Das Dualboot der Seele 

Zukkini, Zuschini oder doch eigentlich Zugetti, wie wir SchweizerInnen eins meiner Lieblingsgemüse nennen? Wie spricht man das Ding denn bloß richtig aus? Und spielt es überhaupt eine Rolle, was richtig ist? Hat nicht jede und jeder ein anderes Richtig? Ist es Intelligenz, die uns motiviert, anderen sagen zu wollen, wie man etwas richtig ausspricht oder ist es nicht vielmehr das Bedürfnis, recht zu haben, besser zu sein, es besser zu wissen?

Ich gestehe, dass ich nicht über dieser Sache stehe und und ich gestehe weiter, dass sich mir die Haare sträuben, die Nägel einrollen und das Herz schmerzt, wenn jemand MaLLorca sagt statt Maiorca. Wo doch jedes Kind weiß, dass zwei spanische ll als i ausgesprochen werden.

Vor etwa zehn Monaten habe ich, eher zufällig, will heißen weil ich Gelegenheit und Geld hatte und am richtigen Ort war, zu einem Aktionspreis einen neuen Laptop gekauft. Der Gedanke war nicht neu, denn für meine Kundenaufträge brauche ich, damals noch im Konjunktiv, zuweilen Windoofprogramme und Word. 2012 hatte ich auf Ubuntu umgestellt und war und bin glücklich damit. Sollte ich auf dem neuen Laptop nun Windoo belassen, oder …?

Dualboot ist das Zauberwort, das ich rief, denn auf einem Rechner können gleichzeitig zwei Betriebssysteme laufen. Wenn man denn weiß wie sie zu installieren sind. Irgendlink übernahm diesen Teil. Seither kann ich dualbooten. Je nach Bedarf wähle ich Ubuntu (meistens) oder Windoo (selten).

Dass wir andere Menschen nicht verstehen können, weder warum sie etwas so sehen noch warum sie etwas so tun oder gar sich so und so verhalten, liege – so mutmaßte ich gestern Morgen, als Irgendlink und ich über die Zustände auf der Welt, die doch nur ein Abbild der zwischenmenschlich schiefliegenden Kommunikation seien, sprachen – es liege wohl daran, dass wir Menschen unterschiedliche Betriebssysteme installiert hätten. Neulich in einem Bericht über Zwillingsforschung hatte ich einmal mehr über die ewigen theoretischen Ansätze, ob das menschliche Verhalten eher Produkt seiner Gene oder seiner prägenden Umgebung sei. Immer wieder wird diese Frage diskutiert. Und seit ich meine pädagogische Ausbildung abgeschloßen habe, hat sich offenbar gar nicht soo viel verändert. Wir seien eine Mischung aus Genprogrammen, die jedoch durchaus gewissen Umständen und Veränderungen unterlägen sowie der uns prägenden Umgebung, las ich also in besagtem Bericht. In meinen jungen Jahren hätte ich mir zuweilen gewünscht, die Forschung fände heraus, dass wir alle gar nichts dafür können, weil doch die Gene. Ich hatte es schon damals schwer gefunden, zu akzeptieren, wie wir waren, was wir warum taten und selbst eine zu sein, die. Nicht besser. Aber wenn daran doch die Gene schuld gewesen wären. Nun ja.

Wir selbst sind es, die. Die sich nerven, wenn jemand Zuschini sagt. Oder andere schlimme Dinge tun. Schlimmere Dinge. Der Liebste ist einer der wenigen Menschen, die ich kenne, der sich auf diese lächerlichen Machtspiele nicht einlässt. Nicht mehr. Energieverschwendung sei das. Manchmal wünschte ich mir, dass ich mir dieses Betriebssystem auch installieren könnte, oder vielleicht gibt es ja schon bald ein Plugin, das mit meinem Betriegssystem kompatibel ist. Er habe das nicht immer können, sagt er allerdings. Und er müsse sich auch immer wieder dazu entschließen, nicht in die Falle zu treten.

Auch ich kann wählen. Immer. Na ja, fast immer. Kann wählen, ob ich mich in eine doofe aussichtslose Twitterdiskussion mit einem bornierten Zeitgenossen einlassen will. Oder nicht. Nacherziehen funktioniert ja eh nicht. Und alle Menschen so hinbiegen, dass sie …

Pipi Langstrumpfs „Ich mach mir die Welt, wiedewiedewiesie mir gefällt“ heißt ja nicht, dass. Aber ich kann dem, was mir gut tut, mehr Raum geben und dem, was mich schmerzt, kein Futter mehr in den Napf kippen.

Ist doch egal, ob du Zuschini oder Zugetti sagst, Hauptsache, ich weiß, was du meinst.

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Dieses Erwachsensein

Das Kind, das ich war, stellte sich Erwachsensein als etwas Großartiges vor. Als Kind sehnte mich nach der Freiheit, die ich mir vom Erwachsensein versprach. Wäre ich erst erwachsen, würde mir niemand sagen, was ich tun müsste. Ich könnte machen, was ich wollte mit meiner Lebenszeit.

Freiheit? Nun ja, die ordne ich heute eher Kindern zu. Und mir fällt dazu ein Satz ein, den mein Vater oft zu mir und meinen Geschwistern gesagt hatte, wenn wir über irgendwelche Einschränkungen lamentierten: Genießt das Kindsein, es ist früh genug vorbei. Und seine Frage an unsere Mutter, die er stellte, wenn er am Abend von der Arbeit nach Hause kam, lautete oft: Konnten sie heute Kindsein?

Heute Morgen bin ich auf Krautreporter, meiner Online-Tageszeitung, einem Link in die dortige Bin-ich-normal-Serie gefolgt: Bin ich normal, wenn ich mich als Erwachsene nicht erwachsen genug fühle?

Über das Peter Pan-Syndrom lese ich dort und dass die Wirtschaft uns Menschen möglicherweise bewusst infantil halte, weil wir auf diese Weise manipulierbarer seien und mehr konsumierten. Mag sein.

Jetzt tu doch nicht so erwachsen!, sagen wir zuweilen, wenn uns ein Mensch mit seinem sturen Verhalten nervt; und ich ertappe mich dabei, dass für mich Erwachsensein zu einem Synonym für Unflexibilität, Sturheit, Humorlosigkeit und grauer Langeweile geworden ist.

Während die Langeweile eines Kindes farbig ist, sonnendurchflutet und Raum für Tagträume schafft, ist jene der Doofen Erwachsenen grau und riecht nach Unzufriedenheit. Nicht vergessen: Doofe Erwachsene unterscheiden sich nicht nur von Kindern, sondern auch von Guten Erwachsenen grundlegend. Während sie im Spiel und Nichtstun keinen Sinn sehen (außer wenn sich dabei etwas messen lässt), stattdessen alles rationalisieren und objektivieren, haben Gute Erwachsene ein Gespür für die Nischen im Alltag, für das Spiel, für die Tagträume, für die Absichtlosigkeit, die sie aus der Kinderzeit in ihren erwachsenen Alltag gerettet haben. Gute Erwachsene haben das Kind, das sie waren, noch immer ganz nah in sich drin, selbst dann, wenn sie sich kaum mehr an Fakten aus ihrer Kindheit erinnern. Sie erinnern sich aber daran, wie es damals war, als noch alles möglich war.

Der dritte mir bekannte Erwachsenentypus ist übrigens der oder die Unerwachsene Erwachsene, auf welchen sich der erwähnte Krautreporter-Artikel vermutlich bezieht.

Wenn ich in den Sozialen Medien manchmal Diskussionen beobachte, sehe ich, wo, was und wie die Guten und wo, was und wie die Doofen und was, wo und wie die Unerwachsenen Erwachsenen schreiben. Wobei. So einfach ist es nicht, denn viele von uns haben mehrere Erwachsenentypen installiert und die Grenzen sind fließend.

Auch die Unerwachsenen Erwachsenen sind meiner Erfahrung nach weitverbreitet. Sie sind die, die auf keinen Fall werden wollen wie die Doofen Erwachsenen. Dass es auch Gute Erwachsene gibt, interessiert sie nur am Rande. Erwachsensein ist ihnen grundsätzlich suspekt, unheimlich. Sie leben zwar in einem erwachsengewordenen Körper, doch ihr Verhalten ist punktuell oder flächendeckend das eines Kindes.

Kindliches Verhalten ist bei einem Kind normal, bei einem Erwachsenen befremdend. (Und umgekehrt ist auch erwachsenes Verhalten bei Kindern befremdend.)

Ob die psychologische These stimmt, dass wir in Lebensbereichen und Lebensphasen, in welchen wir traumatische Erfahrungen gemacht haben, steckenbleiben? Und wenn ja, ob das der Grund ist, warum manche nicht erwachsen werden können? Wäre diese Erklärung aber nicht ein bisschen zu einfach?

Ich frage mich, ob vielleicht auch das Männlein-Verhalten so ein Phänomen unserer Zeit sein könnte? Männlein nennen wir übrigens jene jungen Kerle, die ihren Selbstwert mit Lautstärke (Stimme, Automotor) und potentieller Potenz (schnelles Auto) sicht- und hörbar machen müssen. Im oben genannten Krautreporter-Artikel von Susan Mücke lese ich dazu: »Junge Erwachsene sind auch besonders häufig für Unfälle im Straßenverkehr verantwortlich. Fast jeder fünfte Unfall mit Personenschaden (19,8 Prozent) durch einen PKW wurde von einem 18- bis 24-Jährigen verursacht. Meistens ist eine „nicht angepasste Geschwindigkeit“ dafür verantwortlich.«

Was aber ist es denn, das die Guten Erwachsenen auszeichnet und von den Doofen und Unerwachsenen Erwachsenen unterscheidet?

Der oder die Gute Erwachsene kann

  • relativieren
  • Verantwortung übernehmen für das eigene Handeln
  • Mitverantwortung übernehmen für die Mitwelt
  • Zusammenhänge erkennen
  • sich anderen gegenüber, die anders denken, adäquat verhalten
  • über sich selbst lachen

und hat

  • Gelassenheit
  • Humor
  • es nicht nötig, sich zu vergleichen und zu profilieren
  • Verständnis dafür, dass sich alles ständig verändert
  • genießen

und ist

  • empathisch
  • klar
  • kritikfähig
  • nicht besitzergreifend

Natürlich können auch Unerwachsene oder Doofe Erwachsene lieben, lachen, verantwortungsbewusst handeln und so weiter, doch in meiner ganz persönlichen Differenzierung fehlen ihnen die Tools für Vernetzung und den zusammenhängenden Blick in die Welt. Gerne schieben sie Schuld oder auch nur Verantwortung ab und hängen ihre Fahnen nach dem Wind.

Und ja, auch ich habe doofe und unerwachsene Anteile. Mit meiner Aufzählung will ich darum mir selbst Mut machen (dir vielleicht auch), der Guten Erwachsenen in mir drin mehr Raum zu schaffen und das Erwachsensein mit neuen, positiven Synonymen wie Reife zu füllen.


(PS: Dem augenzwinkernd-satirischen Unterton zum Trotz meine ich das hier eigentlich ziemlich ernst.)

Auswahl

Frau Rebis radelt zurzeit durch Tschechien. Sie bloggt und twittert von unterwegs. Gestern hatte sie ein Dilemma, das ich gut kenne. Auf der großen Zeltwiese galt es auszuwählen, wo sie ihr Zelt auf bauen soll.

»Ist nur ein wenig schwierig, auf der riesigen freien Wiese einen Platz für das Zelt auszusuchen. Wirklich jetzt: wenn so gar nichts dasteht, wenn ich riesige freie Wahl habe, woran orientiere ich mich dann?«

Quelle: fraurebis.wordpress.com

Könnte ich tun, was ich wollte, ohne Gedanken an den Verdienst, weil ich Bedingungsloses Grundeinkommen erhalte zum Beispiel, wie würde ich dann leben? Wo würde ich leben und wie würde ich meine Lebenszeit verbringen?

Wie viel Sinnhaftigkeit beziehen wir dadurch, dass da Vorgaben sind – ob nun andere Zelte oder Menschen, die etwas so und so tun.

Hängt das Recht auf ein gutes Leben davon ab, wie viel wert mein Leben hat? Wie viel wert ist und hat ein Leben? Deins, meins, irgendeins. Müssten sie nicht theoretisch alle gleich viel wert sein? Und wer misst das und woran? Und was ist die Währung?

Hängt mein, dein, unser Wert womöglich davon ab, welche Spuren wir hinterlassen, was wir tun, was wir unterlassen, wie sehr wir der Gesellschaft dienen und wenn ja, womit? Ist es dieser Wert der meinem Leben das Recht auf ein gutes Leben gibt? Ist es womöglich dieser Wert, der einem Leben seinen Sinn gibt?

Und wie steht es mit jenen Dingen, die ich tue, weil sie mir Freude machen und mir gut tun, aber letztlich niemandem dienen? Damit meine ich nicht erholungsbedingtes Abhängen, Lesen, Lachen, Einfachsein, sondern jene Dinge, die ich Kunstschaffen nenne. Die Arbeit an meinen Texten zum Beispiel oder das absichtslose Appen von Bildern, Bloggen auch; alles also, was mit dem Ausdruck meiner ganz persönlichen Perspektive zu tun hat?

Fazit? Ich tue etwas, weil ich etwas verändern will – innen und außen. Weil ich die Welt zu einem besseren, schöneren Ort machen will. Ob es mir gelingt, weiß ich nicht, aber ich will es. Und so ähnlich sehe ich es übrigens auch mit der Arbeit. Nur um des Geldverdienens willen zu arbeiten, liegt mir nämlich gar nicht.

Könnte ich auswählen, was würde ich tun?
Und du?

Was wahr ist und was wirklich – reblogged

Ich freue mich immer, wenn meine eigenen Gedanken irgendwo an anderer Stelle ähnlich gedacht werden. Das Thema meines letzten Blogartikels zum Beispiel.

Heute lese ich im Logbuch von Rittiner & Gomez auf Isla Volante folgendes.

ja. wie ist das möglich, dass du im meiner wohnung auftauchst, dass du … sprechen …

ich sagte es doch bereits, ich war da – und schon hier, als du kamst!

das ist nicht wahr!

hm?

warum soll ich dir glauben, dass …

entschuldige bitte, lass uns das in der wohnstube bereden, dieser flur atmet durchgang, ist en passant, kommen und gehen, da zieht es mich hinaus. und außerdem zieht es.

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