Alle unsere Gummibänder

Es ist mir, als wäre in mir ein Gummiband, das ich viele Jahre lang überdehnt habe, gerissen, dachte ich gestern, als ich am Nachmittag, nach einem kleinen Spaziergang in die Dorfbäckerei, total kaputt war und unterwegs auf einer Bank Pause machen musste. Mein Gummiband steht einerseits für Leistungsdruck, andererseits aber für meine bisherige Unfähigkeit, Nein sagen, Stopp sagen zu können.

Heute denke ich, dass mein Gummiband nicht wirklich gerissen ist, sondern dermaßen überdehnt, dass es mich nicht mehr zusammenhalten kann. Und so ausgeleiert kann es mich auch nicht mehr auf Kurs halten. Ob uns unsere Gummibänder wirklich so gut tun, wie die Wirtschaft uns weismacht? Was wären wir ohne sie? Und warum sind sie – jedenfalls die, die ich kenne – so verdammt eng und drückend in ihrer angeblichen Elastizität?

Dass wir etwas brauchen, das uns zusammenhält, stelle ich nicht grundsätzlich in Frage. Und dass ich mir jetzt ein neues Band weben soll, dass mich irgendwie zusammenhält, erkenne ich ebenfalls. Ich hoffe darum um Weisheit bei der Auswahl des Materials und der Farben.

Auf einmal stelle ich mir aber auch einige ungemütlichen Fragen. Und ich denke über all diese Bänder um all diese Menschen nach, die uns alle irgendwie in Form halten. Und warum wir sie tragen. Warum wir sie brauchen. Was sie mit uns machen. Und ob und wenn ja, wie bewusst wir sie selbst gewählt haben.

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6 Kommentare zu „Alle unsere Gummibänder“

  1. … welch achtsame Worte, zum nachdenken, zum spüren, zum… sich finden, sich -neu- e erkennen… jetzt einen Kaffee und in mich hinein hören…
    wir sind auf dem richtigen Weg, du bist auf dem richtigen Weg… Du bist… Richtig !
    auch an dieser Stelle sage ich: Dankeschön *Lächel

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  2. Ich wäre für grün als Farbe, wegen der Hoffnung, und so! 😉 Das Material überlasse ich Dir. Und ich würde den Vorschlag machen, es vorübergehend mit einer Aufschrift zu versehen: „Macht euren Sch*** erst mal alleine!“ Vielleicht ist es der eigenen Leistungsfähigkeit nämlich ganz zuträglich, sich vorübergehend wirklich nur um die existenziellen Dingen und sich selbst zu kümmern.

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    1. Wären da nicht die Finanzen, würde ich genau das tun. Und ich tu es ja irgendwie, weil ich gar keine Kraft für etwas anderes habe.
      Ja, grün, das klingt nach einer guten Farbe. Und violett, als Schutzfarbe. Und natürlich erdbraun, damit ich den Boden unter den Füßen nicht verliere undundund … ich glaube, es wird ein buntes Band.
      Danke dir!

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  3. ich las dich gestern ohne zeit zu kommentieren. jetzt, als ich es nochmal lese, will das bild von den gummibändern als fäden einer marionette nicht aus meinem kopf. ich denke darauf rum, ob es uns besser ginge, wenn sie gar nicht da wären. oder ob wir ohne sie gar nicht lebensfähig sind.
    ich schicke dir jedenfalls viel gelb-orange farbe für deine bänder.
    und herzgrüße ❤ weil du mich immer wieder daran erinnerst, dass ich besser auf mich achten muß und du weißt schon 🙂

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