Wahrscheinlichkeiten und das Dasein

Dieses menschliche Dasein sei ein Gasthaus, sagte Rumi, ein Sufi-Dichter im 13. Jahrhundert. Alles, was und jeder, der uns begegne, sei unser Gast, der uns weiterführen wolle. Schweres sei also ebenso ein Gast wie Freude (klick zum Original).

Ich zitiere die letzten Zeilen:

Begrüsse und bewirte sie alle!
[…]
begegne ihnen lachend an der Tür
und lade sie zu Dir ein.
Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn alle sind zu deiner Führung
geschickt worden aus einer andern Welt.

Ich frage mich, ob es »wirklich« so ist, wie es da heißt, also dass uns – dir, mir – alles, was geschieht, zur Weiterführung und Lehre geschickt sei. Und wo sich diese andere Welt befindet, wer sie regiert und ob es für jede und jeden eine andere ist. Und ich frage mich, ob alles letztlich nur durch unsere Interpretation des Lebens wird, was es wird und wirkt, wie es wirkt.

Eben stolpere ich über mein obiges »wirklich«, was ich gedankenlos meist mit »wahr« gleichsetze.

Huch – Wahrheit. Wo ich doch schon sehr lange ahne, dass es DIE Wahrheit nicht gibt. Einzig vielleicht als Synonym von Liebe. Aber auch das ist eher Ahnung denn Faktum.

Dafür glaube ich an die (kleine, punktuelle) Wahrheit der Wahrnehmung unserer persönlichen Wirklichkeit.

Wirklichkeit: Ist wahr, was wirkt?
Wahrnehmung: Ist wahr, was ich für wahr nehme?

Ich nehme aus den Augenwinkeln immer mal wieder die Wahrscheinlichkeit oder Möglichkeit wahr, eines Tages der Illusion in die Augen schauen zu können. Diese Illusion, für die ich das irdisch-materielle Leben im Großen und Ganzen halte.

Darum ist Leben, mein Leben zumindest, vielleicht & letztlich nur in einer Art Konjunktiv, einer Art Möglichkeitsform lebbar.

Fakt ist*, dass sich alles zu allem irgendwie verhält.
Sich nicht zu verhalten ist nicht möglich.**
[Gibt es also letztlich gar keine Neutralität, keine Gleichgültigkeit?]
Außer wenn man tot ist?

Wahrheit
in Relation zu
Wahrscheinlichkeit
in Relation
zu Wirklichkeit

Das eine nicht ohne das andere?
Alles hängt zusammen?

Müsste es in diesem Fall also doch eine letzte Wahrheit geben? Eine aber, die sich nicht um Religionen und Rechthabereien schert und die uns nicht nach bewertet, ob man an sie glaubt oder nicht? Eine, die einfach existiert, weil sie nicht anders kann, weil sie einfach wahr ist? Eine Wahrheit auch, der es egal ist, ob wir sie erkennen oder nicht.***

Geht aber Wahrheit ohne Gefühl?

Und was ist mit dem Begriff »echt« als mögliches Synonym zu »wahr«?


* Oh, ist es wirklich und wahrhaftig so?
** Sagt eigentlich wer?
*** Höre ich da jemanden sagen: Ja, die Wissenschaft! – Mag sein, nur ist die Wissenschaft ja auch nur ein Forschungsgebiet, das die Wirklichkeit Stück für Stück zu erforschen versucht und nie fertig wird, weil alles viel zu groß und viel zu unfassbar ist für uns Menschen.

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