Zwischenräume

Ich vermute, dass ich nicht die Einzige bin; ich ahne, dass die meisten von uns sie tendentiell vermeiden, diese Räume und diese Zeiten zwischen den Dingen. Wir füllen sie, wenn wir sie nahen sehen, schnell auf. Ich zum Beispiel schütte die Lücken mit Lesen, Filme gucken oder mit Aktivitäten auf dem Handy (wie Bilderbearbeiten, Twittern, Elloen u. a.) auf. Schnell, schnell, damit mich nicht etwa ein Hauch von Leere treffe.

Doch manchmal schaue ich ihnen in die Augen, diesen Räumen zwischen den Dingen, und schreite mitten hinein, mitten in diese Lücke, in dieses Nichts zwischen den Dingen. Schreibenderweise gelingt mir das meistens am besten oder Bilder bearbeitend oder malend. Und auch beim stillen Wandern. Manchmal.

Wenn ich mich in die Zwischenräume gewagt habe, bin ich jedes Mal froh darüber, denn dort geht es mir gut. Oft sogar viel besser als in den fest definierten Räumen, die die Zwischenräume flankieren. Seltsam also, dass ich mich ihnen immer nur mit gewissen Widerständen nähere. Oder so seltsam auch nicht, weil ich weiß, dass mich die Zwischenräume aus dem meist viel zu engen Zeitgewand heben und ich mich nach meinem Besuch in den Räumen zwischen den Dingen ein wenig desorientiert fühle.

Schreiben kann, schreiben muss aber nicht, zwingend dieses Ding sein, das mir den Gang zwischen den Räumen erleichtert.

Schreiben kann, schreiben muss aber nicht, Erlösung sein, doch manchmal ist selbst schreiben nichts anderes als hinkender Aktivismus.

Je älter ich werde, desto mehr ahne ich, dass es eigentlich diese Wanderungen zwischen den Räumen sind, die das Leben lebenswert machen. Es ist die Stille zwischen dem Lärm, dieses Hinfühlen inmitten von Aktionismus. Es sind die Zwischenräume, die alles verändern, das Davor und das Danach; und das Darüber und Darunter auch irgendwie, weil die beiden uns zeigen wollen, woher wir kommen und was uns hält. Die Zwischenräume machen den Unterschied, sie machen aus dem Immer-immer-gleich ein Immer-wieder-anders. Sie verschieben meine Wahrnehmung und machen es möglich, dass ich aus dem Drehen um mich selbst herausgerollt werde und auf einmal, im Gras auf dem Rücken liegend, die Wolkentiere spielen sehen kann, wo vorher nur ein paar Wolken durch den Himmel segelten.

Vielleicht besteht ja die Kunst aller Künste darin, diese Zwischenräume zu erkennen? Die eigentliche Kunst wäre es somit, die im Dialog mit den eigenen Zwischenräume gewonnenen Erkenntnisse auf unsere ART und Weise auszudrücken.

Ich jedenfalls brauche Räume, brauche Luft, brauche Zeit zwischen Dingen. Leerschläge. Lücken. Pausen.

Einen dieser Zwischenräume, ein Zwischenraum zwischen den Zwischenräumen vielleicht sogar, wird hoffentlich unsere Wanderung sein. Mit Irgendlink, diesem ganz besonders für das Lesen zwischen den Räumen begabten Menschen, werde ich in ca. zehn Tagen loswandern. An den Ufern des Rheins entlang soll die Reise führen. Ruhig und im ganz eigenen Tempo. Anfangen wollen wir im Bündnerland, am Tomasee.

Wir werden auf unserem neuen gemeinsamen Blog darüber schreiben. Hier könnt ihr mitwandern → flussnoten.de

Und hier hat Irgendlink gestern auch ein paar Zeilen darüber geschrieben → irgendlink.de

Advertisements