Träumen und Teilen. Träume teilen.

»Du lässt dich also dafür zahlen, dir deine Träume erfüllen zu können? Nur damit du Ferien machen kannst?« Seiner Stimme war Erstaunen, eine Art Fremdscham vielleicht sogar, vor allem aber Unverständnis anzuhören.

»So mag es vielleicht auf den ersten Blick aussehen. Es ist eher eine Art Tausch: Die Leute, die uns unterstützen und unterstützt haben, bekommen für ihr Geld ein live geschriebenes Buch, sie bekommen tägliche Berichte. Sie können direkt und unmittelbar mit uns mitreisen. Außerdem ist es ja nicht so, dass wir auf Kosten anderer in Saus und Braus leben. Wir wurden für unsere Arbeit des Reisens bezahlt, und ja, das ist eine wunderbare Arbeit, aber wer sagt, dass Arbeit nicht Spaß machen darf?«

Dieses Gespräch hat tatsächlich schon stattgefunden. So und/oder ähnlich.

Crowdfunding ist ein Konzept, das auf Solidarität basiert. Ich habe schon viele andere Projekte (Filme und Bücher vor allem) über Crowdfunding mitfinanziert und so ermöglicht, dass ein Traum Wirklichkeit geworden ist. Diesen Sommer habe ich das erste Mal die umgekehrte Seite erlebt und mich für die Verwirklichung eines Traums unterstützen lassen. Ohne die finanzielle Mithilfe lieber Menschen wäre ich nach #Flussnoten blank gewesen und hätte im August buchstäblich am Hungertuch genagt. Ich verdiene wenig. Zurzeit sogar gar nichts. Und von der Arbeitslosenkasse habe ich noch immer keinen Rappen bekommen. Einenteils habe ich das selbst gewählt (weil ich die Notbremse gezogen und aus gesundheitlichen Gründen gekündigt habe), andererseits ist das natürlich nur ein kleiner Teil der ganze Wahrheit.

Und ja, ich habe mir diesen Sommer mit der Rheinwanderung einen Traum erfüllt und ich habe mir bei der Traumerfüllung von anderen helfen lassen. Nein, Träume in die Wirklichkeit zu holen, in die Realität, bedeutet nicht, dass jetzt und für alle Ewigkeit alles gut ist. Denn auch ein Traum kostet Kraft, treibt Schweiß, strengt an.

Doch was wäre eine Welt ohne Träume, unwirkliche und verwirklichte? Und was wäre eine Welt ohne Solidarität? Ohne den Austausch von Ideen, ohne Inspiration, ohne jene anderen Menschen, die etwas wagen, das man selbst nicht wagt.

Dinge tun, Dinge lassen, Dinge erleben, Dinge besitzen. In dieser Welt voller Dinge, braucht es auch immer wieder das Unding. Die Vision. Das Unfassbare. Die Kunst. Den Ausdruck.

AliensradIn dieser Welt voller Dinge tat es mir wohl, gestern in einer Wohnung zu Besuch zu sein, in der es nur wenige Dinge gibt. Meine Freundin M. (2) hat beim Umzug neulich – nach dem Auszug ihrer Tochter in eine Studentinnen-WG – ihren Besitz bewusst reduziert und sich auf das Wesentliche beschränkt. Wie jene Romanfigur in einem neulich gelesenen Krimi. Nur noch zweieinhalbtausend Dinge besitzt diese Protagonistin. Wir zivilisierten Menschen des Westens besitzen durchschnittlich hunderttausend Dinge las ich kürzlich. Wenn ich nur schon meinen Schreibtisch angucke, mit all seinen Stiften und Linealen und Gummis und Büchlein und Blöcklein und und und … kann ich mir vorstellen, dass das gar nicht zu hoch gegriffen ist.

Im Sommer, unterwegs am Rhein, genoss ich die Wenigkeit, die ich bei mir hatte, sie war immer noch schwer genug (meine vielleicht hundert Dinge auf dem Rücken und am Leib). Jetzt, wieder im Alltag, wünsche ich mir zuweilen, freier von Dingen zu sein, von Materie, und doch … es ist eine Verbindung, die über die Dinge hinausgeht. Dinge sind Symbole, Erinnerungen, Botschaften. Sie sind Energieträger.

»Geld ist Energie. Geld gibt Energie«, sagte neulich Freundin C.

So habe ich mir also Energie geben lassen, damit ich meine Träume verwirklichen konnte? Das Bild gefällt mir besser als die subtil vorwurfsvolle Frage, ob ich mich für meine Träume bezahlen lasse.

Vielleicht sollten wir uns gegenseitig einfach mehr Energie geben, mehr Traumverwirklichung ermöglichen, einander mehr Raum geben, uns überhaupt viel solidarischer verhalten – besonders dort, wo diese lebenswichtige Absichtslosigkeit im Spiel ist, die nichts anderes will als nichts. Wie das Lachen eines Kindes. Wie Tanz. Wie Wind. Wie der tanzende Klang eines Windspiels.

Advertisements

2 Kommentare zu „Träumen und Teilen. Träume teilen.“

  1. Hallo SoSo,
    also ob ich eine „Wenigkeit“, so wie Ihr sie auf der Rheinwanderung gehabt habt oder wir Jürgen sie bei seinen Radtouren hat, praktizieren könnte, das weiß ich nicht. Ich glaube es auch nicht. Ich glaube auch nicht, dass ich das wollte. Andererseits: ich sehe ein, dass ein „Vereinfachen“ (des Lebens) einem wirklich gut tun kann. Und so wird dann wohl jeder seinen persönlichen Kompromiss finden müssen. Danke für Deine anregenden Gedanken hier, und hab‘ eine feine Woche,
    Pit

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.