Sehen oder nicht und wenn ja, wie und womit

Anfang dieser Woche sind Irgendlink und ich nach Hessen gefahren. Unser Besuch bei Frau Traumspruch hat mich tief berührt und tut es noch. Zum einen wollten wir sie schon lange persönlich kennenlernen, zum andern durften wir ihr, auf die Bitte anderer hin, ein Gerät vorbeibringen, das ihr hoffentlich dabei hilft, mit dem ihr verbliebenen Sehrest Texte zu lesen.

In das Gerät gelegte Texte lassen sich damit fast beliebig vergrößert auf dem Bildschirm anzeigen. Lesen als fast Blinde fällt Frau Traumspruch schwer. Ihre Augen hindern sie am Sehen. Das ist ein Hindernis, in der Tat, und ja, wer wenig oder gar nicht mehr sieht, gilt in unserer Gesellschaft als behindert. Behindert ist aber womöglich in erster Linie unser Umgang mit den gegebenen Einschränkungen.

Doch zum Glück findet da und dort ein Neudenken statt und gibt es auch schon einige Hilfsmittel, die es blinden Menschen erleichtern, sich in der sich verändernden Welt, eben auch in der virtuellen Welt, halbwegs befriedigend zu bewegen. Die Lobby für Blinde ist jedoch nicht riesig, sonst gäbe es im Softwarebereich bestimmt schon überzeugendere Werkzeuge als die Screenreader von Apple und MS. Da ist noch viel Entwicklungspotential, denn sie lesen mal vor, was da steht − inklusive aller Sonderzeichen und Icons −, mal lassen sie aus, was wichtig wäre. Immerhin lesen sie vor, denn einen Bildschirm mit Brailleschrift zu bestücken dürfte technisch eher schwierig sein.

Wer etwas Kostbares verliert − ob das Augenlicht oder einen geliebten Menschen ist dabei vielleicht sogar sekundär -, muss sich neu erfinden, neu zusammensetzen. Wohl denen, die dabei nicht verbittern.

Dass sie nie hadere, behauptet Frau Traumspruch nicht. Auf die Frage, was sie jetzt gerne tun würde, wenn sie könnte, wie sie wollte, antwortete sie einer Bekannten: In ein Museum gehen. Ja, auch Blinde möchten Bilder sehen. Möchten teilnehmen, teilhaben an Kunst, an Ausdruck, an Politik, am kulturellen Leben. Mich berührt, dass Frau Traumspruch nicht im Hader stecken geblieben ist, als sie vor neun Jahren innert Wochen fast ganz erblindete. Ich freue mich, dass sie sich dem Neuen gestellt hat und eine Zufriedenheit ausstrahlt, die ich manchmal bei mir selbst vermisse. Zufriedenheit, ja, und ich wünsche es uns allen, dass wir im Frieden sein können mit unserem So-Sein.

Mit Frau Traumspruch, ihrem Partner und Irgendlink zusammen am Tisch zu sitzen und über das Leben nachzudenken, zu spüren, was ist und was geht und was möglich wäre, hat mich ermutigt, mehr wieder am Frieden mit mir selbst zu arbeiten.

Was wir alle konkret tun können? Bilder, die wir in den sozialen Netzwerken teilen, können wir beschreiben. WordPress-Bilder werden zum Beispiel im Bearbeiten-Modus beschrieben − in der App ebenso wie am Rechner. Es ist ganz einfach: Wir klicken uns in die Alt-Text-Zeile und beschreiben, was das Bild zeigt. Nennt die Gegenstände, Menschen, Formen und Farben auf dem Bild, allenfalls auch die Bildebenen wie Hinter- und Vordergrund. Nein, es braucht keine Interpretation und Intention, keine grossen Geschichten, einfach nur die Bildinhalte.

Bei Twitter können wir innerhalb der App (jedenfalls bei den neueren Updates auf iOS, bei Android weiß ich nicht) das Tool ‚Bildbeschreibung‘ in den Einstellungen* freischalten, um ab sofort jedes Bild kurz beschreiben zu können (Dieser Textbereich hat deutlich mehr als 140 Zeichen und die Bildbeschreibung ist danach im Quelltext des Bildes, als Bildinformation, mit dem Bild verknüpft). Kleiner Aufwand, große Wirkung!

Neuerdings lassen sich bei Twitter auch über den Browser − jedenfalls mit Mozilla geht es − Bildbeschreibungen einfügen. Dazu einfach das Bild antippen und auf den Button ‚Bildbeschreibung hinzufügen‘ klicken. So lässt sich das Bild, wie oben erwähnt, beschreiben.

Wenn ein Tweet mit einem Bild in Frau Traumspruchs Timeline erscheint, wird er ihr vorgelesen. Doch das Bild im Tweet kann natürlich nur dann vorgelesen werden, wenn es mit einem Text verknüpft ist. Andernfalls bleibt die blinde Twitterin mit dem illustrierten Tweet auf dem Trockenen sitzen.

Ein Beispiel gefällig? Ein Tweet lautet vielleicht so: »Guckt, was ich heute im Wald gesehen habe. Doppelpunkt.« Dann das Bild.

Ohne Bildbeschreibung versteht der oder die Betroffene nicht, worum es geht. Mit Bildbeschreibung kann er oder sie mitstaunen und mitdiskutieren.

Bei Instagram können wir ebenfalls Bildbeschreibungen einfügen, allerdings nicht im Quelltext, soviel ich weiß, aber immerhin können wir einen Bildkommentar vor dem Publizieren des Bildes einfügen.

Ich persönlich war sehr unsicher, wie ich mit künstlerisch erstellten Bildern oder Collagen umgehen soll. Da reicht es, sagt Frau Traumspruch, wenn sie etwa grob weiß, worum es geht. Das Thema vielleicht und die Technik, die angewendet wurde.

In diesem Kontext erwähne ich gerne, dass die sozialen Medien für Blinde oft die einzigen Fenster in die Welt sind, da durch das Nichtsehenkönnen oftmals auch ihre Mobilität eingeschränkt ist.

Liebe Leserinnen und Leser, ich hoffe, dass ihr Lust bekommt, eure Bilder zukünftig mit Beschreibungen auszustatten. Ich bin sicher, dass ihr damit Sehbeinträchtigen und Blinden helft, die Welt weiter zu erleben.


* iOS-Twitter-App: Gehe auf Einstellungen > Bildschirm und Ton > Barrierefreiheit > Bildbeschreibungen verfassen (Button anklicken)

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2 Kommentare zu „Sehen oder nicht und wenn ja, wie und womit“

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