ich, sondern eben auch, oder wohl ganz besonders, die Texte, die Aussagen, die feinen Dopppelbödigkeiten.

Nun ja, vieles sind definitiv Heyoka-Texte. Das gestern erwähnte Lied Grossbrand ebenso wie das nachfolgend zitierte.
Und viele andere. Die meisten wohl.

no geits
ganz z ersch chumen I
& när chunnt ganz lang nüt
I frisse locker jedes täller läär
& teile nüt mit frömde lüt
ja we’s scho nid für alli längt
so doch de wenigschtens für mi
was gö mi nachbars sorge a
die kümmere mi nid
kümmere mi nid
I weiss
me seit es sig nid guet eso
aber eso geit’s o

(Quelle: Patent Ochsner)

noch geht es
ganz zuerst komme ich
& nachher kommt ganz lange nichts
Ich fresse locker jeden Teller leer
& teile nichts mit fremden Leuten
ja, wenn es schon nicht für alle reicht
so doch dann wenigstens für mich
was gehen mich Nachbars Sorgen an
die bekümmern mich nicht
bekümmern mich nicht
ich weiß
man sagt, es nicht gut so
aber so geht’s auch

Lachen ist wie Lieben eine jener ganz und gar irrationalen Haltungen (Handlungen? Taten?), die gewaltlos Grenzen einreißen kann und vielleicht sind ja Lachen und Lieben ein wenig wie aus Steinen am Fluss Türme zu bauen?

Ich baue sie oft. Im Sommer vor allem und wann immer ich die Gelegenheit dazu habe. In Flussbetten am liebsten, aber eigentlich muss ich noch nicht mal Wasser drumherum haben. Die Ruhe, die mir die Beschäftigung mit Steinen befällt, mag ich sehr. Es ist eine Art Hingabe an sie, an den Moment, an die Beschaffenheit der Steine, an ihre vollkommene Unvollkommenheit, an ihre Kanten und Ecken und Unebenheiten. Ich gebe mich auch meiner Tagesform hin, denn sie entscheidet darüber, wie ruhig meine Hände sind und wie hoch mein Männchen werden wird. Ich gebe mich mir und meinem oft genug instabilen Gleichgewichtssinn hin. So ist Steinmännchenbauen eine jener wunderbar zentrierenden Handlungen – neben Schreiben, Sex, Lachen und Lieben –, wo ich ganz und gar wunschlos bin.

Wunschlosigkeit als Perpetuum mobile? Lachen als dessen erster Impuls?
Wer weiß.

Oder
ein Anlachen gegen,
ein Lachen für.

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10 Kommentare zu „Anlachen“

  1. Im Rahmen meiner Gesundheitsclownausbildung habe ich einen Vortrag zum Thema Heyoka gehalten. Das Schicksal der Heyokas war oftmals ein trauriges. Die Regeln, die zu befogen hatten, waren teilweise sehr grausam. Bei kriegerischen Ausseinandersetzungen mussten sie z.B. wenn der Befehl zum Rückzug kam, dem Feind entgegenreiten, dass bedeutete dann meisst der sichere Tod. Sie mussten im Winter nackt gehen und sich im Sommer in Pelze hüllem.
    Sie führten das Leben von Aussenseitern und es war in meine Augen alles ander als lustig.

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    1. Ja, ich weiß. Diese Leben hatten mehr mit Wahr-sehen als mit Humor zu tun. Und ich glaube, da ist eben meine Art, Dinge zuweilen “konvetionell unpassend” zu sagen ein wenig verwandt (ich maße mir aber nicht an, zu denken, eine Lebensaufgabe wie jene eines Heyokas zu haben).
      Danke für deine kostbare Ergänzung und willkommen hier.
      Auf baldiges Wiederlesen?!

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    2. Herzlichen Dank für das Willkommen
      Ich lese seit kurzem recht regelmässig.
      Obwohl ich mich ja bei meinem eigenen Blog auch über jeden Kommentar freue, kommentieren tue ich eher selten und nur wenn ich das Gefühl habe, wirklich etwas zu sagen zu habe.
      Ich finde es sehr schön, wenn ich Menschen zum Lachen bringen kann und das nicht nur in der Rolle der Clownin.
      Ich stelle es mir etwas frustrierend vor, wenn man dem Gegenüber kein Lachen entlocken kann.

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    3. Es ist in der Tat frustrierend, dass ich mit Sprüchen selten Lacher erzielen kann – doch lache ich zu gerne mit anderen mit, so dass ich doch viele Gelegenheiten zum Lachen habe. Dass Lachen Medizin ist, ist ja keine neue Erkenntnis. Ich finde es aber schön, dass Humor & Clownerie heute immer mehr in die Heilprozesse Eingang findet.
      Schön, dass du da bist.

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