Diese Sehnsucht nach Erlösung

Was genau ich geträumt habe, ist nicht relevant, zumal ich mich nicht mehr erinnere. Woran ich mich aber genau erinnere, ist, dass ich um Lösung, Erlösung, Auflösung herum geträumt habe.

Eine der Erinnerungsspuren zurück in die Traumhandlungsebene befasste sich mit Druckaufbau, mit Leistungsdruck, mit Pflichten, mit Erwachsensein vielleicht auch − doch möglicherweise kam diese Ebene erst dazu, als ich bereits in jener Phase kurz vor dem Aufwachen war, wo Träume es sich zuweilen anders überlegen und sich zurückziehen, um nicht die Schwelle zur materiellen Realität überschreiten zu müssen. (Ob sie den Schmerz ahnen, die Träume, der auf sie wartet, vielleicht, falls sie wahr, falls sie real würden? Und wäre es denn Schmerz?)

Was brauche ich? Was tut mir gut? Zwischen Notwendigkeiten und Luxus ist ein großer Graben. Was brauchen das Kind-in-mir wirklich? Und was brauche ich erwachsener Mensch? Was brauche ich wirklich um der Wirkung, der Wirksamkeit, der Wirklichkeit willen und um sie zu ertragen? Was erfüllt mich, was erlöst mich, was heilt und was nährt mich? Was wendet Situationen, die wie Sackgassen aussehen und mir Angst machen?

Sind es letztendlich weniger die Dinge an sich, Materie und Umfeld, als vielmehr die Bewegungen, die Handlungen, unsere Hingabe und Zuwendung, ein Blick, eine Berührung, die uns erlösen?

Wenn ich so um mich schaue (oder/und weil ich von mir auf sie schließe), dünkt mich das ganze Paket, das manche Freundinnen und Freude so mit sich herumtragen, verdammt groß und schwer. Unlösbar schwer?

Brauche ich, brauchen wir alle vielleicht deshalb im Alltag immer wieder unsere Erlösungen?
Ist das Leben nicht ein einziges Spannungsbogen aufbauen und Spannungsbogen abbauen?
Spannung
und Erlösung.
Hin zu mir,
weg von mir.
Ewiges Auf und Ab,
endliches Kreisen.

Ja, ich brauche Erlösungen. [Und ich vermute, dass sogar ein Mord eine Art Selbsterlösung sein kann, zuweilen, auch wenn das für mich keine Option ist. Außer vielleicht im Lesen von Krimis.]

Wie ich mich am liebsten erlösen lasse? Zum Beispiel durch eine wunderbare, mit dem Liebsten zusammen gekochte Mahlzeit. Durch den gemeinsamen Gaumengenuss. Oder − wie gesagt − von Geschichten anderer in Büchern und Filmen. Auf Wanderungen und Radtouren erlöst mich die Natur. Immer ist es wohl diese Hingabe an den Augenblick, ans Jetzt, die mich erlöst, zuweilen beinahe auflöst. Mich in mir. Wie im Orgasmus. Oder im Wasser, beim Duschen oder Schwimmen. Und im Fluss von Musik, von Stille und von Schlaf.

Ich ahne, dass die definitive Erlösung der Tod ist.

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