Zettelzöix

Ich verzettle mich in der vielen Zeit, die wie eine große Leere und wie eine große Fülle zugleich um mich herum Platz genommen hat. Ich verzettle mich auf Zetteln. In Büchern. Draußen ebenso wie drinnen. Wie zum Beispiel vorhin, als ich auf der Suche nach dem Namen einer Person, mit der ich vor zwölf Jahren Kontakt hatte, ein, zwei Stunden in alten Tagebüchern gelesen habe.

Verzettelung ist auf den Punkt gebracht mein großes Problem auf dem Weg des Vorankommens. Sagte meine Kursleiterin im Schlussgespräch letzten Freitag zu mir.

Aber was wäre, frage ich, aber was wäre, wenn sich zu verzetteln eine Gabe wäre? (Gibt es keinen Beruf, in dem sich zu verzetteln die gefragteste aller gefragten Fähigkeiten ist?) Was wäre, wenn Vorankommen, Ziel, Erfolg, wie sie unsere Gesellschaft anbetet, vielleicht gar nicht Dasjenigewelches ist, dass wir so dringend brauchen. Wenn alles anderes wäre? Und wie würde es sich wohl anfühlen, das Leben, ohne voranzukommen?

Ich versuche es mir vorzustellen, aber es geht irgendwie nicht. Voranzukommen steckt uns in den Genen, behaupte ich mal.

Aber irgendwann kommt der Wendepunkt und das Vorankommen kippt und verwandelt sich in ein Zurückkommen. Kippt es dort, wo wir uns auf dem Lebensweg zurück in die Mitte zu bewegen anfangen? Bin ich schon dort? Darf ich mich aufs Zurückkommen konzentrieren oder muss ich noch vorankommen? Und was genau ist dieses Zurückkommen?

Vor langer Zeit, in einem Vortrag, erzählte ein weiser Mensch, dass das Leben einem Labyrinth gleiche. Die erste Lebenshälfte gehen wir den Weg von der Mitte nach außen, in der zweiten gehen wir den Weg wieder zurück ins Zentrum.

Wir kommen aus der Mitte, wir gehen in die Mitte. Dazwischen ist Leben.

Zurückkommen in die Mitte scheint mir zurzeit weit erstrebenswerter als das Vorankommen.

Vielleicht ist es doch gar nicht so wichtig, was wir tun, sondern wie wir uns dabei verhalten, in welcher Haltung wir tun was wir tun. Vielleicht ist es ja so, dass das Leben eine Art Geduldsspiel ist, ein lebenslängliches Experiment womöglich, bei dem es nicht darum geht, dass wir es möglichst schnell und möglichst fehlerfrei lösen, sondern in einer friedlichen Haltung.

Nein, soweit bin ich noch nicht. Obwohl ich mit dem einen oder anderen umständlichen Umstand Frieden geschlossen habe. Und ja, mit meiner Tendenz zur Verzettelung, die mir schon von Kind auf attestiert wurde – mit hübschen Umschreibungen wie ’sie hat viel Phantasie‘ und ’sie träumt gerne‘ garniert –, hadere ich zuweilen immer noch. Wie gerne würde ich klarer priorisieren können. Klarer durchblicken. Nicht alles nebeneinander, nicht alles gleich schwer, gleich bunt, gleich wichtig wahrnehmen, sondern … ja, wie? Ich hadere aber eigentlich, wenn ich ehrlich bin, damit nicht wirklich, oder möglicherweise nur darum, weil mich meine Verzettelung daran hindert, ein nützliches, wertvolles und arbeitssames Mitglied der Leistungsgesellschaft zu sein, an die ich nicht wirklich glauben kann.

Hm. Und jetzt?

Meine Gedanken bündeln und mich auf etwas konzentrieren, im Flow sein kann ich natürlich schon. Gut sogar. Wenn ich auf der Kür- statt auf der Pflichtstraße gehe besonders gut. Wenn ich wählen könnte, was ich tun wollte. Wenn ich tun könnte, was ich gewählt hätte. Wenn ich …

Ach Konjunktiv, du wieder, du Verzettler erster Güte du!

Dabei wollte ich ja bloß erzählen, dass unser Rheinwanderundradelprojekt Flussnoten seit letztem Mittwoch abgeschlossen ist, Irgendlink mich überraschenderweise danach direkt von der Rheinmündung in Holland aus heimgesucht hat und mich das Zusammensein mit ihm – wie immer – total inspiriert.

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10 Kommentare zu „Zettelzöix“

  1. … was wäre wenn… die Strecke keine Strecke, die Zeit keine Zeit wäre wenn alles nur… gleichzeitig… ein unendlichdimensionaler Punkt… hier und jetzt…
    dann wären all die Verzettellungen eine unendliche Möglichkeit…
    du, meine Liebe, hast die Antwort schon auf den Punkt gebracht*lächel

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  2. Ich kenne dieses Verzttelungsdings auch ziemlich gut, aber gleichzeitig habe ich doch auch gelernt Prioritäten zu setzen, beides darf sein, alles zu seiner Zeit! Aber viel wichtiger ist mir die innere Haltung, die du auch benennst, sie trägt mich durch den Tag oder nicht- ich mache seit ein paar Wochen jeden Morgen eine kleine Meditation: 3 Minuten an etwas Schönes denken, eine Minute auf den Atem achten und eine Minute um mich auf die To-Dos des Tages einzuschwingen, klappt richtig gut und was sind schon fünf Minten?!
    Liebe Grüsse
    Ulli

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  3. Verzettelung ist doch etwas Wundervolles, solange du selbst noch einigermassen den Überblick behältst. Ich stelle mir vor, wie eine Biene von Blüte zu Blüte fliegt und Nektar sammelt, sammelst du so Gedanken und Inspiration und könntest darüber bestimmt ein Buch schreiben oder zumindest Geschichten. „Sie hat viel Fantasie“ klingt halt eher nach nach Kreativität und Irrsinn statt einer Karriere im kaufmännischen Bereich. Sei froh drum!!!!

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  4. Hallo 🙂

    Bei meinem letzten Hochsensiblenfrühstück vor einer Woche hatten wir es über ToDo-Listen. Da hat eine Teilnehmerin dann gesagt, sie macht diese nie als Liste, sondern als Mind-Map! Und zwar für jeden Lebensbereich ein Blubberbläschen und da dann diejenigen Dinge aufschreiben, die zu diesem Bereich gehören. Ich habe das zwar nicht probiert, kommt allerdings dem „verzettelten“ Denken und Handeln entgegen. Denn Prioritäten spielen hier nicht die größte Rolle, sondern der gesamte Kontext!

    Meiner Meinung nach gehört all das zum sogenannten holistischen Denken – dieses Denken haben sehr viele hochsensible Menschen. Hätte man dieses Denken in einer Gesellschaft nicht, dann würden Menschen gar nicht auf die Idee kommen, Dinge zu verbinden, die augenscheinlich nichts miteinander zu tun haben. Holistische Denker sind Ideengeber und Erfinder unserer Gesellschaft! Wir brauchen diese so händeringend, aber das Funktionieren in einer Gesellschaft, wie es den gängigen Rollen- und Idealbildern entspricht, scheint wohl wichtiger…

    Siehe auch hier:
    http://lexikon.stangl.eu/16043/divergentes-denken/

    Mehr dazu für Hochsensible gibt es z.B. auch in diesem Buch:
    https://www.amazon.de/Hochsensibel-wirkliches-Potenzial-umfangreichem-Selbsttest/dp/3424152935

    Liebe Grüße und alles Gute dir,
    Julia

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    1. Herzlichen Dank für diese Ideen, für die Links und für dein Mitdenken. Ich schaue es mir später noch genauer an.
      Unserer Gesellschaft fehlt das ganzheitliche, zusammenhängende Bewusstsein, genau.
      Schön, dass du mitliest. Danke und liebgrüß zurück!

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