Alle unsere Gummibänder

Es ist mir, als wäre in mir ein Gummiband, das ich viele Jahre lang überdehnt habe, gerissen, dachte ich gestern, als ich am Nachmittag, nach einem kleinen Spaziergang in die Dorfbäckerei, total kaputt war und unterwegs auf einer Bank Pause machen musste. Mein Gummiband steht einerseits für Leistungsdruck, andererseits aber für meine bisherige Unfähigkeit, Nein sagen, Stopp sagen zu können.

Heute denke ich, dass mein Gummiband nicht wirklich gerissen ist, sondern dermaßen überdehnt, dass es mich nicht mehr zusammenhalten kann. Und so ausgeleiert kann es mich auch nicht mehr auf Kurs halten. Ob uns unsere Gummibänder wirklich so gut tun, wie die Wirtschaft uns weismacht? Was wären wir ohne sie? Und warum sind sie – jedenfalls die, die ich kenne – so verdammt eng und drückend in ihrer angeblichen Elastizität?

Dass wir etwas brauchen, das uns zusammenhält, stelle ich nicht grundsätzlich in Frage. Und dass ich mir jetzt ein neues Band weben soll, dass mich irgendwie zusammenhält, erkenne ich ebenfalls. Ich hoffe darum um Weisheit bei der Auswahl des Materials und der Farben.

Auf einmal stelle ich mir aber auch einige ungemütlichen Fragen. Und ich denke über all diese Bänder um all diese Menschen nach, die uns alle irgendwie in Form halten. Und warum wir sie tragen. Warum wir sie brauchen. Was sie mit uns machen. Und ob und wenn ja, wie bewusst wir sie selbst gewählt haben.

Artgerecht und eigen-artig

»Dürfen Depressive lachen?«, fragte neulich jemand auf Twitter. Und wie sieht das Leben Hochsensibler aus?  »… konstante Leistung – was ist das?«, fragt die Bloggerin Julia, die ich auf Twitter kennengelernt habe in einem ihrer Blogartikel zum Thema Hochsensibilität. Weiter schreibt sie, dass viele Hochsensible sehr leistungsstark sein können. » … aber diese Leistungsstärke konstant zu halten, das geht bei manchen HSP nicht bzw. ist sehr schwierig. Wenn es denn so scheint, dann setzen HSP eine Maske auf – denn sie wissen ganz genau, wer was von ihnen erwartet … Nur dann besteht die Gefahr, seine eigenen Bedürfnisse aus den Augen zu verlieren und somit sich selbst.«

Quelle: hochsensibel1753.wordpress.com

Sie spricht mir aus dem Herzen. Ein Kommentator schreibt: »Sollte es einen guten Trick geben, das zu regulieren, wäre ich mehr als dankbar.«

Dazu seufze ich. Weil. Eigentlich finde ich selbst es ja nicht wirklich schlimm, dass ich mal so mal so bin. Nur so für mich und meine Nächsten ist das nicht schlimm. Schlimm daran ist, dass unsere Gesellschaft auf konstante Leistungsfähigkeit aufgebaut ist. So gehen wir, andere ebenso wie ich, immer wieder an unsere Grenzen. Äußerlich sieht man uns die Überstimulation und die Reizüberflutung nicht an. Wir haben unsere Masken früh zu tragen gelernt. Fast sind sie mit uns verwachsen, aber sie jucken und sie drücken zum Glück.

Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich feststelle, dass ich nicht die Kraft für mehrere Dinge habe. Mehrere größere, mehrere wichtige Dinge meine ich. Die Kraft reicht nicht für mehr. Weil ich nicht einfach ohne großen Energieaufwand vom einen zum anderen großen Thema mir-nichts-dir-nichts wechseln kann. Nun ja, mit der Maske auf kann ich es natürlich schon, aber es kostet mich unglaublich viel Kraft. Kraft, die mir dann fehlt für anderes, das mich wieder aufbauen würde.

Dazu schreibt Julia: »… warum fällt es uns Hochsensiblen denn (manchmal) so schwer, eine – für Muggels (Normalsensible) – vermeintlich einfache und schnell abzuarbeitende Arbeit zu erledigen?

Ursache: Unser (HSP-)Fokus ist gerade ganz woanders. Ein Muggel würde sagen: „Dann lenk den doch einfach auf das, was gerade ist und mach einfach. Machs doch einfach!“

Danke – das würde ich ja gerne tun. […]

Eindrücke bleiben bei Hochsensiblen länger bestehen. Man stelle sich einen gewöhnlichen Knautschball vor – auch bekannt als „Anti-Stress-Ball“ oder Knetball – den manche Kollegen ab und an tatsächlich durchwalken – weil gerade zu viel los ist – oder anderen Kollegen an den Kopf werfen *Spaß*

Diese Knetbälle benötigen ein bisschen Zeit, sobald sie zerknautscht wurden, bis sie sich wieder in ihrem Ursprungszustand befinden.

Also: Wenn EinDRÜCKE von außen (oder innen!, z.B. Hunger) kommen, wird der Knetball von Hochsensiblen und Muggels ein-ge-drückt… Nur: Bei Hochsensiblen wird er oft tiefer eingedrückt, weil einfach mehr Informationen bei ihm ankommen – und das Zurückverformen in den Ursprungszustand dauert unter Umständen auch länger. Was bedeutet das genau? Wenn man mit zu vielen Eindrücken und Gedanken beladen ist – egal ob hochsensibel oder nicht – kann man nur schlecht etwas Neues aufnehmen bzw. mit etwas Neuem beginnen oder das Bestehende weiterführen bzw. auf bestehendes Wissen zugreifen. Der Fokus ist in diesem Moment nur schwer steuerbar.«

Quelle: hochsensibel1753.wordpress.com

Hochsensibilität, die eigentlich eine Gabe, eine Ressouce sein könnte, ist mir zurzeit Last und Fluch. Ich möchte oft einfach nicht so viel fühlen, doch fühlen kann man nicht abstellen. Mir hilft es, mich durch Julias Blog zu lesen und mich in Ihren Berichten und den Kommentaren anderer wiederzufinden.

Oder in diesem Comic hier (bitte aufs Bild klicken)

hsp-comic

Zu früheren Zeiten und in anderen Kulturen waren wir Hochsensiblen die HeilerInnen, TänzerInnen, WandlerInnen, KünstlerInnen einer Gesellschaft und ihre Gaben waren selbstverständlich. Und heute?

Fazit: Ja, auch Hochsensible können feiern und schuften, genauso wie auch Depressive lachen und sich freuen können. Und genauso, wie Normalsensible zuweilen reizüberflutet sein können und sich zurückziehen müssen.

Wir alle können fast alles. Wichtig ist es aber doch, dass wir genau hinfühlen. Und unsere persönliche Art nicht verleugnen. Und dass wir den Mut haben, uns so zu verhalten, wie es unserer Art entspricht. Artgerecht. Und respektvoll dem Anderssein anderer gegenüber.

Halb oder ganz und unsere Interpretationen

Sehen wir etwas Halbes, denken wir es uns ganz. Fehlende Buchstaben in der Leuchtschrift sind ein typisches Beispiel. Unbewusst folgen wir einem inneren Gesetz der Ergänzung.

Sehen wir einen Menschen und seine offensichtlichen Eigenschaften, denken wir ihn uns ganz. Ergänzen ihn. Unbewusst folgen wir auch hier einem inneren Gesetz der Ergänzung, das auf unserer Erfahrung mit anderen Menschen beruht. Auf Erfahrungen, auch Menschenkenntnis und vor allem auf eins: Auf Interpretation.

Sehe ich einen Menschen, der schuftet wie ein Wahnsinniger, halte ich ihn für besonders leistungsfähig.

So gesehen müssen mich die anderen Menschen, drehe ich das Ganze hier einmal um, für klug, stark und fit halten – wenn ich die Rückmeldungen meiner GruppenkollegInnen so höre.

Und ich begreife, dass wir auf Menschen das Gesetz der Ergänzung nicht anwenden dürfen. Zu viele Unbekannten!

Natürlich bin ich relativ gebildet, und manchmal bin ich stark. Und manchmal bin ich sogar ziemlich fit. Aber. Wie habe ich neulich doch Herrn Bock zitiert? ’Als depressiver Mensch kannst du alles, nur nicht einfach so. Und schon gar nicht immer. Und manchmal gar nicht.’

Unter gewissen Vorzeichen gehe ich leider und noch immer regelmäßig über meine Grenzen. Bin auf Adrenalin und Cortisol sozusagen, unruhig, ruhelos. In Kontexten wie Arbeit oder dem Kurs, den ich aktuell besuche, spüre ich das gleich doppelt. In zeitlich absehbaren Situationen kann ich noch weniger als im Arbeitsalltag halbe Sachen machen. Entweder blende ich mich aus und halte ich mich heraus (wie das geht, weiß ich aber allerdings nicht wirklich) oder ich gebe alles. Normalerweise gebe ich alles. Und danach bin ich kaputt.

Ich kann meine Kräfte nicht wirklich einteilen, gehe immer an die Grenzen und darüber. Und so bin ich entsprechend dauerausgelaugt. Anders, als wenn ich vom Wandern, vom Kunsten, vom Kreativsein müde oder erschöpft bin. Dort baut mich das Tun auf, auch wenn ich müde bin. Es kommt aus meiner Mitte und nährt mich, während ich etwas erschaffe.

Es ist wohl der Fokus, der den Unterschied macht zwischen diesem auslaugenden, erschöpfenden, anstrengenden, ich-gebe-alles-haften Tun und dem kreativen, nährenden Schaffen bei dem ich ebenfalls alles gebe, oder wenigstens so viel, wie ich noch habe.

Beim kreativen Schaffen synchronisiere ich innen und außen, beim auslaugenden Tun stehe ich gleichsam neben mir, sehe mir beim Hampeln, beim Leisten zu und kippe das Adrenalin und Cortisol-Füllhorn über mir aus, damit ich es durchstehen kann. Okay, ich übertreibe ein wenig. Und es ist ja auch nicht immer gleich. Aber während mich das eine aufbaut und beruhigt (sogar das Kritzeln und Zeichnen in den Kursstunden), macht mich das andere hibbelig.

Nun überlege ich, wie ich dem Adrenalin und Cortisol beikommen könnte?


Zur Information

Bei Hochsensibilität werden »in akuten Stresssituationen die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin ins Blut ausgeschüttet. Ersteres bereitet den Körper auf eine Flucht- oder Kampfsituation vor, zweiteres ist ein Neurotransmitter, der das Gleiche mit dem Gehirn macht – es wird für schnelle Bewertungen und Entscheidungen in Schwung gebracht. Erfährt der Metabolismus innerhalb einer gewissen Zeitspanne mehrere Adrenalinstöße, so wird das für Dauerstress zuständige Hormon Cortisol ausgeschüttet, was Körper und Geist in nachhaltige Alarmbereitschaft versetzt. Wie viele bzw. wie starke Aufregungen oder Störungen dafür notwendig sind variiert von Mensch zu Mensch, bei manchen hochsensiblen Personen (HSP) können jedoch schon drei relativ geringfügige Unterbrechungen der Konzentration innerhalb einer halben Stunde dazu führen. Untersuchungen an einer amerikanischen Universität haben gezeigt, dass hochempfindliche Kleinkinder schon bei einer einzigen Konfrontation mit etwas Unbekanntem in den Cortisolzustand wechseln, wenn sie davor zwei Stunden lang mit einer nur mäßig aufmerksamen Betreuungsperson verbracht haben, war die Betreuungsperson jedoch sehr aufmerksam, sind die Kinder viel belastbarer.«

Quelle: www.zartbesaitet.net

Next Exit

Ich bin ja bekennende Fanin von Liz Ritschard, der Luzerner Tatortkommissarin. Gestern habe ich mir darum die neue, am Sonntag verpasste Folge Freitod* angeguckt.

Ich bekenne außerdem, dass ich seit vielen Jahren Mitglied von EXIT bin, einer Schweizer Freitodvereinigung, ähnlich jener, die im Tatort von den FundamentalistInnen bekämpft wird. Im Laufe meines Lebens habe ich mich schon umfassend mit dem Thema auseinandergesetzt. Die Fragen, die Liz Ritschard ihrem Teamkollegen Reto Flückiger stellt, sind mir daher nicht neu. Sie versucht wiederholt, seine Meinung zum selbstgewählten Freitod zu erfahren. Seine pragmatischen Antworten sprechen von der Angst vor dem heiklen Thema und vor dem Tod selbst.

Ausnahmsweise habe ich mir die anschließende Gesprächsrunde im Schweizer Fernsehen, Sternstunde Philosophie, angeschaut.

Ein Teilnehmer der Runde war richtig gruselig. Ich leide sehr darunter, wenn und wie Menschen, die keinen persönlichen Bezug zum Thema Suizid haben, darüber urteilen, was Menschen, die sie nicht verstehen, entschieden haben. Die anderen drei GesprächspartnerInnen diskutierten fair und offen, teils kontrovers, teils sich treffend, nur der eine, ein österreichischer Philosoph mit Hang zum Missionieren (K. P. Liessmann), hat sich extrem dagegen gewehrt, dem Menschen die freie Wahl zuzugestehen. Er hat damit sich und seine sozialen Kompetenzen meines Erachtens selbst disqualifiziert.

Ja, es verletzt mich, wenn ich höre, wie andere Suizid (pauschal) interpretieren und verurteilen. Wer keinen persönlichen Bezug zum Thema hat, sollte, finde ich, den Mund halten. Oder nachdenken darüber, wie es wäre, falls.

Wer selbst noch nie daran gedacht hat, sich das Leben zu nehmen, nicht mehr leben zu wollen und/oder wer niemanden kennt, der das getan hat, weiß nicht wirklich, oder jedenfalls nur theoretisch, was es heißt. Und was es alles umfasst.

Es gibt ja Leid, das als Begründung für eine Sterbebegleitung nachvollziehbarer ist als anderes. Finale Krankheiten zum Beispiel. Dafür hat fast jede/r Verständnis. Anders ist es schon mit dem Bilanzsuizid (»ich habe genug und gut gelebt, jetzt will ich sterben«) und nochmals anders ist es mit dem Suizid aus Verzweiflung/im Affekt bei dem die Angehörigen aus allen Wolken fallen. (»Aber man hätte doch sicher eine Lösung gefunden …«, »Warum tut er uns das an?«)

Lange Rede, kurzer Sinn: Welche Alternativen hat ein Mensch, der dieses Leben, diese Umwelt, seine Umstände etc. aus welchen Gründen auch immer nicht mehr erträgt? Welche würdevolle Alternative gibt es zum begleiteten Suizid? Ich kenne keine und finde es daher sehr gut, dass sich EXIT und andere darum Organisationen in der Schweiz darum kümmern, dass Menschen, die sterben möchten, würdevoll und selbstbestimmt sterben können.

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Ihr sagt, wir seien undankbar,
weil wir das Leben, das wir schier nicht ertragen,
wegwerfen wollen.

Ihr sagt, wir seien feig,
weil wir das Leben, nicht mögen und es lieber
gegen den Tod eintauschen möchten.

(9-2016)

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Eigentlich geht es hier ja um die eine grundsätzliche Frage: Was ist das Leben für uns? Und die kann jeder und jede ausschließlich für sich selbst beantworten und bitteschön akzeptieren, dass andere es anders sehen.


* Plot: Eine deutsche Staatsangehörige reist mit ihrer Tochter in die Schweiz, um hier zu sterben. In einem Wohnblock am Rande der Stadt wird sie von einem Team empfangen und würdevoll in den Tod begleitet. Am nächsten Tag wird eine der Sterbehelferinnen tot aufgefunden, brutal erschlagen.