In einem Zug zu lesen #6 − Anna Salter

Nicht nur eins, sondern gleich alle fünf Bücher von Anna Salter habe ich in den letzten Wochen gelesen.

Die Psychologin, Salters erster Kriminalroman lag eines Tages in meinem ständig wachsenden Stapel zu lesender Bücher. Manche Bücher sind einfach plötzlich da. Ein altes Buch war es, nicht arg zerfleddert, aber nicht neu. Vielleicht habe ich es mal aus einer Tauschkiste gefischt? Die Sedimentation meiner Bücherstapel ist unerklärlich.

Auf Krimicouch kann ich lesen, dass Anna Salter in North Carolina geboren und aufgewachsen ist. Sie studierte Literaturwissenschaft und Psychologie, bevor sie sich in Harvard der Kinderpsychologie und klinischen Psychologie zuwandte. Ihre wissenschaftlichen Publikationen beschäftigen sich sowohl mit Sexualstraftätern wie auch mit der Behandlung von deren Opfern. Dr. Salter ist gefragte Beraterin bei Gericht und im Strafvollzug. Daneben unterrichtet sie an Universitäten weltweit. Schon diese Biografie hatte mich neugierig gemacht. Doch Anna Salter ist auch eine begnadete Autorin. Ich liebe ihren klaren Blick für die Details und vor allem liebe ich ihre zwei Protagonistinnen, jene der ersten vier Bücher ebenso wie jene des fünften Buches.

Während Die Psychologin, Der Schatten am Fenster, Tödliches Vertrauen und Schwarze Seelen zusammengehören und Einblick in die Fälle der charismatischen Psychologin Dr. Michael Stone geben, ist das fünfte Buch, Wenn du lügst, eine eigene, eine neue Geschichte, die Einblick in Fälle von Dr. Breeze Copen gibt.

BucBuchcover zu Wenn du lügst von Anna SalterBreeze Copens besonderes Talent ist die Synästhesie. Ich würde ihr auch Hochsensibilität oder gar Hochsensitivität unterstellen. Kurz: sie nimmt Dinge wahr, die anderen verborgen sind. Vielleicht habe ich sie deshalb sofort ins Herz geschlossen. (Im Gegensatz zu mir vertraut sie ihren Wahrnehmungen allerdings sehr und hat sie in ihre Arbeit integriert.) An beiden Heldinnen mag ich ihre Liebe zur Natur, ihre Natürlichkeit und ihren Mut, mit der sie sich den Problemen stellen.

Bei allen Büchern geht es um die therapeutische Arbeit mit Gewaltopfern und Sexualverbrechern – eingebetet in den Alltag der Figuren mit all ihren Alltagsproblemen, -freuden und -ängsten.

Starker Tobak, ja, aber mich fasziniert dieser detaillierte und anschauliche Blick hinter die Fassaden. denn mich interessieren die Menschen: Opfer ebenso wie Täter. Anders als in normalen Krimis bekomme ich hier das Gefühl, dass es sich wirklich so abgespielt haben könnte. Die Geschichten sind allerdings wirklich schmerzlich. Ich bin sehr involviert, bibbere mit und bin am Ende froh, dass sich die Dramen irgendwie zum Guten wenden. Allerdings nicht auf eine billige Art, eher so, dass ich für die Opfer Hoffnung schöpfen kann. Ich kann mir beispielsweise vorstellen, dass die jahrelang missbrauchte Mutter wieder einen Weg zu ihrer Tochter finden wird.

Ob ich deshalb Krimis lese – um der Hoffnung willen? Zumal ich ja vor allem Krimis lese, welche die Innenräume, das Leid, die Neuanfänge, die Prozesse der ProtagonistInnen zeichnen. Weil ich daraus Hoffnung schöpfen kann? Hoffnung, dass das Leben doch irgendwie lebenswert ist, auch wenn. Trotz allem.

[Anna Salters Bücher habe ich übrigens antiquarisch gekauft. (Vermutlich sind sie aber auch so noch erhältlich, vielleicht sogar als eBooks? Oder bei mir ausleihbar?)]

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9 Kommentare zu „In einem Zug zu lesen #6 − Anna Salter“

  1. Hallo SoSo,
    nun hast Du mich neugierig gemacht! Einerseits. Aber andererseits: ob ich so „starken Tobak“ wirklich mit Genuss lesen koennte? Muss ich mir noch ueberlegen. Auf jeden Fall habe ich aber mal nachgesehen. Bei Amazon sind die Krimis (noch) erhaeltlich. Um nichts zu vergessen, habe ich mal einen [Shiny Water] auf meine Wunschliste gesetzt. Mal sehen, was draus wird. Danke auf jeden Fall fuer die Anregung.
    Hab‘ einen feinen Restsonntag,
    Pit

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    1. Für Ama*dings würde ich nie werben, sorry. Das sind Menschenarbeitsrechtverletzer. Aber zum Glück gibt’s ja Alternativen.

      Aber mich freut’s, wenn ich dich anfixen konnte. Ich mag die Art, wie die Autorin ihre Erfahrungen bündelt in ihren Geschichten.

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    2. Klar, Amazon ist problematisch – um es einmal so ganz vorsichtig auszudruecken. Aber hier, mit nur sehr wenig Buchhandlungen [eiben und leider eine Folge von Amazon], ist es nicht einfach, an Buecher zu kommen.

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    3. Ich koennte ja auch mal unsere staedtische Buecherei probieren. Wenn sie’s nicht haben, besorgen sie es aus ganz Texas, sofern es in irgendeiner oeffentlichen Buecherei hier zu finden ist.
      Das Zitat gefaellt mir! Sehr!

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  2. Darf man das Buch auch in einem Bus lesen? 😉
    Im Ernst: Du hast mich neugierig gemacht, da ich psychologisch fundierte Bücher mag. Dass Opfer und Täter gleichermaßen beleuchtet werden, finde ich spannend. Aber wenn alles gar zu deprimierend wird, zieht es mich schnell runter. Was rätst du? Gibt es auch Lichtblicke in dem Roman? Mit welchem Gefühl klappt man das Buch am Ende zu?

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    1. Während des Lesens war ich oft sehr ko, aber das gute Gefühl überwog bei mir. Das gute Gefühl, ein wenig mehr zu verstehen und zu erkennen. Und ich mag die Figuren.

      In einem Bus kannst du es vielleicht nicht in einem Zug lesen … 😉

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